Eine Schwangere hält ihren Bauch | picture alliance / PhotoAlto
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Fehlende STIKO-Empfehlung Kein Corona-Piks für Schwangere

Stand: 22.04.2021 18:15 Uhr

Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe. Doch in Deutschland kommen sie kaum zu einer Impfung. Dabei zeigt eine neue Studie: Nebenwirkungen sind kaum zu erwarten.

Von Frederik Jötten, rbb

In Frankreich, Israel und vielen US-Bundesstaaten werden Schwangere priorisiert geimpft - nur in Deutschland kommen sie kaum dran. Selbst wenn sie wie Michaela Lehr (Name geändert) im Gesundheitswesen arbeiten und damit stark gefährdet sind. Die Schwangere steht in der Woche etwa 500 Patienten gegenüber. Zusammen mit ihren Kollegen vom medizinischen Personal wollte sie sich impfen lassen. Doch im Impfzentrum wies man sie ab. Der Arzt dort habe ihr gesagt, Schwangerschaft sei eine absolute Kontraindikation für die Impfung.

"Schwangere müssten prioritär geimpft werden"

"Ich höre das immer wieder, aber das ist völlig falsch", sagt Ekkehard Schleußner, Professor für Geburtshilfe an der Universität Jena und Direktor der dortigen Frauenklinik gegenüber dem ARD-Magazin Kontraste. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) erlaubt es, Schwangeren mit Vorerkrankungen in Einzelfällen nach Nutzen-Risiko-Abwägung ein Impfung anzubieten. Die Fachgesellschaften der Frauenärzte wie auch die WHO gehen darüber hinaus und empfehlen auch Schwangeren mit hohem Expositionsrisiko Impfungen.

Prof. Ekkehard Schleußner, der Mitautor der Stellungnahme ist, würde weiter gehen: "Schwangere müssten, sofern sie es wollen, prioritär geimpft werden", sagt er zu Kontraste. "Jede Woche erreichen mich Anfragen von verzweifelten Schwangeren, die sich impfen lassen möchten." Aber er habe ja keinen Impfstoff.

Die Frauen sind alarmiert von Berichten aus aller Welt über negative Folgen von Sars-Cov-2. Vier Totgeburten in Irland, zwei in Israel. Dort machte zusätzlich der Fall einer vierfachen Mutter Schlagzeilen, die mit 32 Jahren an Covid-19 starb - in der 30. Schwangerschaftswoche. 

Studienlage eindeutig: Risiko für Schwangere deutlich erhöht

Die Studienlage dazu ist mittlerweile eindeutig. Eine Untersuchung von allen 400.000 Schwangerschaften in den USA zwischen April und November 2020 ergab, dass das Risiko für einen Herzinfarkt bei Covid-19 erkrankten Schwangeren um das 27-fache, für den Tod der Mutter um das 28-fache anstiegen. "Es ist mittlerweile sehr klar, dass das gesundheitliche Risiko für die Schwangere deutlich erhöht ist durch Covid-19", sagt Schleußner. 

Das betrifft auch den Fötus: Laut den Daten aus den USA steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Totgeburt um 21 Prozent und für eine Frühgeburt um 17 Prozent. Kanadische Wissenschaftler ermittelten in einer kürzlich publizierten Metaanalyse mit Daten aus aller Welt noch deutlich höhere Werte, etwa ein 82 Prozent höheres Risiko für eine Früh- und ein mehr als 111 Prozent höheres für eine Totgeburt. "Die Daten aus dem deutschen Register ähneln aber denen aus den USA", sagt Experte Schleußner. Das absolute Risiko für Schwangere und das ungeborene Kind sei im Moment noch gering.

Experte rechnet mit mehr infizierten Schwangeren in Deutschland

Das Beispiel Israel zeigt aber, wie schnell sich das ändern könnte. Gleichzeitig mit dem Start der Impfkampagne schnellten dort Ende Dezember 2020 die Infektionszahlen in die Höhe. Das traf zwangsläufig auch Gruppen, die bis dato nicht geimpft waren - wie eben die Schwangeren. Die Zahl der infizierten Schwangeren hatte sich seit November verzehnfacht. Daraufhin rief die Regierung alle Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel zur Impfung auf, im Februar änderte sie diese Empfehlung sogar dahingehend, dass alle Schwangeren sich impfen lassen sollten. 

Die Gefahr, dass bei Durchseuchung der Bevölkerung auch mehr Schwangere in Deutschland Schaden nehmen, sieht auch Schleußner. "Ich rechne mit mehr jungen und damit zwangsläufig auch mehr schwangeren Infizierten", sagt er gegenüber Kontraste. Die Zahlen in Deutschland sind noch relativ gering - 68 Schwangere kamen auf Intensivstation seit April 2020, doch die Zuwachsraten lagen zuletzt schon bei zehn Prozent pro Woche. "Ein schwerer Verlauf trifft jede tausendste Frau, die ein Kind erwartet", sagt Schleußner. "Das Risiko ist damit dreimal so hoch wie bei Frauen der gleichen Altersgruppe, die kein Kind erwarten."

Für Impfung Schwangerschaft verschwiegen

Deshalb wollte sich die Gynäkologin Anne Wünsch impfen lassen, als sie schwanger wurde. Und weil sie besonders gefährdet ist: Sie arbeitet am Uniklinikum Jena, außerdem hat sie bereits zwei kleine Kinder. "Ich habe keine Möglichkeit, mich gegen eine Infektion abzuschotten", sagt sie. Beim Impfarzt verschwieg sie ihre Schwangerschaft aus Angst vor Ablehnung. "Zum Glück hat man mir zu dem Zeitpunkt noch nichts angesehen", erzählt Anne Wünsch.

Neben Israel priorisieren auch Frankreich, Kanada und 16 US-Bundesstaaten Frauen, die ein Kind erwarten. "Jede Schwangere sollte die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen", sagt Claire-Ann Siegrist, Vakzinologin an der Uni Genf und Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums für Impffragen. "Aber das ist nicht das Gleiche wie eine generelle Empfehlung abzugeben - dafür bräuchten wir Daten zur Sicherheit der Impfstoffe von sehr vielen Schwangeren und die haben wir noch nicht." 

Auch Babys werden geschützt

Eine abgeschlossene, kontrollierte Zulassungs-Studie zur Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe bei Schwangeren gibt es noch nicht. Allerdings zeigt eine aktuelle Publikation, die am Mittwoch im New England Journal of Medicine erschienen ist, dass bei mit mRNA-Vakzinen geimpften Frauen nicht mehr Geburtskomplikationen auftraten als bei Schwangeren, die vor der Pandemie entbunden hatten. Schon länger zeichnet sich ab - auch Babys sind nach der Geburt durch von der Mutter nach der Impfung übertragene Antikörper geschützt. "Umso verwerflicher, dass den meisten Schwangeren in Deutschland die Impfung vorenthalten wird", sagt Gynäkologin Wünsch.

Über dieses Thema berichtete BR extra am 16. März 2021 um 18:59 Uhr.

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KOMMENTARE

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fathaland slim 22.04.2021 • 23:57 Uhr

23:44, Anna-Elisabeth

>> Ich finde die Fortschritte nicht so berauschend. Aber Fortschritt ist natürlich auch relativ.<< Berauschend finde ich das auch nicht. Aber wenigstens geht es erkennbar voran. >>Wenn man dann auch noch sieht, wer und warum trotz Termin dann leider im Impfzentrum doch nicht geimpft werden kann, wundert einen wirklich gar nichts mehr.<< Es hapert wohl immer noch bei der Impfstoffverteilung an die Zentren.