Ein Arbeiter verlegt Glasfaserkabel. | dpa
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Glasfaserausbau in Deutschland Ziele kaum noch zu erreichen

Stand: 26.02.2021 10:38 Uhr

Schnelles Internet ist für viele Firmen überlebenswichtig. Nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste sind die selbstgesteckten Ziele der Bundesregierung beim Glasfaserausbau nicht mehr zu halten.

Von Daniel Donath, Cosima Gill und Oliver Noffke, rbb

Um eine stärkere Internetverbindung zu bekommen, muss Marco Röhrmann kreativ werden. Auf seinem Balkon hat er eine Richtfunkantenne angebracht, die auf den Nachbarort zeigt. Ohne diese würde er mit maximal 5 Mbit durchs Netz stottern. Röhrmann ist Bürgermeister von Mose, einem Dorf in Sachsen-Anhalt. "Mensch, wir sind hier unterversorgt, und es müsste endlich was passieren", sagt er. Das habe ihm die Corona-Pandemie noch einmal vor Augen geführt. Kein Internet zu haben, dürfe nicht zum Wirtschaftsfaktor werden, "weil es aus meiner Sicht eine Grundversorgung ist, ähnlich wie Wasser und Strom".

"Ein Dorf ohne Netz, das darf es eigentlich nicht geben." Diese Satz stammt aus dem Jahr 2018 und wurde damals so von CSU-Politiker Andreas Scheuer gesagt, dem zuständigen Bundesminister für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur. Auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist der Ausbau fest verankert. "Unser Ziel lautet: Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt zum Haus." Bis 2025 soll dieses Ziel erreicht werden, also in vier Jahren. Momentan ist man davon noch weit entfernt.

Hamburg liegt beim Ausbau vorn

Laut der Bundesnetzagentur verfügen aktuell etwa 13,8 Prozent der deutschen Haushalte über einen Glasfaseranschluss, der eine Datenübertragung von mindestens einem Gigabit pro Sekunde ermöglicht - also etwa 1.000 Mbit/s. Zum Vergleich: im EU-Durchschnitt sind es 33,5 Prozent, in Lettland fast 90 Prozent.

Nur an sehr wenigen Orten ist der Ausbau bereits abgeschlossen. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von drei FDP-Bundestagsabgeordneten vom vergangenen Juli geht hervor, dass nur in 84 Gemeinden im Land alle Haushalte ans Glasfasernetz angeschlossen sind - von insgesamt 11.305.

Dieses Dokument verdeutlicht auch, wie unterschiedlich der Ausbau in den Bundesländern voranschreitet. Laut den Zahlen der Bundesregierung verfügen in Hamburg 71 Prozent der Haushalte über Glasfaseranschlüsse, die mindestens 1.000 Mbit/s übertragen können. Die übrigen Stadtstaaten können da nicht mithalten: In Berlin waren zuletzt 7,2 Prozent der Haushalte so angeschlossen, in Bremen 3 Prozent.

Schlusslicht Saarland

Auch in den Flächenländern, wo der Ausbau jeglicher Infrastruktur meist mit höherem Aufwand und Kosten verbunden ist, gibt es große Unterschiede. Spitzenreiter ist Schleswig-Holstein, wo zuletzt 26,3 Prozent der Haushalte über besonders leistungsfähige Glasfaseranschlüsse verfügten. Laut der Kieler Landesregierung sind 53 Prozent der Haushalte im hohen Norden "anschlussfähig" - was allerdings nicht bedeutet, dass sie tatsächlich angeschlossen sind.

Auch Bayern (15,5 Prozent) und Sachsen (12,4) liegen beim Ausbau vergleichsweise weit vorn. Schlusslichter sind Rheinland-Pfalz (3,8 Prozent), Thüringen (3,6 Prozent) und das Saarland (3 Prozent). Sachsen-Anhalt, wo Bürgermeister Röhrmann mit der Richtfunkantenne hantiert, liegt bei 7,9 Prozent.

Glasfaser sind zukunftssicher

Glasfaserkabel haben den Vorteil, dass sie weitaus mehr Daten übertragen können, als heute selbst die aufwendigsten Programme und Anwendungen erfordern. Der Ausbau dieser Infrastruktur ist also erst einmal zukunftssicher.

Torsten Gerpott ist Professor an der Universität Duisburg-Essen mit Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft. Er sieht langfristig keine Alternative zu einem Ausbau des Glasfasernetzes. "Wenn Sie Videos in hochauflösender Qualität schauen wollen, wenn Sie künstliche Realität haben wollen, Augmented Reality, brauchen wir das. Wenn wir Medizindaten zwischen Unternehmen übertragen wollen, brauchen wir das", so Gerpott über Glasfaserkabel. "Wir brauchen sie immer dann, wenn sehr viel Daten in kurzer Zeit übertragen werden müssen."

Deutschland ist ein Flickenteppich

Aktuell ist Deutschland noch ein Flickenteppich, was Internetanschlüsse angeht. Die meisten Haushalte sind über Telefonleitungen, also Kupferkabel, oder Fernsehkabel angeschlossen. Bei beiden sind die Übertragungsraten begrenzt. Lange Zeit wurde darauf gesetzt, die bestehende Infrastruktur aufzurüsten, aber ohne die neue Glasfasertechnologie in die Gebäude zu verlegen.

So bestehen die letzten Meter zu den Haushalten oftmals aus Telefon- oder Fernsehkabeln und bilden einen entsprechenden Flaschenhals. Auch für den Mobilfunk der Zukunft ist das Glasfasernetz von Bedeutung. Damit der 5G-Standard künftig von allen schnell und effizient genutzt werden kann, müssen die entsprechenden Funkmasten mit Glasfaserkabeln versorgt werden.

Regierung verschob ihre Versprechen immer wieder

"Es gibt seit spätestens 2008 Versprechungen der verschiedenen Bundesregierungen Merkel, dass jetzt aber ganz bald wirklich superschnelles Internet und auch wirklich überall und für alle Haushalte verfügbar sein wird", sagt Sascha Lobo. Für den "Spiegel" berichtet der Journalist über die Digitalisierung in Deutschland. Jedes einzelne Versprechen der Regierung sei in den vergangenen Jahren wieder einkassiert und nach hinten verschoben worden, sagt er.

"Der Kanzlerkandidat der SPD, die in den letzten 25 Jahren sehr viel an der Regierung war, verspricht, dass 2030 die Gigabit-fähige Gesellschaft endlich Realität sein wird", sagt Lobo über Äußerungen von Olaf Scholz. "Was bedeutet, dass 2025 wieder gerissen wird."

Für Firmen ist schnelles Internet überlebenswichtig

Was solche Verzögerungen für die Wirtschaft bedeuten, spürt man nicht nur in Sachsen-Anhalt: Horst Fritz betreibt ein Maschinenbauunternehmen im Schwarzwald. Seit zehn Jahren arbeitet er daran, dass der Firmensitz in Forbach an das Glasfasernetz angeschlossen wird. Maschinenzeichnungen an Kunden in den USA, Indien oder Südkorea zu verschicken, kann schon einmal 45 Minuten in Anspruch nehmen. "In Bezug auf den Industriestandort Deutschland und das Hightech, was wir hier entwickeln, ist das ein Armutszeugnis", sagt er.

In seiner Branche gebe es Geschäftsmodelle, an denen seine Firma nur schwer teilnehmen könne, so Fritz, weil dafür Übertragungen in Echtzeit notwendig seien. Im vergangenen Jahr sei seiner Firma "ein Betrag jenseits von 100.000 Euro" durch die Lappen gegangen. Schuld sei die schlechte Internetverbindung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 12. Januar 2021 um 19:30 Uhr.