DITIB-Moschee in Rheinland-Pfalz (Archivbild) | picture alliance / Thomas Frey/dpa
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Homophobie-Vorwürfe Rheinland-Pfalz überprüft DITIB-Vereinbarung

Stand: 11.06.2021 06:00 Uhr

Rheinland-Pfalz stellt eine Vereinbarung mit dem Moscheeverband DITIB auf den Prüfstand. Das Wissenschaftsministerium kritisiert, dass DITIB weiterhin Bücher mit homophoben Inhalt anbietet.

Von Sascha Adamek und Silvio Duwe, rbb

Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz prüft, ob der türkische Moscheeverband DITIB weiter wie vereinbart in den islamischen Religionsunterricht im Land eingebunden werden soll. Ende März war der Vorsitzende der DITIB Rheinland-Pfalz, Yilmaz Yildiz, von seinem Amt zurückgetreten, nachdem es massive Kritik der Landesregierung an der Einladung des bekannten homosexuellenfeindlichen Historikers Ahmet Şimşirgil gegeben hatte.

"Die Welt" berichtete in diesem Zusammenhang, Şimşirgil habe öffentlich davor gewarnt, dass der Westen mit Hilfe der "LGBT-Lobby" versuche, Familienstrukturen zu zerstören und Homosexualität zu verbreiten: "Wenn sie die Türkei mit dieser Krankheit infizieren, dann fällt damit auch die gesamte islamische Welt."

DITIB distanzierte sich offiziell

Der Landesvorstand der DITIB Rheinland-Pfalz hatte sich daraufhin vom Gedankengut Şimşirgils distanziert und die Aussagen als "offene Hetze gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen, geschlechtlichen, religiösen oder weltanschaulichen Ansichten" verurteilt.

In seiner Rücktrittserklärung an die Gemeinden, deren Inhalt dem ARD-Politikmagazin Kontraste vorliegt, verurteilt Yildiz die Aussagen Şimşirgils jedoch nicht. Er spricht vielmehr von einer Art Kampagne, die gegen Dititb losgetreten worden sei. Yildiz machte zugleich klar, dass sein Rücktritt der einzige Weg sei, die Zielvereinbarung mit dem Land Rheinland-Pfalz nicht zu gefährden. Diese war am 01. April 2020 für die Laufzeit von 18 Monaten abgeschlossen worden und sieht die Einbindung der DITIB in die Entwicklung von Angeboten für islamischen Religionsunterricht vor.

Weiter Şimşirgils Bücher verkauft

Nach Kontraste-Recherchen kommen weitere Zweifel an einer ernsthaften Distanzierung von den homosexuellenfeindlichen Äußerungen Şimşirgils auf. Denn der DITIB-eigene Online-Buchversand bot auch nach den Ereignissen weiterhin ein Dutzend Bücher Şimşirgils zum Verkauf an.

Auf die Frage, ob sich die Weitervermarktung der Bücher mit der Zielvereinbarung vereinbaren lasse, antwortete die Landesregierung auf Anfrage von Kontraste, man habe "kein Verständnis" dafür und habe diese Haltung dem DITIB-Landesverband auch "unmissverständlich mitgeteilt." Offenbar reagierte DITIB hierauf, denn mittlerweile findet sich nur noch ein Buch des Autors im Online-Handel.

Auch die weitere Tätigkeit des zurückgetretenen DITIB-Landesvorsitzenden Yildiz wirft Fragen auf. Denn ausweislich seiner Facebook-Seite nahm er an einer Auslandsreise einer DITIB-Delegation nach Haiti teil. Er selbst reagierte auf keine der Fragen von Kontraste zu sämtlichen Sachverhalten - ebenso wenig beantwortete DITIB die Fragen.

Das Land Rheinland-Pfalz schrieb dazu, nach ihren Erkenntnissen sei Yildiz im Rahmen seiner Tätigkeit für eine "internationale Hilfsorganisation" der DITIB nach Haiti gereist. Es sei nicht bekannt, ob die Reise mit seiner früheren Funktionärstätigkeit in Verbindung stehe.

Beck: Landesregierung lässt sich an der Nase herumführen

Volker Beck, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen und Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien in Bochum, übt scharfe Kritik am Verhalten der Landesregierung von Rheinland-Pfalz. Der Redaktion Kontraste sagt er: "Wie kann man sich so an der Nase herumführen lassen?" Beck spricht angesichts des Verhaltens von Yildiz von einem "Proforma-Rücktritt".

Volker Beck

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Beck sieht im Fall Yildiz einen "Proforma-Rücktritt".

Als problematisch gilt bei dem Moscheeverband DITIB vor allem die Tatsache, dass sie direkt der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt ist, die Imame auch von dort bezahlt werden. Insbesondere der Diyanet-Vorsitzende Ali Erbas tut sich immer wieder mit homosexuellenfeindlichen und auch israelfeindlichen Äußerungen hervor. So sprach er über die "Verrottung" ganzer Generationen durch Homosexualität. Kürzlich nannte er Israel in einer Predigt "Kindermörder".

Landesregierung verweist auf DITIB-Verpflichtung

Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz verweist auf Anfrage darauf, dass die DITIB sich schriftlich verpflichtet habe, jeglicher "Form von Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Ethnie und Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität entgegen zu treten." Auch habe der damalige Landesvorsitzende Yildiz der Landesregierung klargemacht, dass die Äußerungen des Diyanet-Vorsitzenden "nicht der Auffassung des DITIB Rheinland-Pfalz e.V." entsprächen.

Beck zweifelt an der Glaubwürdigkeit solcher Aussagen, denn an anderer Stelle hätten DITIB-Vertreter in Fragen der Homosexualität stets auf das religiöse Selbstbestimmungsrecht verwiesen. Homosexuellenfeindlichkeit und Israelhass der Diyanet seien "religiös begründet", so Beck. Daher müssten vor einer Zusammenarbeit zunächst die Verbindungen der DITIB zur türkischen Religionsbehörde "komplett gekappt werden".