Jürgen Elsässer | Kontraste / rbb
Exklusiv

Verschwörungsmythen Falschnachrichten für den Volkszorn

Stand: 04.11.2021 16:57 Uhr

Das rechtsradikale Magazin "Compact" dockt gezielt an Verschwörungsmythen an. Für Chefredakteur Elsässer sind sie ein probates Mittel, um einen "Regimesturz" herbeizuführen - auch wenn er sie selbst nicht glaubt.

Von Silvio Duwe, Susett Kleine, Daniel Laufer, Markus Pohl, rbb

Petra Stark hat nur Gutes im Sinn, wenn sie durch ihre Bautzener Nachbarschaft spaziert und handgeschriebene Zettel mit Botschaften gegen das Impfen verteilt. Sie glaubt wirklich, Menschen zu helfen, als sie im Oktober auf einer Demonstration in ein Megafon schreit. Es geht um Corona-Impfungen, die sie als Biowaffe ansieht, angeblich gezielt eingesetzt durch eine jüdische Bankiersfamilie, um die Weltbevölkerung zu dezimieren - eine antisemitische Verschwörungserzählung.

Petra Stark | Kontraste / rbb

Petra Stark engagiert sich gegen Corona-Impfungen, die sie als Biowaffe ansieht. Bild: Kontraste / rbb

Der Preis, den die Frührentnerin dafür zahlt, ist hoch. Ihre Söhne haben den Kontakt abgebrochen, die Enkelkinder darf sie nicht mehr sehen, doch zu einem Umdenken hat das nicht geführt. "Ich muss das in Kauf nehmen, das sagt mir mein Herz", sagt sie. "Ich muss das machen und die Leute aufklären."

So warnt Petra Stark die Menschen panisch vor Dingen, von denen sie gelesen hat: Kruden Mythen, die sich im Netz verbreiten, häufig gestreut von Publikationen, die sich in ein vermeintlich journalistisches Gewand hüllen. Ein Netzwerk aus sogenannten Alternativmedien nutzt die Corona-Pandemie, um bei Menschen wie Stark systematisch Angst zu schüren. Diese Angst treibt die Menschen zu Zehntausenden auf die Straßen.

"Sturz des Regimes"

Dem ARD-Politikmagazin Kontraste erzählt nun einer der einflussreichsten Akteure dieser Szene überraschend offen, welchen konkreten Zweck Verschwörungsmythen für ihn erfüllen. Jürgen Elsässer ist Chefredakteur des Magazins "Compact", das in der Corona-Pandemie noch einmal an Reichweite gewonnen hat und das der Verfassungsschutz mittlerweile als rechtsextremen Verdachtsfall einstuft.

Schon vor der Pandemie sprach Elsässer unverblümt davon, dass sein Ziel der "Sturz des Regimes" sei - also der demokratisch legitimieren Bundesregierung. Im Interview betont er aber, dass dieser Sturz selbstverständlich "demokratisch" erfolgen solle. Elsässers "Compact"-Magazin warnt vor einer angeblichen "Corona-Diktatur" und sät Zweifel am Impfen.

Jürgen Elsässer | picture alliance/dpa

Jürgen Elsässer Bild: picture alliance/dpa

"Erzählungen, Märchen und Allegorien"

Dabei spielt die Zeitschrift Monat für Monat mit verschwörungsideologischen Motiven. Vor einem Jahr präsentierte Elsässer auf dem Titel ein großes "Q". Im Interview räumt der Chefredakteur jetzt ein, dass er bewusst offen gelassen habe, ob es für "Querdenken" stehe oder für QAnon, eine Erzählung mit Ursprung in den USA, wonach sich eine satanische Elite im Verborgenen an Kindern vergeht. Obwohl es für sie keine Belege gibt, nutzten Rechtsradikale auf der ganzen Welt den QAnon-Mythos als Rechtfertigung für zum Teil schwere Straftaten, auch der Attentäter von Hanau berief sich auf ähnliche Motive.

Elsässer sagt, solche Verschwörungsmythen seien für ihn nicht etwa die Wahrheit, sondern vielmehr "Erzählungen, Märchen und Allegorien", die aber nützlich seien, um politische und gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Verschwörungserzählungen wie QAnon seien "die Hefe, aus der ein politischer Widerstand im rationalen Sinn erst entstehen muss". Zwar sei QAnon "nicht die Wahrheit", es handele sich dabei aber um Allegorien, die auf die Wahrheit hindeuteten. Der Chefredakteur bezeichnet diese lieber als "mythische Übertreibungen", die notwendig seien für eine "Weiterentwicklung der Gesellschaft" in seinem Sinne.

"Fundamentalangriffe"

In seinem jüngsten Bericht kommt das Bundesamt für Verfassungsschutz zu dem Schluss, dass sich das Magazin im Zuge der Pandemie als "Sprachrohr des 'Widerstands'" gegen die staatlichen Maßnahmen inszeniert hat. "Compact" habe dies mit Fundamentalangriffen auf demokratische Institutionen und Verfassungsorgane verbunden. Tatsächlich tauchten Titelmotive des Magazins immer wieder auf Pandemieleugner-Demonstrationen auf. Führende Köpfe der Szene wie der "Querdenken"-Gründer Michael Ballweg ließen sich von Elsässer interviewen.

In ihrer Ablehnung des bestehenden politischen Systems sind sich Akteure wie Elsässer und Ballweg ähnlich: Der "Querdenken"-Chef hatte im Rahmen einer Großkundgebung in Berlin sogar eine verfassungsgebende Versammlung geplant, um die bestehenden staatlichen Strukturen zu ersetzen.

Rechtsradikale Botschaften

Dass "Compact" offenbar gezielt die Nähe dieses Milieus sucht, scheint Teil von Elsässers Strategie zu sein, um Aufmerksamkeit für seine rechtsradikalen Botschaften zu erlangen. Im Grunde sei der harte Kern der Verschwörungsgläubigen nur eine kleine Minderheit, sagt der Politologe und Psychologe Thomas Kliche im Interview mit Kontraste. Die Pandemie ist für sie demnach eine Chance. "Wenn Menschen durch die Krise aus der Gesellschaft rausfallen, Ohnmacht erleben, einfache Erklärungen suchen, dann werden Verschwörungstheorien durch jede Krise massiven Zulauf gewinnen."

Die These von Petra Stark aus Bautzen, wonach die Corona-Impfung eine Biowaffe sei, um die Bevölkerung zu reduzieren, hält Elsässer nach eigenen Angaben für unbelegt. "Man sollte solche Angstszenarien erst verbreiten, wenn man sehr gute Belege hat", sagt der "Compact"-Chefredakteur. Ein Blick auf die Titelgeschichte der Juli-Ausgabe seines Magazins weckt jedoch Zweifel an diesem scheinbaren Verantwortungsbewusstsein. Damals spekulierte "Compact", nicht die Impfung, aber das Coronavirus selbst könne eine "Biowaffe für den Great Reset" sein. Belege lieferte das Magazin nicht.

Über dieses Thema berichtete Das Erste am 4. November ab 21:45 Uhr.