Ein Regebogen über dem Vatikan | AP
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Katholische Kirche Kreuz und queer - Gläubige outen sich

Stand: 24.01.2022 00:07 Uhr

Mehr als 100 nicht-heterosexuelle Mitarbeitende katholischer Einrichtungen gehen gemeinsam an die Öffentlichkeit. Sie wollen auf ein diskriminierendes System aufmerksam machen.

Von Hajo Seppelt und Katharina Kühn, rbb

Schon im Vorstellungsgespräch beim katholischen Wohlfahrtsverband wird der Bewerberin klar gemacht: Die Ehe mit ihrer Frau werde zwar toleriert, aber nur solange sie nicht zu viel darüber redet. Eine Caritas-Mitarbeiterin versteckte ihre lesbische Beziehung über Jahrzehnte, ein Religionslehrer traut sich mit seinem Partner kaum auf die Straße. Eine Bistumsmitarbeiterin bekam einen Auflösungsvertrag, als sie ihre Lebenspartnerschaft mit einer Frau offenlegte.

In einer exklusiven ARD-Dokumentation berichten erstmals 100 queere Katholikinnen und Katholiken öffentlich über ihre Erfahrungen in der Kirche und ihren Einrichtungen. Zeitgleich geht ein Zusammenschluss von mehr als 100 Gläubigen unter den Namen "Out in Church" an die Öffentlichkeit, um gegen die arbeitsrechtlichen Bestimmungen und ein intransparentes System zu protestieren, das Willkür und Drohungen gegen die Mitarbeitenden ermöglicht.

Ein eigenes Arbeitsrecht für die Kirchen

Die evangelische und die katholische Kirche sind mit cirka 1,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nach dem öffentlichen Dienst der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Obwohl das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Benachteiligung aus Gründen der Religion und der sexuellen Identität verhindern soll, müssen viele katholische Angestellte um ihre Jobs fürchten. Denn für die Kirchen gilt in Deutschland, geregelt in der Verfassung, ein weitgehendes Selbstbestimmungsrecht, das ein eigenes Arbeitsrecht einschließt.

Wer für die katholische Kirche oder katholische Einrichtungen arbeitet, muss mit seinem Arbeitsvertrag besonderen Bestimmungen zustimmen, die tief in die Privatsphäre eindringen und etwa queeren, also nicht heterosexuellen oder cis-geschlechtlichen, Menschen untersagen, offen zu ihrer Identität zu stehen. Eine gleichgeschlechtliche Heirat könnte in letzter Konsequenz zur Kündigung führen.

Ständige Angst um den Arbeitsplatz

Allerdings lässt das kirchliche Arbeitsrecht den Personalverantwortlichen so viel Spielraum, dass die Angestellten von einzelnen Entscheidungsträgern abhängig werden. Die Angst, entdeckt zu werden und im schlimmsten Fall ihren Beruf zu verlieren, ist für queere katholische Mitarbeitende allgegenwärtig. Viele schildern in den Interviews mit der ARD die daraus resultierenden psychischen Belastungen.

Zum Teil werden Betroffene von Vorgesetzten offenbar unter Druck gesetzt. "Das läuft oft im kirchlichen System sehr subtil", erzählt Gemeindereferent und Mit-Initiator von "Out in Church", Jens Ehebrecht-Zumsande. Er erinnert sich an eine Situation, in der er einer Versetzung nicht zustimmte und der Verantwortliche ihm entgegnete, er in seiner "besonderen Lebensform" sollte besser tun, was von ihm erwartet werde, so Ehebrecht-Zumsande.

Dass solche Erlebnisse durch das katholische Arbeitsrecht ermöglicht werden, sieht auch Thomas Schüller, Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er berät immer wieder Angestellte, die mit dem kirchlichen Arbeitsrecht in Konflikt geraten.

In der Regel, solange es eben nicht öffentlich wird, toleriert man vieles. Man weiß darum, das sagt man auch den Leuten und sagt aber, in unserer Huld und Gnade dürft ihr bei uns weiterarbeiten. So lässt man die Leute aber immer in einer angstvollen Schwebe. Es besteht immer die Möglichkeit, wenn das bekannt wird, wenn man zum Beispiel dann standesamtlich heiratet, dann könnten wir ja, wenn wir wollten, zuschlagen.

Für queere Mitarbeitende gebe es in der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen keine Rechtssicherheit.

Politik will über Reform sprechen

Hinzu kommt eine homophobe Atmosphäre, die von der Kirchenspitze im Vatikan kultiviert wird: Zwar hat sich Papst Franziskus auch mit versöhnlichen Worten zu queeren Menschen geäußert - aber im Katechismus, der offiziellen Zusammenstellung der grundlegenden katholischen Glaubensinhalte, wird Homosexualität mit Verweis auf die Bibel weiterhin als "schlimme Abirrung" bezeichnet und homosexuelle Menschen zur Keuschheit aufgerufen. Im Frühjahr 2021 verbot der Vatikan, homosexuelle Paare zu segnen, weil Gott "die Sünde" nicht segne. 

Aus dem Vatikan war kein Vertreter des Klerus bereit, mit der ARD zu sprechen. Aus den deutschen Bistümern gab trotz zahlreicher Anfragen nur der Aachener Bischof Helmut Dieser ein Interview. Zu den Verletzungen queerer Menschen sagt er: "Ich entschuldige mich im Namen der Kirche für die Menschen, die in ihren seelsorglichen Begegnungen mit der Kirche verletzt wurden, unverstanden gezwungen wurden, auf eine bestimmte Position hin zu denken, die sie selber nicht annehmen können." Bischof Dieser sieht Reformbedarf beim Arbeitsrecht, allerdings gelten die deutschen Bischöfe in diesem Punkt als uneinig.

Die Ampelkoalition hat in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, mit den Kirchen zu prüfen, wie das kirchliche Arbeitsrecht dem staatlichen angeglichen werden kann. Vorschreiben kann die Regierung das den Kirchen jedoch nicht - das kirchliche Selbstbestimmungsrecht wiegt höher. Verkündigungsnahe Tätigkeiten sollen bei der Reform ausgenommen bleiben. Der Religionslehrer wird seine Beziehung also auch in Zukunft weiter geheim halten müssen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. Januar 2022 um 07:45 Uhr.