Flughafen BER | Bildquelle: ADAM BERRY/EPA-EFE/REX

Baumängel am Berliner Flughafen Das Problem mit den Dübeln

Stand: 10.05.2019 17:00 Uhr

Eigentlich sollten beim Berliner Großflughafens BER keine weiteren Bauarbeiten mehr notwendig sein. Doch nun müssen doch aufwendige Umkonstruktionen erfolgen, berichtet ein Insider. Die planmäßige Inbetriebnahme ist in Gefahr.

Von Tina Friedrich, Boris Hermel, Chris Humbs und Susanne Katharina Opalka, rbb

Es gleicht einer Operation am offenen Herzen des Hauptstadtflughafens: Der "Medienkanal", der wichtigste Kabelkanal des BER verläuft in den Untergeschossen des Terminals und beinhaltet alle wichtigen Kabelstränge. Er ist die Hauptschlagader des neuen Berliner Flughafens - und muss nun wohl aufwendig umgebaut werden.

Die Kabeltrassen im Schacht sind teilweise an Kalksandsteinwände montiert. Die Konstruktion mit den Dübeln könne die Last nicht tragen, berichtet ein Insider gegenüber Kontraste und rbb24. Denn Kalksandstein ist porös und kann bei zu großen Lasten ebenso wie im Brandfall platzen. "Kein Dübel kann in so einem Mauerwerk die Last der Kabeltrassen tragen. Wenn dort ein Brand ausbricht, ist es noch schlimmer, da platzen die Steine auf. Das darf nicht sein."

Die Verarbeitung von Kalksandstein wirkt sich auch auf die Frage der verbauten Dübel aus. "Die Dübel müssen auch bei Feuer halten. Denn da drin sind auch die Steuerleitung für die Brandmeldung, die ganze Sicherheitstechnik. Fällt da eine Trasse runter, wird etwas abgeklemmt oder reißt da etwas, dann hat das massive Auswirkungen auf die ganze Sicherheit." Das könne so nicht bleiben, ergänzt er.

Neue Stahlbetonträger notwendig

Deshalb soll nun umgebaut werden: Die Kabeltrassen sollen nicht länger an den Kalksandsteinwänden hängen, sondern auf ein neues Trägersystem aus Stahlbeton gelegt werden. Diese Konstruktion muss allerdings erst in den mit Kabeln vollgestopften Kanal eingezogen werden. Jede dieser Leitungen ist relevant für die finalen Abnahmen des TÜV im Bereich der Sicherheitstechnik.

"Die Umbauarbeiten können innerhalb von zwei bis drei Monaten erledigt werden", ist der Insider überzeugt. Er geht davon aus, dass die Arbeiten bis September 2019 erledigt sein können - ohne die Arbeiten des TÜV zu behindern.

Der Sprecher der Flughafengesellschaft Hannes Hönemann bestätigt Umbaupläne. Im Medienkanal soll demnach allerdings lediglich "eine Kabelpritsche verbreitert" werden. Das soll im Mai 2019 abgeschlossen sein. Im Nachgang zur Berichterstattung erklärt die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) in einer Pressemitteilung, dass "…auf ca. 40 Meter Länge Arbeiten am Trägersystem erforderlich" seien. Aufwendige Rückbauten wären somit nicht notwendig.

Dübel nicht für Kalksandstein zugelassen

Doch das Problem betrifft nicht nur den Medienkanal. Falsche Dübel wurden im gesamten Flugastterminal verbaut, berichtet ein weiterer Insider. "Konkret fehlt ihnen die Brandschutzzulassung. Es gilt generell und nicht nur für die Baustelle am BER, dass alle in Frage kommenden Installationen, wie die Kabeltrassen, nur mit brandschutzgeprüften und zugelassenen Befestigungselementen montiert werden dürfen."

Das sei am BER vielfach nicht geschehen. Auch er bezieht sich auf das Mauerwerk. "Beispielsweise sind in Kalksandsteinwänden Dübel für Betonwände verwendet worden. Unabhängig von der Frage der auch dort fehlenden Brandschutzzulassung ist es leider auf der Baustelle des BER schon vorgekommen, dass diese falschen Dübel der Belastung durch leider fehlerhaft und auch überbelegte Kabeltrassen nicht standhalten und so die Befestigung sich gelockert hat."

Schätzungen gehen von bis zu 20.000 Dübeln aus, die falsch eingebaut wurden. Auf die Probleme mit Dübeln in Kalksandstein außerhalb des Medienkanals, also im restlichen Bereich des Flughafenterminals, ging der FBB in seiner Pressemitteilung nicht ein. Zu den Dübeln wurde erklärt, dass "grundsätzlich Metalldübel" verbaut wurden. Damit widerspricht der FBB den TÜV-Berichten zum BER, in denen der Einsatz von Kunststoff-Dübel bemängelt wurde.

Verantwortliche wussten seit Jahren von den Problemen

Kontraste und rbb24 Recherche liegen Dokumente vor, die zeigen, dass das Problem bereits 2012 bekannt war. Sechs Jahre lang hat sich niemand darum gekümmert - und nun drängt die Zeit. Die FBB hofft auf eine nachträgliche Genehmigung für die Dübel, doch Experten sind skeptisch.

Der Grund hierfür: Es gibt überhaupt keine zugelassenen Dübel für den günstigen Kalksandstein in Brandschutzbereichen. Das bestätigt das Deutsche Institut für Bautechnik, das zuständig ist für die Zulassungsverfahren von Dübeln. "Aktuell enthalten die erteilten Zulassungen … für Dübel in Mauerwerk keine Tragfähigkeiten unter Brandbeanspruchung."

Diese bedeutet, es gibt keine Ersatzdübel. Die falsch eingebauten Dübel können somit nicht ersetzt werden. Eine Lösung wäre der Austausch aller betroffenen Kalksandsteinwände im BER durch Beton. Der BER würde wieder zur Großbaustelle werden.

Arbeiten in der Gepäckrückgabe-Halle | Bildquelle: AFP
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Die Bauarbeiten am Berliner Flughafen BER sollen eigentlich abgeschlossen sein.

Der FBB versucht nun über eine Sonderregelung die Probleme zu beseitigen. Das Landesamt für Bau und Verkehr in Cottbus soll im Nachhinein eine Genehmigung für die Dübel erlassen. Doch wie Kontraste und rbb24 Recherche erfuhren, sei dieser Ausweg womöglich versperrt. Denn derzeit gebe es kein Verfahren, im Brandschutzbereich nachträglich Zulassungen für Kalksandstein zu erteilen, so das Deutsche Institut für Bautechnik.

Der FBB erklärt hierzu, dass "derartige Zulassungsverfahren … auch vom FBB schon oft durchgeführt" wurden. Laut Recherchen von Kontraste und rbb24 ist dies nicht der Fall. Zur Problematik "Dübel in Kalksandstein in Verbindung mit Brandschutz" seien in der Branche keiner Genehmigungsverfahren bekannt. Es handle sich hier vielmehr um einen einmaligen Vorgang.

"Spiegel-online" berichtete inzwischen von einem Treffen von Vertretern der Landesregierungen Berlin und Brandenburg sowie der Bundesregierung mit dem FBB-Chef Lütke Daldrup. Laut Unterlagen zum Meeting im April habe der FBB-Chef entgegen der bisherigen Linie und wegen der anhaltenden technischen Probleme verlautbart: "Die ursprüngliche Sicherheit des Eröffnungstermins im Oktober 2020 kann heute nicht mehr uneingeschränkt garantiert werden."

BER-Eröffnung wegen falscher Dübel auf der Kippe
Benjamin Eyssel, RBB
09.05.2019 20:28 Uhr

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Geschäftsführung ohne Übersicht

Einer der Geschäftsführer des Flughafens, Manfred Bobke-von Camen, gibt zu, dass auch die Flughafengesellschaft noch keine vollständige Übersicht über die Baustelle hat. "Wir haben ein tagesaktuelles Bild und manchmal auch Informationen von einzelnen Mitarbeitern des TÜV." Alles darüber hinaus falle unter das Geschäftsgeheimnis und könne deshalb nicht öffentlich kommentiert werden.

Hinter dem Großprojekt stehen Brandenburg, Berlin und der Bund - Brandenburg und Berlin halten jeweils 37 Prozent, der Bund 26 Prozent der Anteile. Letztlich verantwortlich sind die Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Michael Müller (beide SPD) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Scheuer möchte sich zu den aktuellen Erkenntnissen nicht äußern. Woidke verweist auf die Flughafenmanager: "Ich vertraue der Geschäftsführung. Sie ist mit diesen Aufgaben beauftragt und ich denke, auch dieses Problem ist lösbar."

Der nicht fertiggestellte Hauptstadtflughafen BER aus der Luft. | Bildquelle: dpa
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Der Flughafen soll nun 7,3 Milliarden Euro kosten - mindestens.

Landrat mit Magengrummeln

Alle Beobachter versuchen nun die Gretchenfrage zu beantworten: Klappt die Eröffnung diesmal wie geplant? Niemand möchte die Erfahrung von 2012 wiederholen, als die wenigsten den großen Knall, die Verschiebung des Eröffnungstermins, vorhergesehen hatten. Seither haben sich die Kosten für den Flughafen verdreifacht auf rund 7,3 Milliarden Euro.

Der Flughafen soll nun 7,3 Milliarden Euro kosten - mindestens.

Auch für den Landrat von Dahme-Spreewald, Stephan Loge, ist 2012 das Trauma. In seinem Landkreis steht der Pannenflughafen und somit ist seine Untere Bauaufsicht zuständig für die Erteilung der Betriebserlaubnis - dann, wenn der TÜV alle Prüfungen abgeschlossen hat und bestätigt hat, dass der Flughafenbau mangelfrei ist. So lange gebaut wird, so lange noch Mängel abgearbeitet werden, so lange kann der TÜV das Gebäude nicht endgültig freigeben, so wollen es die Bauvorschriften.

Bleibt es bei der Eröffnung 2020?

2012 hatte die Behörde den Stempel verweigert - ein paar Tage vor Eröffnung -, weil der Brandschutz nicht funktionierte. Nun befürchtet der Landrat erneut Schlimmstes. "Ich habe Magengrummeln. Es ist ein kleines Déjà-vu, weil wir das alles schon einmal hatten. Zwar war es damals anders verursacht, aber eben auf dieser Baustelle."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 09. Mai 2019 um 21:45 Uhr in der Sendung "KONTRASTE".

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