Blister mit dem Schmerzmittel Tilidin.
Exklusiv

Schmerzmittel Tilidin Experten warnen vor Missbrauch

Stand: 01.09.2020 17:31 Uhr

Für immer mehr 15- bis 20-Jährige scheint das Schmerzmedikament Tilidin eine Modedroge. Der Gebrauch stieg innerhalb von zwei Jahren um das 30-fache, so Recherchen von STRG_F .

Von Mirco Seekamp, STRG_F (NDR/funk)

Daten der gesetzlichen Kassen zufolge ist die Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das Medikament Tilidin verschrieben bekommen haben, massiv gestiegen. 2017 waren es noch 100.000 definierte Tagesdosen, 2019 dann mehr als drei Millionen in der Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen. Das geht aus Daten der gesetzlichen Krankenkassen hervor, die STRG_F vorliegen.

Insgesamt ist der Gebrauch des Mittels bei Menschen von bis zu 40 Jahren niedrig, die Gruppe der 15- bis 20-Jährigen hat dagegen einen relativ hohen Anteil an Tilidin-Verschreibungen. Der Gesundheitsexperte der Universität Bremen, Gerd Glaeseke findet das auffällig, es sei "geradezu ein statistischer Ausreißer".

Tilidin ist ein rezeptpflichtiges Schmerzmedikament aus der Gruppe der Opioide. Es wird zur Behandlung von starken Schmerzen eingesetzt. Häufig werden akute Schmerzen wie nach einer Hüft- oder Knieoperation damit behandelt.

Gesundheitsexperte Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen

Gesundheitsexperte Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen hält vor allem die jungen männlichen Anwender von Tildin für "risikofreudig".

Zahlen deuten auf Missbrauch hin

Auffällig an den Daten der Altersgruppe 15 bis 20 Jahre ist zudem, dass fast drei Viertel des Tilidins an Jungen verordnet wird. Diese starke Verschiebung sieht Glaeske als weiteres Indiz für eine missbräuchliche Einnahme, denn insbesondere Jungs und junge Männer dieser Altersgruppe seien "sehr risikofreudig mit der Anwendung oder dem Probieren von Substanzen". Für Glaeske ist allerdings unklar, wie Jugendliche und junge Erwachsene Ärzte davon überzeugen können, ihnen die Medikamente zu verschreiben.

Auf STRG_F-Anfrage erklärt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dass es die vorgelegten Zahlen sehr ernst nehme. Die zuständige Bundesopiumstelle des BfArM wolle nun "weitere Erkenntnisse mit Blick auf einen Anstieg der Verordnungen gewinnen". Bei "entsprechender Datenlage" soll sich der Sachverständigenausschuss für Betäubungsmittel mit Tilidin in Tablettenform befassen.

Tilidin in vielen Deutsch-Rap-Songs

In der Deutsch-Rap-Szene spielt Tilidin schon seit Jahren eine Rolle, vor allem zwischen gewaltbereiten Gruppierungen in Berlin. Tilidin wird dort etwa als Droge bei Schlägereien eingesetzt, um unempfindlicher zu werden. Seit 2017 thematisieren bekannte Deutsch-Rapper wie Capital Bra, Samra oder AK Ausserkontrolle wieder vermehrt Tilidin als Droge in ihren Songtexten. Der Song "Tilidin" von Capital Bra und Samra hat auf YouTube mehr als 65 Millionen Aufrufe. Capital Bra ist aktuell - gemessen an den Nummer-Eins-Hits - der erfolgreichste Künstler der deutschen Musik-Geschichte.

Viele Jugendliche versuchen offenkundig, den Lebensstil zu imitieren, posieren in sozialen Medien mit dem Schmerzmedikament. Ein 18-jähriger Schüler, der nach eigenen Angaben regelmäßig Tilidin nimmt, erzählt im STRG_F-Interview: "Man will den Rappern näher sein, dadurch, dass man sich dieselben Sachen antut wie die." Weiter sagt er: "Wenn sie sich als real (echt) vermarkten, dann sollte man dem Glauben schenken."

Tildin-Dealer

Der Tilidin-Dealer bemerkt, dass er häufig Anfragen von Minderjährigen bekommt.

Dass junge Erwachsene die Songtexte der Rapper wörtlich nehmen, stützen auch Aussagen von Tilidin-Dealer. Sie erzählen davon, dass sich der Absatz merklich ändert, wenn ein neuer Rap-Hit veröffentlicht wird, der Tilidin thematisiert.

Ein Tilidin-Dealer aus dem Darknet schreibt gegenüber STRG_F," er "bekomme auch direkt an der Front mit, wie teilweise ganz klar Minderjährige Interesse an diesen Substanzen zeigen - meiner Meinung nach komplett diesem Teil der Rap-Szene zuzuordnen". Er erkennt Minderjährige beispielsweise daran, dass sie fragen, ob ihre Eltern etwas am Brief erkennen würden, mit der das Tilidin an die Empfängeradresse gesendet würde. Er sagt, dass dann aber kein Verkauf zustande kommen würde. Konkrete Fragen an die Deutsch-Rapper Capital Bra, Samra und AK Ausserkontrolle blieben unbeantwortet.

Hohe Gefahr bei Tilidin-Rausch

Tilidin kann unter anderem Schwindel und Übelkeit hervorrufen. In Zusammenhang mit Alkohol kann es bis zum Atemstillstand führen. Um Tilidin als Droge regelmäßig zu nehmen, muss die Dosis gesteigert werden. Das kann zur Abhängigkeit führen. Bisher gilt die allgemeine Auffassung, dass Tilidin als Retard-Tabletten nicht so ein hohes Missbrauchspotenzial aufweist. Grund ist, dass durch den Naloxon-Blocker der Wirkstoff nur langsam freigesetzt wird. Doch nach Information von STRG_F wissen viele Jugendliche, wie die Retardierung umgangen werden kann, sodass der Wirkstoff sofort freigesetzt wird.

Seit 2013 fällt Tilidin bereits in Tropfen-Form unter das Betäubungsmittelgesetz. Sie machen inzwischen nur noch vier Prozent der Verschreibungen aus - offenbar eine Folge der strengeren Kontrollen. Professor Glaeske war damals Mitglied des Sachverständigen-Ausschusses, der auf Grund des Missbrauchspotenzials empfohlen hat, die Tropfen strenger und kontrollierter abzugeben. Im Fall der Retard-Tabletten rät er erneut zu prüfen, ob die Tabletten auch unter das Betäubungsmittelgesetz fallen sollten.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Zeitlos-Geistlos 01.09.2020 • 19:36 Uhr

@ um 18:31 von harry_up

"Wenn ein 15-Jähriger solche Schmerzen hat, dass er Tilidin braucht, gehört er in eine Klinik und nicht in eine Rapper-Disco. Und dem Arzt (wenn das Zeug nicht schwarz besorgt, sondern verschrieben wurde), sollte der Entzug der Approbation in Aussicht gestellt werden." Schießen sie da nicht ein wenig über das Ziel hinaus? Erstens haben 15-Jährige ohne Erziehungberechtigte keinen Zutritt zur Disco. Zweitens, wenn Jugendliche aufgrund von Schmerzen Tilidin benötigen, hat es uns nicht zu interessieren, wie diese ihre Freizeit gestalten. Und wenn sie es benötigen, wie Sie schreiben, gibt es überhaupt keinen Grund dem Arzt zu drohen. Wie es dazu kommt, dass mehr Tagesdosen verschrieben werden, in welchem Umfang diese den Weg auf den Schwarzmarkt finden, ob die Zulassungsgebiete erweitert wurden, ob vereinzelte Patienten mit berechtigtem Interesse an dem Medikament die Bedarfsmedikation verantwortungsbewusst handhaben, ist hier nicht beschrieben. Ich würde nicht vorverurteilen.