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Toxische Führungskultur Vorwürfe gegen Berliner Star-Intendanten

Stand: 16.12.2021 06:01 Uhr

Thomas Oberender ist seit zehn Jahren Intendant der Berliner Festspiele. Kurz vor seinem Abgang sprechen Mitarbeiterinnen jetzt von psychischem Druck bis zum Burn-out. Oberender streitet die Vorwürfe ab.

Von Nathalie Daiber und Tina Friedrich, rbb

Thomas Oberender, der langjährige Intendant der Berliner Festspiele, gehört international zu den renommierten Kulturmanagern. Ihm obliegt die künstlerische und organisatorische Leitung der Festspiele, er ist gut vernetzt in der Kulturszene, kennt die zuständigen Politiker.

Als er im Juni plötzlich ankündigte, Ende des Jahres aufhören zu wollen, war die Überraschung außerhalb der Festspiele groß. Für viele ehemalige Mitarbeitende schien der Schritt längst überfällig, denn sie haben unter seiner Führung gelitten, wie sie exklusiv dem ARD-Politikmagazin Kontraste und dem rbb erzählten.

Anrufe im Krankenstand

"Ich entwickelte aufgrund der Belastung Schlafstörungen und einen Tinnitus", erzählt eine ehemalige Mitarbeiterin. Ihr Arzt verschreibt ihr Schlaftabletten. "Er hat auch vorgeschlagen, dass ich über Kündigung nachdenken sollte." Manchmal ist sie so erschöpft, dass sie sich in der Mittagspause in einem Sanitätsraum hinlegt, statt zu essen, erzählt sie. "Ich habe viel Gewicht verloren."

Thomas Oberender | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen Oberender - die dieser bestreitet. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Eine Ex-Mitarbeiterin sagt, dass der Intendant selbst noch, als sie krankgeschrieben war, angerufen, oder SMS und E-Mails mit dienstlichen Fragen und Aufträgen verschickt habe. Krankenstand soll Oberender als Illoyalität aufgefasst haben.

Mindestens drei Frauen mit Burn-Out-Symptomen

Menschen, die ihn aus verschiedenen Phasen seiner Intendanz kennen, werfen ihm psychischen Druck, geringe bis gar keine Wertschätzung und Drohgebaren vor, dazu sehr hohe Arbeitsbelastung. Einige hatten innerhalb weniger Monate Überstunden im dreistelligen Bereich gesammelt. Mindestens drei Frauen beendeten ihre Tätigkeit mit Burn-out-Symptomen.

Zu vielen Vorwürfen äußert sich Thomas Oberender auf Anfrage nicht. Er beruft sich auf eine Vertraulichkeitsverpflichtung in der Vereinbarung mit der Kulturveranstaltungen des Bundes GmbH (KBB), zu der die Berliner Festspiele gehören. Aber er sagt, dass er in seiner gesamten Intendanz zu keiner Zeit mit Beschwerden konfrontiert worden sei. Überstunden seien grundsätzlich ausgeglichen worden, dauerhafte Überlastung habe er versucht zu vermeiden.

Verbale Übergriffe durch Intendanten weit verbreitet

Verbaler und psychischer Machtmissbrauch sind ein grundlegendes Problem der Kulturbranche. Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main, hat 2019 die erste und bisher einzige Studie zum Thema Macht und Struktur am Theater verfasst. 55 Prozent der fast 2000 Befragten schilderten damals übergriffiges oder missbräuchliches Verhalten, in zwei Dritteln der Fälle ausgeübt durch den Intendanten.

Betroffene Frau von hinten | rbb/Kontraste

Die Betroffenen berichten unter anderem von psychischem Druck, geringe Wertschätzung und sehr hohe Arbeitsbelastung. Bild: rbb/Kontraste

Entgegen der landläufigen Meinung, Machtmissbrauch fange bei körperlichen Übergriffen an und gehe bis hin zu sexualisierter Gewalt, hat seine Forschung ergeben, dass die häufigsten Formen von Machtmissbrauch im Kulturbetrieb psychische und verbale Übergriffe sind.

"Die psychische Macht entsteht eher subtil. Man wird einfach geghostet, ignoriert. Man wird nicht mehr gegrüßt, man wird nicht mehr besetzt, man wird unsichtbar gemacht", beschreibt er die häufigsten Verhaltensweisen. "Bei der verbalen Macht geht es darum, die andere Person klein zu halten, um ihr zu zeigen, wie stark sie von mir abhängig ist. Das heißt also, der Umgangston ist verschärft, von der Nicht-Kommunikation bis hin zum Schreien auf den Fluren."

Aufsichtsrat verlängerte Oberender zwei Mal

Aufgrund großer Handlungsfreiräume könnten Intendanten oft "durchregieren", sagt Schmidt. Dadurch entstehe aber auch mehr Raum für Manipulation und Missbrauch. Er sieht die Politik in der Verantwortung, dieses Strukturproblem anzugehen. Jedoch: "Es passiert nur sehr selten, dass eine Intendantin oder ein Intendant tatsächlich auch von der Politik von seinen Aufgaben entbunden wird, weil diese beispielsweise mit den Medien und auch anderen Kulturverantwortlichen gut vernetzt sind."

Kulturpolitiker sind maßgeblich an der Auswahl der Intendanten beteiligt. Die Berliner Festspiele gehören zur KBB, der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH", deren Aufsichtsrat die zuständige Bundesbeauftrage für Kultur und Medien leitet, bis vor kurzem Monika Grütters (CDU). Die KBB hatte Oberenders Vertrag mehrfach verlängert, zuletzt im Herbst 2020.

Koordinierte Aktion

Im Frühjahr 2021 meldet sich wieder eine Mitarbeiterin aus dem Büro Oberender krank. Burn-Out. Daraufhin soll die kaufmännische Geschäftsführerin der KBB, Charlotte Sieben, ehemalige Mitarbeiter:innen kontaktiert und zu Oberenders Verhalten befragt haben. Deren Erfahrungsberichte wollte sie, so schildern es Beteiligte Kontraste und dem rbb, bei einem persönlichen Gespräch Monika Grütters vorlegen. Die Redaktionen konnten die E-Mailkorrespondenz einiger Frauen einsehen, in denen diese ihre Protokolle mit Charlotte Sieben abstimmten.

Wenige Wochen später kam es zu der überraschenden Pressemitteilung: Thomas Oberender werde seine Verlängerung als Intendant der Berliner Festspiele nicht antreten. Er wolle sich "neuen Aufgaben und Herausforderungen zuwenden".

Schweigen als Antwort

Zu den Umständen seines Rückzugs äußerte sich Thomas Oberender auf Anfrage nicht, und beruft sich auf seine Vertraulichkeitsverpflichtung. Charlotte Sieben antwortete auf eine detaillierte Anfrage zu den Vorgängen nicht. Auch Monika Grütters antwortete auf eine persönliche Anfrage nicht.

Ein Sprecher der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gab an, Thomas Oberender habe im Aufsichtsrat der KBB ausführlich erklärt, warum er seine Verlängerung nicht antreten wolle. Oberender erhalte weder eine Abfindung noch eine Lohnfortzahlung über die Amtszeit hinaus. Ob Monika Grütters die Erfahrungsberichte der Frauen vorgelegt bekam, und daraufhin entschied, Oberender einen gesichtswahrenden Rückzug zu ermöglichen, wurde nicht beantwortet.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 16. Dezember 2021 um 10:45 Uhr.