Auswirkungen des Coronavirus auf die Lunge  | Bildquelle: dpa

Corona-Langzeitfolgen Genesen heißt nicht geheilt

Stand: 16.07.2020 17:22 Uhr

Eine Corona-Erkrankung kann erhebliche Spätfolgen haben - das wird immer deutlicher: Noch Monate später kämpfen viele Patienten mit ihrem Immunsystem, Gedächtnislücken oder Organschäden.

Von Susett Kleine und Daniel Donath, RBB

Die FDP-Politikerin Karoline Preisler hatte sich im März mit dem Coronavirus infiziert. Jetzt, vier Monate nach ihrer Genesung, kann sie zwar wieder gut atmen, doch gesund ist sie nicht. Zuerst kam der Haarausfall, dann die Sprachstörungen: "Ich habe mir im Kopf einen Satz vorgestellt, doch als ich ihn aufschreiben wollte, kam ein ganz anderer Satz heraus", sagt Preisler.

Gerade das zentrale Nervensystem scheint häufiger betroffen zu sein, als anfänglich von Medizinern vermutet. Corona-Genesene berichten von Erschöpfung, Schwindel - aber eben auch von Wortfindungsstörungen.

Welche dieser Folgen dauerhaft bleiben könnten, wird gerade untersucht. Ungefähr bei einem Drittel der Corona-Patienten auf den Intensivstationen sind diffuse Hirnschädigungen aufgetreten, die zu Gedächtnisproblemen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten führen könnten, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: "Solche Patienten können verwirrt sein, haben Fehlwahrnehmungen und Halluzinationen." Es sind Schäden, die auch längerfristig andauern könnten, vermutet der Neurologe.

Auf direktem Weg ins Gehirn

Zudem wurden bei einem Teil der Corona-Patienten auch Schlaganfälle beobachtet - unabhängig vom Alter und der Vorerkrankungen. "Auch durch den Schlaganfall können Lähmungserscheinungen sowie Sprach- und Sehstörungen verbleiben", sagt Berlit. Der Professor erklärt, dass das Coronavirus direkt das Gehirn angreift. Durch die Nasenhöhlen dringt das Virus in das Organ und breitet sich dort aus, trifft dabei aber zunächst auf das Riechhirn.

Erste Beobachtungen zeigen, dass in Europa mehr als 80 Prozent der Patienten während der Infektion einen Geruchs- und Geschmacksverlust erleiden. Bei ungefähr 90 Prozent der Infizierten sind diese Fähigkeiten vier Wochen nach der Infektion wieder intakt - zehn Prozent können aber auch über diesen Zeitraum hinaus nicht mehr richtig riechen oder schmecken.

Inwieweit der Geruchs- und Geschmacksverlust tatsächlich eine Langzeitfolge ist, muss laut Berlit noch beobachtet werden - denn auch bei einer Grippe können diese Fähigkeiten auch erst nach einem Jahr wieder zurückkehren.

Irreparable Organschäden

Neben dem Gehirn werden die Nieren besonders oft vom Virus befallen - warum, das können die Wissenschaftler noch nicht erklären. Durch das Virus werden Blutgefäße in der Niere verstopft. Es kommt zu einem Niereninfarkt. Dabei stirbt ein Teil des Organs ab und hinterlässt totes Gewebe: "Solch ein Niereninfarkt ist irreversibel und hinterlässt bleibende Schäden", sagt Jan Galle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie.

Es sind Schäden, die sich nicht sofort bemerkbar machen, erst mit zunehmendem Alter werden die Konsequenzen spürbar. Wer als Dreißigjähriger einen Niereninfarkt erleide, werde für den Rest seines Lebens eine verschlechterte Nierenfunktion haben. "Wenn Sie bereits als junger Erwachsener eine schwächere Niere haben, ist ihr Risiko, im höheren Alter Dialysepatient zu werden, sehr viel höher", sagt Nierenexperte Galle.

Auch die Politik müsse sich auf eine derartige Entwicklung einstellen, sagt Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass es in Zukunft einen höheren Bedarf an Nierenspenden geben wird."

Kaum schwere Spätfolgen für die Lunge

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Am Klinikum Stuttgart vergleichen Radiologen in einer Studie derzeit Tomografieaufnahmen der Lungen von 50 Corona-Patienten, während und nach der Infektion. Drei Monate nach Genesung haben ungefähr 20 Prozent der Patienten eine völlig gesunde Lunge. Bei den restlichen 80 Prozent sind zwar immer noch Beeinträchtigungen zu erkennen, doch ist die Rede in der Mehrzahl der Fälle nicht von schweren Spätfolgen, sagt der Leiter der Studie, Götz Martin Richter: "Wir können erkennen, dass die Lunge gut heilen kann, auch bei Patienten, die drei Wochen Intensivstation hinter sich haben."

Je nach Schwere der Erkrankung brauche die Lunge mehr oder weniger Zeit, um sich zu regenerieren, erklärt Richter. Das alles seien nur erste Erkenntnisse, denn weltweit laufen derzeit Langzeitstudien zu den Spätfolgen von Corona.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin Kontraste am 16. Juli 2020 um 21:45 Uhr.

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