Arbeiter entfernt Asbestfasern | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Gefahrstoff weit verbreitet Mehr als 1500 berufsbedingte Asbest-Tote

Stand: 16.01.2020 17:14 Uhr

Ein Viertel aller Wohngebäude in Deutschland sollen asbestbelastet sein. Die EU will ein asbestfreies Europa bis 2032, doch die Bundesregierung hat dafür keinen Plan.

Von Sascha Adamek und Kaveh Korooshy, rbb

Aufgrund früherer Kontaminierung mit Asbest im Berufsleben verstarben im Jahr 2018 1571 Menschen. Das ARD-Politikmagazin Kontraste berichtet überdies, dass die Deutschen Gesetzliche Unfallversicherung 2018 auch 9891 neue Verdachtsfälle auf Asbesterkrankungen zählte. Auch 27 Jahre nach dem Asbestverbot bleiben die Fallzahlen der Berufsgenossenschaften damit in Deutschland gleichbleibend hoch.

Viele Betroffene vergiften sich als Arbeiter auf Baustellen. Potenzielle Gefahrenquellen gibt es genug, vor allem in Altgebäuden, die zwischen 1950 und 1993 - dem Jahr des Asbestverbotes - errichtet wurden. Umso wichtiger ist die Frage, wo der Baustoff verbaut wurde. In einem Viertel aller Wohnimmobilien in Deutschland soll dies der Fall sein - diese Schätzung wird auch vom Bundesbauministerium geteilt.

Kein Förderprogramm in Deutschland

Die EU-Kommission hat das Ziel, die Mitgliedsstaaten bis 2032 asbestfrei zu bekommen. Als erster Mitgliedsstaat hat Polen ein eigenes Zehn-Milliarden-Euro-Programm zur Asbestbeseitigung aufgelegt. In Deutschland hingegen gibt es kein "spezifisches Förderprogramm" für die bauliche Asbestsanierung. Das teilte die Kreditanstalt für Wiederaufbau Kontraste mit. Diese könne nur anteilig mitgefördert werden, wenn zugleich die Energieeffizienz eines Gebäudes erhöht wird.

Kai Warnecke, Präsident des Zentralverbands der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer kritisiert daher die Bundesregierung. Die habe zwar im Dezember 2016 den "Nationalen Asbestdialog" ins Leben gerufen, die Beratungen seien aber "bisher vollkommen ergebnislos." Das sei "schlicht mangelhaft".

"Asbestdialog" soll weitergehen

Das federführende Bundesarbeitsministerium wiederum teilte Kontraste mit, es liege in der "Natur der Sache", dass ein solches Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure "auch unterschiedliche Sichtweisen" hervorbringe. Der Dialog sei mitnichten gescheitert.

Im Rahmen des Asbestdialoges sollten Immobilien- und Baubranche, Versicherungen und Gewerkschaften über Lösungen diskutieren, wie "Bewohner, Nutzer, Mieter und die am Bau Beschäftigten" künftig effizient und effektiv vor Gesundheitsrisiken durch Asbest beim Bauen geschützt werden können.

Wo ist überall Asbest verbaut?

Keine Lösung hat das Gremium aber für das zentrale Problem erarbeitet: mangelnde Transparenz. In welchen Gebäuden steckt konkret Asbest? Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es in Deutschland kein Asbest-Kataster, um Mieter und Immobilienerwerber über Asbestgefahren informieren. Frankreich etwa hat einen Schadstoff-Ausweis für Gebäude verpflichtend gemacht, der auch Asbest beinhaltet.

Versuche, die Asbest-Belastung von Gebäuden zu erfassen gibt es zum Beispiel in Städten wie Aachen. Nach einem solchen Kataster befragt, verweist das Bundesbauministerium auf die Zuständigkeit der Bundesländer. Allerdings fügt das Ministerium auch hinzu: "Auf Länderebene sind keine laufenden bauaufsichtlichen Initiativen für ein Asbestkataster bekannt." Die Ungewissheit, ob in ihren Gebäuden Asbest verbaut ist oder nicht, bleibt also für Hunderttausende Mieter und Wohnungseigentümer.

Kontraste sendet dazu heute um 21.45 live in der ARD-Mediathek.

Über dieses Thema berichtete Kontraste am 16. Januar 2020 um 21:45 Uhr.

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