Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenker" trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken. | dpa
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Coronavirus-Pandemie "Querdenker" wollen alternativen Schulen

Stand: 29.11.2021 06:00 Uhr

Angefacht durch die Corona-Maßnahmen suchen Eltern für ihre Kinder nach anderen Formen des Lernens. Experten warnen davor, dass Querdenker und andere radikale Strömungen diese Initiativen unterwandern.

Von Volker Siefert, hr

"In meinem Hirn sind Abermillionen kleiner Blitze. Da herrscht gerade Hochbetrieb. All das Leid dieser Kinder und Eltern wird in keinem Leben Gerechtigkeit oder Vergebung erfahren", schreibt eine Mutter aus einem kleinen Ort im hessischen Vogelsberg. In ihrem bis vor kurzem öffentlichen Chat mit mehr als 1200 Teilnehmern lässt die Mutter keine Zweifel daran, wen sie für das Leid der Kinder verantwortlich macht. "Lehrer sollen die Kinder im Sinne des "Staates formen". Gemeinsam mit anderen Eltern wollte sie Anfang Oktober eine "Ergänzungsschule" gründen, "um die Kinder möglichst schnell zu "retten".

In einem Video von einem Rechtsanwalt, der als Redner bei "Querdenker"-Demos auftritt, stellte sie ihr Schulkonzept vor kurzem vor. Gleichgesinnte aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich bis vor kurzem in ihrem Chat über die Folgen der Corona-Maßnahmen für ihre Kinder ausgetauscht, gaben sich Tipps, wie man an Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht kommt oder die eigenen Kinder dem Einfluss staatlicher Schulen entziehen kann.

Bundesweit viele ähnliche Initiativen

Aufrufe für ähnliche Initiativen finden sich in Telegram-Gruppen für viele Regionen in Deutschland. Wie stark sie durch Aktivisten der "Querdenker"-Szene politisch beeinflusst werden, ist schwer zu beurteilen. Die meisten Gruppen kommunizieren in geschlossenen Chats und gehen auf journalistische Fragen nicht ein oder antworten mit Verschwörungserzählungen rund um das Impfen.   

Doch es gibt auch Beispiele für Schulinitiativen, bei denen eine radikale politische Ausrichtung deutlich erkennbar wird. So mischen im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis Reichsbürger und Anhänger der rechts-esoterischen Anastasia-Bewegung bei dem Vorhaben, eine Bauernhofschule zu gründen, mit.

Beispiele wie das aus Mittelhessen oder die inzwischen geschlossene "Querdenker"-Schule im bayerischen Rosenheim zeigen, dass dabei auch problematische Verschwörungserzählungen und Ideologien auf fruchtbaren Boden fallen.

Wachsender Druck auf staatliche Schulen

Die Stimmungsmache wirkt sich inzwischen auch auf staatliche Schulen aus. "Wir sehen die Gefahr, dass Eltern auf der Suche nach alternativen Lernformen für ihre Kinder von Anhängern der 'Querdenken'-Bewegung indoktriniert werden", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes. Lehrerinnen und Lehrer würden über Diskussionen mit Eltern berichten, die zeigen, dass die Legitimation staatlichen Handelns an Schulen offensiv infrage gestellt wird.

Auch wenn nur vereinzelt der Schulfrieden gestört würde, warnt Meidinger davor, das Problem zu unterschätzen. Angesichts der vierten Welle drohen erneut Schulschließungen an vielen Orten Deutschlands. Er sieht die Kultusministerien in der Verantwortung dafür zu sorgen, dass die Aufhebung der Präsenzpflicht an Schulen nicht von Aktivisten der "Querdenker"-Szene dafür genutzt wird, Eltern und Kinder staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen dauerhaft zu entfremden.

"Freilerner" mit ideologischem Hintergrund

Mit der Pandemie haben auch die "Freilerner" Aufwind bekommen. Angelehnt an die Ideen des russischen Musiklehrers Michail Petrowitsch Schetinin sollen sich Kinder bevorzugt in Schulen auf dem Land frei von Lernzwängen eigenständig entfalten. Die auch mit dem Begriff "Bauernhofschule" umschriebenen Lernorte sollen ganz der individuellen Entwicklung der Kinder gewidmet werden. Was nach idyllischem Lernen auf dem Land klingt, fußt aus Sicht von Matthias Pöhlmann oft auf Vorstellungen, die auf die rechtsesoterische Anastasia-Bewegung zurückzuführen sind.

"In den Büchern ihres Gründers Vladimir Megre sind ganz klar antisemitische, antidemokratische und auch rassistische Inhalte anzutreffen," so der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Der Theologe hat Verständnis für Eltern, die sich in der Pandemie um die seelische Entwicklung ihrer Kinder sorgen. Aber genau da gelte es, besonders genau hinzuschauen. "Ich habe den Eindruck, dass es hier Akteure gibt, die Menschen dem demokratischen System entfremden wollen, und da muss man als Eltern dafür Sorge tragen, dass man sich da nicht instrumentalisieren lässt."

Problematische Entwicklung an einigen Waldorf-Schulen

Die Gefahr einer Unterwanderung alternativer Schulformen durch Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner wird auch anhand von Waldorfschulen diskutiert. Recherchen des SWR zeigen, wie umstritten die Corona-Schutzmaßnahmen an einzelnen Schulen sind. So wurden nach einem größeren Corona-Ausbruch an einer Waldorfschule in Freiburg 55 Atteste für Schüler und Lehrer vom zuständigen Regierungspräsidium im Nachhinein für ungültig erklärt, weil sie nicht den Vorgaben entsprachen.

Der Bund der freien Waldorfschulen weiß von solchen radikalen Strömungen und stellt sich dagegen. Es sei eine Fehldeutung der anthroposophischen Lehrer, wenn Anhänger meinten, freie Waldorfschulen als "rechtsfreien Raum" aufzufassen, an denen staatliche Regelungen "missachtet" werden können, so Christoph Sander, Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Stuttgart, in den tagesthemen.

Solche Beispiele zeigen laut Jost Schieren, dass Verschwörungstheorien rund um Corona auch in alternativen Schulen Verbreitung finden. Der Pädagoge lehrt mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Er warnt allerdings davor, deswegen freie Schulen unter pauschalen Verdacht zu stellen. Eltern, die ihre Kinder auf freie Schulen schicken seien oft nonkonformistischer und weniger staatsorientiert.

Keine pauschale Verurteilung

Dass sie sich im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie Gedanken um Eingriffe in Freiheitsrechte machten, sei legitim. Sie deswegen aber pauschal in die "Querdenker"-Ecke zu stellen, sei verkehrt. "Wenn solche Diskussionen an Waldorf Schulen aufflammen, werden sie dort auch behandelt, und die Eltern- und Lehrerschaft setzt sich damit kritisch auseinander".

In welche Richtung sich die "Bauernhofschule" im hessischen Vogelsberg entwickelt, ist nur schwer in Erfahrung zu bringen. Auf journalistische Anfragen zu Verbindungen in die "Querdenker"-Szene ging die Gründerin inhaltlich bislang nicht ein. Ihr Traum von der eigenen Schule scheint zudem in weite Ferne gerückt zu sein.

Das hessische Kultusministerium teilte auf Anfrage mit, die Initiatorin der Bauernhofschule sei darauf hingewiesen worden, dass es sich bei ihrer Initiative nicht um eine Schule im Sinne des Schulgesetzes handelt. Die Schulpflicht könne durch den Besuch einer solchen Einrichtung nicht erfüllt werden.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war im Titel von "Freien Schulen" als mögliches Einfallstor für "Querdenker" die Rede. Der Bundesverband der Freien Alternativschulen hat sich deswegen an uns gewandt. Mitglieder des Verbandes sehen sich durch die Formulierung in ein falsches politisches Licht gerückt. Wir stellen klar, dass Schulen des Verbandes von uns nicht explizit gemeint waren und haben den Titel entsprechend geändert.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. November 2021 um 22:47 Uhr.