Ein Wissenschaftler bereitet Proben eines Impfstoffs gegen Covid-19 in einem Labor in Sankt Petersburg, Russland, am 11. Juni 2020 vor | REUTERS
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Datenlage zu Corona-Impfung Warum Deutschland im Dunkeln tappt

Stand: 14.02.2022 17:09 Uhr

In Deutschland fehlt eine solide Datenbasis, um über Lockerungen zu entscheiden. Für die dürftige Datenlage ist nach Kontraste-Recherchen vor allem der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn verantwortlich.

Von Ursel Sieber, rbb

Wie viele Menschen erkranken nach einer Infektion mit dem Omikron-Virus so schwer, dass sie ins Krankenhaus kommen? Wie viele kommen auf die Intensivstation, wie viele sterben? Wenn es um Lockerungen geht, sind das entscheidende Fragen.

Das Wissen dazu kommt aus anderen Ländern: Laut Analysen von Versicherungsdaten aus England gingen die Krankenhauseinweisungen nach einer Omikron-Infektion um etwa 40 Prozent zurück und die meisten Patienten kamen "nur" auf die Normalstation. Laut einer Studie aus Portugal gingen die Krankenhauseinweisungen bei Omikron sogar um 75 Prozent zurück.

Doch Studienergebnisse aus diesen Ländern lassen sich auf Deutschland nicht übertragen. Denn dort sind mehr als 95 Prozent der über 60-Jährigen geimpft - in Deutschland nur 88 Prozent.

Für Deutschland fehlen die Daten

Nach den Lockerungen stiegen in Israel die schweren Verläufe und die Todesfälle nach einer Omikron-Infektion deutlich an. Auch in Israel ist die Impfquote unter Älteren ähnlich niedrig wie in Deutschland. Doch auch Israel weist viele Besonderheiten auf - die Booster-Impfungen etwa liegen länger zurück.

Umso wichtiger wären tragfähige Analysen mit deutschen Daten. Doch Studien zu vielen Fragen der Corona-Impfung sind auf Grundlage von Versichertendaten in Deutschland völlig unmöglich. Der Grund: In den Versichertendaten der Krankenkassen fehlt die entscheidende Information, wer geimpft ist und wer nicht. "Wir bekommen die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser wöchentlich, könnten also schnell auswerten, wie viele Ungeimpfte nach einer Omikron-Infektion schwer erkranken oder wie gut Geboosterte vor einem schweren Verlauf geschützt sind", sagt Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, WIDO. "Doch ohne Impfstatus können wir keine der Fragen beantworten."

Expertin warnte bereits November 2020 vor den Folgen

Dass Deutschland in puncto Impfdaten derart blank da steht, liegt an der Impfverordnung vom November 2020 des damaligen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU). Demnach dürfen bei der Impfung nur Name, Geburtsdatum, Postleitzahl und Angaben zum Impfstoff übermittelt werden - nicht aber die Versichertennummer. Die Bremer Professorin Ulrike Haug vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) hält das für den entscheidenden Fehler. Nach Kontraste-Recherchen warnte sie damals das Ministerium eindringlich vor den Wissenslücken, die heute das Management der Pandemie erschweren.

Stellvertretend für die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie schlug Haug vor, in den Impfzentren die Versichertennummer per Chipkarte einzulesen, wie bei jedem Arztbesuch auch, und dafür zu sorgen, dass sie mit Versichertendaten der Krankenkassen verknüpft werden darf. Damit wäre der Impfstatus aller gesetzlich Versicherten - immerhin gut 90 Prozent der Bevölkerung - ordentlich registriert gewesen. Haug ging es damals vor allem darum, seltene Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe so schnell wie möglich aufzuspüren. Mittlerweile wären die Daten aber auch für viele andere Fragen der Pandemie sehr wichtig, etwa zur Langzeitwirksamkeit der Impfungen je nach Alter und Vorerkrankung oder zu Long-Covid.

Merkwürdige Ausflüchte

Doch im Spahn-Ministerium stieß sie auf Granit. Es habe die merkwürdigsten Argumente gegeben, berichtet Ulrike Haug: Chipkartenlesegeräte seien knapp und es sei technisch schwierig, Chipkartenlesegeräte in Impfzentren einzurichten. Haug hält das für Ausflüchte - Chipkartenlesegeräte zu installieren sei schließlich kein Hexenwerk. Das Ministerium habe die Tragweite dieser Entscheidung nicht überblickt. "Die Erfassung der Corona-Impfdaten unter Minister Spahn war ungenügend, und ist es bis heute", so die Expertin.

Auf Kontraste-Anfrage rechtfertigt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die damalige Entscheidung noch heute: "Mit der Erfassung der Versichertennummer ginge für die impfenden Stellen ein nicht unerheblicher, bürokratischer und logistischer Mehraufwand einher" - was das Impftempo verzögert hätte, so das Ministerium.

Deutschland profitiert von Studien anderer Länder

Doch nun ist Deutschland fast immer auf andere Länder angewiesen. Ein Beispiel: Die seltene Nebenwirkung der Herzmuskelentzündungen bei jungen Erwachsenen nach einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen. Eine französische Fall-Kontroll-Studie, die auf Versichertendaten beruht, ergab, dass nach einer Impfung mit dem Moderna-Impfstoff diese seltenen Herzmuskelentzündungen bei den unter 30-Jährigen häufiger auftreten als nach einer Impfung mit dem Biontech-Impfstoff.

Die Ständige Impfkommission begründete ihre Empfehlung, junge Erwachsene unter 30 nicht mehr mit dem Moderna-Impfstoff zu impfen, unter anderem mit den französischen Daten.

Forschungsergebnisse zu Corona-Impfstoff im Jahr 2023

Statt die Versichertennummer gleich bei der Impfung zu übermitteln, gab das Ministerium grünes Licht für ein Forschungsprojekt der PMV-Forschungsgruppe in Köln. Erforscht wird unter anderem, welche Corona-Impfstoffe wirksamer sind oder wie wirksam die Impfung nach einer Chemotherapie ist - interessante Fragen, doch für die aktuelle Politikberatung taugt das nicht: Ergebnisse dazu sollen erst im Jahre 2023 vorliegen, so der zuständige Forschungsleiter Ingo Meyer. Zu einem Zeitpunkt also, wenn die Pandemie hoffentlich überstanden ist.

Das BMG fördert dieses Projekt mit knapp 900.000 Euro, wie das Ministerium auf Kontraste-Anfrage erklärte.

Karl Lauterbach soll den Fehler beseitigen

Die wissenschaftlichen Institute der Krankenkassen versuchen schon seit Wochen Minister Karl Lauterbach (SPD) zu bewegen, die Impfverordnung zu ändern und die Versichertennummer wenigstens jetzt noch bei jeder Impfung zu erfassen. Bisher habe das Ministerium nicht reagiert, so Helmut Schröder vom WIDO. Möglich wäre auch, den Impfstatus beim nächsten Arztbesuch nachzutragen, sagt Schröder. Rund 94 Prozent der GKV-Versicherten gehen einmal pro Jahr zum Arzt.