Ein Turnschuh von Dior | STRG_F
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Dubiose Großhändler involviert Das Netz der Fakemarken-Händler

Stand: 07.09.2021 17:00 Uhr

In Deutschland hat sich ein Netz von Untergrund-Geschäften entwickelt, die Fälschungen von Markenbekleidung verkaufen. Diese kommen unter anderem von dubiosen Großhändlern. Das zeigen Recherchen des Reporterformats STRG_F (NDR/funk).

Von Sulaiman Tadmory und Mirco Seekamp, STRG_F (NDR/funk)

Die Generation Z ist die am schnellsten wachsende Zielgruppe von Luxusunternehmen. Laut Erhebungen der Unternehmensberatung Bain & Company machen die heute unter 26-Jährigen 13 Prozent des Umsatzes aus. Dabei verdienen sie laut Bundesbank am wenigsten Geld. Das zeigt: Der Bedarf nach Luxus ist da, aber die finanziellen Mittel fehlen bei den meisten. Daher sind gefälschte Produkte angesagt.

Im ganzen Bundesgebiet gibt es nach STRG_F-Recherchen etwa 400 Verkäufer, die über soziale Medien ihre gefälschten Markenprodukte anbieten. Kunden können teilweise sogar die Geschäfte der Verkäufer betreten, die sich oft in Kellern oder auf Dachböden befinden. Die Täter zu finden, ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ermittlungsbehörden und Verkäufern. Ihnen drohen Anzeigen durch die Rechteinhaber und hohe Geldstrafen.

Zwei Männer stehen vor einem Regal mit Designer-Kleidung. | STRG_F

Die Geschäfte der Verkäufer mit gefälschten Markenprodukten befinden sich oft in Kellern oder auf Dachböden. Bild: STRG_F

Organisierte Kriminalität steckt dahinter

Die Ware stammt entweder direkt aus dem Ausland oder auch aus deutschen Großhandelszentren. In den Zentren gibt es teilweise Netze von Händlern, die untereinander den Handel organisieren. Der Zoll stellt dabei eine zunehmende Professionalisierung fest. "Die Versender bzw. Haupttäter, welche vom Ausland aus agieren, bauen sich nach bewährtem Muster in Deutschland 'Zwischenhändlerketten' mit bundesweiten Verflechtungen auf, die über diverse Onlineshops die gefälschten Waren vertreiben", sagt Andre Lenz, Sprecher der Generalzolldirektion.

Dahinter würden straff organisierte, internationale Banden stecken, die Geschäftsstrukturen mit erheblichem Kapitaleinsatz auf- und ausbauen, berichtet Lenz. "Wenn man sich Fälschungen kauft, finanziert man direkt auch in Banden", berichtet Nicolás Schmitz, Anwalt für Markenrecht und Produktpiraterie. Er vertritt diverse bekannte Designermarken, wenn es zum Beispiel zur Rechtsverfolgung kommt. Durch die Pandemie sind diese Strukturen laut EU noch weitergewachsen, weil viele Menschen online bestellt haben.

"Es ist schon eine Sache, die zunimmt und die Markeninhaber müssen schon mehr Zeit und Geld investieren, um die Produkte vom Markt zu nehmen", sagt Schmitz. Dabei würden sie auch einen Anstieg bemerken, wenn ein Prominenter ein solches Produkt trägt oder die Marke in einem Lied auftaucht. "Die Leute wollen suggerieren, dass sie sich die Marke leisten können."

Nicolás Schmitz | STRG_F

Nicolás Schmitz vertritt als Markenrechtsanwalt diverse bekannte Designermarken. Bild: STRG_F

Einfluss durch Rap und soziale Medien

Die Nachfrage für diese gefälschten Produkte besteht überwiegend von einer sehr jungen Zielgruppe. Unter anderem durch Marketingstrategien der Luxusmarken entsteht ein regelrechter Hype um diese Produkte. Zum Beispiel schließen die Marken Kooperationen mit bekannten Influencern oder Künstlern, die für das Posten der Produkte auf sozialen Medien Geld bekommen und oft selbst eine junge Zielgruppe haben. Markenrechtsanwalt Schmitz erklärt: "Dass ein Unternehmen ein Produkt bewirbt, damit es selbst den Umsatz macht, das ist, glaube ich, betriebswirtschaftlich logisch."

Auch YouTube-Formate wie "Wie viel ist dein Outfit wert?" verstärken den Wunsch nach teurer Bekleidung. Das ist auch dem YouTuber Lion Salijevic selbst klar: "Man merkt, dass mit der Zeit die Altersgrenze immer jünger wird. Also die Leute interessieren sich in jüngeren Jahren schon für teure Klamotten." Trotzdem findet er: "Das ist nicht vermeidbar, dass man irgendwie auch einen negativen Aspekt mit sich zieht. Das ist halt so."

Der Deutschrap, die beliebteste Musikrichtung in der Generation, thematisiert die Marken auch: Laut einer Auswertung von STRG_F stehen in fast der Hälfte der Texte der über 70 Nummer-1-Hits im Rap in den letzten fünf Jahren Markennamen. Das hat die Jugend auch beeinflusst. Rapper Kontra K erklärt im Interview: "Wir sind schnell vor Kameras gekommen und wachsen dort als Menschen. Und dazu gehören auch Fehler." Er gesteht ein: "Wir haben ziemlich viel verkackt, und zu sagen 'Ja, sind nicht unsere Kinder' ist die billigste Ausrede."

Kontra K | STRG_F

Deutschrapper Kontra K gesteht Fehler in seinen Songtexten ein, die sich oft mit Marken befassen. Bild: STRG_F

Neue Pläne gegen Markenpiraterie

Die Luxusunternehmen selbst versuchen, Onlineverkäufe von gefälschten Markenprodukten mit viel Aufwand zu unterbinden. Gucci und Facebook haben zum Beispiel eine Kooperation, die bewirken soll, dass Facebook mehr auf die Löschung der gefälschten Produktanzeigen auf ihren Plattformen achtet.

LVMH, Branchenführer der Luxusgüterindustrie, plant zusammen mit Prada und Richemont eine technologisch aufwändig abgesicherte Überwachung der Lieferketten, um Fälschungen von Originalen unterscheiden zu können. "Man muss versuchen, zu verhindern, dass die Produkte im Endmarkt ankommen, also zum Beispiel in Deutschland", sagt Markenrechtsanwalt Schmitz.