Ein Amtsarzt erklärt im Lagezentrum des Gesundheitsamt Mitte eine neue Software (SORMAS). | dpa
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Corona-Nachverfolgung Daten müssen weiter abgetippt werden

Stand: 18.03.2021 11:44 Uhr

Die Gesundheitsämter sollen flächendeckend eine neue Software zur Nachverfolgung von Corona-Fällen nutzen. Doch die Umsetzung stockt laut Kontraste-Recherchen weiter. Daten müssen noch immer per Hand abgetippt werden.

Von Ursel Sieber, rbb

Sormas heißt die Software, mit der eine bessere Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglich sein soll, über Kreisgrenzen hinweg. Die Software soll unter anderem ermöglichen, herauszufinden, wo sich die Menschen genau anstecken.

Bereits 290 von 400 Gesundheitszentren hätten Sormas "installiert", verkündet das Bundesgesundheitsministerium. Eigentlich hätte das Programm schon seit Ende Februar in allen Ämtern im Einsatz sein sollen. Das ARD-Politikmagazin Kontraste hat alle 400 Gesundheitsämter angeschrieben. Ergebnis: Nur rund 90 Gesundheitsämter arbeiten tatsächlich mit der Software. Bei den allermeisten ist Sormas nicht aktiv, sondern "im Testbetrieb".

Dabei gilt Sormas, eine Erfindung des Epidemiologen Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum, als gutes Programm: eine Open Source-Plattform, die sich in Afrika bei der Bekämpfung von Ebola bewährt hat. Auch die Schweiz und Frankreich nutzen Sormas erfolgreich.

"Kein Software-Haus"

Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamts Nordfriesland, versucht seit Wochen, Sormas zum Laufen zu bekommen - und schafft es nicht, auch nicht mit seinem jungen, computeraffinen Team. "Wir würden ja Sormas gerne nutzen", sagte er Kontraste, "aber wir sind ein Gesundheitsamt, kein Software-Haus". Es gehe insbesondere um Schnittstellen, um den Export von Daten aus dem bisherigen System in das neue. "Wir brauchen Spezialisten, die uns begleiten und Fragen schnell beantworten", so Tinnemann.

Die angebotenen Schulungen reichen ihm nicht. Fünf Ansprechpartner des Helmholtz-Zentrums stehen für die Sormas-Einführung, den sogenannten "Roll-out" bereit, heißt es in einer internen E-Mail, die Mitte Dezember an das Bundesgesundheitsministerium ging. Und: Die Sormas-Hotline für 400 Ämter sei nur mit einer einzigen Person besetzt.

Kein Konzept für "Roll-Out"

Das Bundesgesundheitsministerium hatte für die flächendeckende Einführung offenbar kein umfassendes Konzept aufgestellt. Helmut Krcmar von der TU-München, der selbst zwei Gesundheitsämter in Bayern bei der Einführung betreut, spricht von einem "Anfängerfehler, der nicht passieren darf".

Auch IT-Managerin Anke Sax wundert sich: Sie hat selbst Software-Einführungen in großen Unternehmen verantwortet und weiß: Ein "Roll-Out-Konzept" ist bei der Einführung einer neuen Software zentral. Nötig wären zahlreiche Teams von IT-Experten, die bundesweit ausschwärmen und die Einführung von Sormas individuell begleiten - so lange, bis alles klappt. Drei bis fünf Tage würde das pro Amt etwa dauern, schätzt Sax.

Gemeinsam mit der Björn-Steiger-Stiftung hatte Sax dem Bundesgesundheitsministerium im vergangenen Jahr sogar ein entsprechendes Konzept vorgestellt. Etwa acht Millionen Euro würde demnach ein "Roll-Out" kosten. Umgesetzt wurde das Konzept jedoch nicht. Sax kommentiert das recht diplomatisch: "Ich würde mir wünschen, dass das Bundesgesundheitsministerium ein bisschen mehr Verantwortung übernimmt."

Daten werden per Hand übertragen

Es gibt noch eine andere Hürde. Dabei geht es um eine Schnittstelle zu einem Programm aus den 1990er-Jahren. Es nennt sich SurvNet und gehört dem Robert Koch-Institut (RKI). Mit SurvNet werden Infektionskrankheiten an das RKI übermittelt: Masern, Pocken - aber auch Coronafälle. Damit das klappt, müssen beide Programme miteinander harmonieren. Doch genau diese Schnittstelle funktioniert nicht. Bekannt ist das Problem seit fast einem Jahr. Gelöst ist es nicht.

Um die Coronafälle an das RKI zu melden, müssen Mitarbeiter daher jeden einzelnen Namen aus Sormas per Hand in das SurvNet-Programm übertragen: Name für Name, Straße für Straße. Jede Angabe zu einem positiven Corona-Fall müssen sie noch mal abtippen. Die Ämter, die Sormas schon länger nutzen, verzweifeln mittlerweile: "Ein Termin nach dem anderen wurde gerissen und wir wissen immer noch nicht, wann die Schnittstelle endlich funktioniert", schreibt ein Amt aus Berlin.

Aktenordner stehe im Gesundheitsamt des Landkreises Esslingen. (Archivbild: Mai 2020) | dpa

Daten müssen noch immer per Hand abgetippt werden, weil eine Schnittstelle nicht funktioniert. Bild: dpa

Software aus 1990er-Jahren

All das ist für den IT-Experten Achim Löbke schwer zu verstehen. Neben seiner Tätigkeit als IT-Verantwortlicher bei der Firma Uniper begleitet er nebenberuflich die Einführung von Sormas. "Das Programmieren dieser Schnittstelle bricht uns das Genick", sagt der IT-Manager. Das verbrauche die meiste Energie - andere Arbeiten zur Weiterentwicklung blieben liegen.

Löbke beschreibt eine Art Katz-und-Maus-Spiel: Das RKI füge immer wieder neue Anforderungen in Survnet ein, verändere Felder - so dass die Programmierer von Sormas ständig "hinterher programmieren" müssten. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Insider, das RKI versuche Sormas zu boykottieren, das neue Programm werde dort offenbar als Konkurrenz gesehen. IT-Spezialist Löbke hält die Architektur von SurvNet zudem für veraltet, ungeeignet für die Zwecke einer Pandemie. Der Münchner Wissenschaftler Krcmar kommt zur selben Bewertung: "Es ist, als ob sie den neuesten Porschemotor in einen alten Fiat einbauen - es bleibt ein Fiat und wird kein Porsche."

Spahn könnte das Problem lösen

Nach fast einem Jahr Schnittstellen-Chaos sieht Löbke nur einen Ausweg: Bundesgesundheitsminister Spahn müsse das RKI als untergeordnete Behörde anweisen, Corona-Meldungen direkt aus Sormas zu empfangen. Damit wäre der Umweg über SurvNet automatisch weg, das Thema Schnittstelle hätte sich erledigt.

Das Ministerium antwortete auf Kontraste-Anfrage dazu: Die Anbindung zwischen Sormas und SurvNet sei technisch umgesetzt und werde "sukzessive" ausgerollt.

Über dieses Thema berichtet das Erste am 18. März 2021 um 21:45 Uhr in der Sendung "Kontraste".

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KOMMENTARE

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Anna-Elisabeth 18.03.2021 • 20:28 Uhr

@12:51 von Kurt Meier

//Hier recht sich halt ganz böse , ...// Bitte verzeihen Sie mir meinen dämlichen Rechtschreibfehler. Es sollte natürlich heißen: Hier rächt sich halt...