Ein ukrainischer Soldat auf einem Flugabwehrgeschütz an einer Frontlinie nordöstlich von Kiew, Ukraine. | AFP
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Ukraine Beeinflussen Freiwillige den Krieg?

Stand: 17.03.2022 17:00 Uhr

Mehr als 20.000 Freiwillige sollen sich als Kämpfer in der Ukraine gemeldet haben. Viele Regierungen warnen davor, die Bundesregierung hält sich bedeckt. STRG_F sprach mit einem Freiwilligen über seine Erlebnisse.

24 Stunden war Lennart* auf der Autobahn. Direkt von Lwiw im Westen der Ukraine zurück nach Deutschland. Lennart hatte sich als Freiwilliger der ukrainischen Fremdenlegion angeschlossen, trainierte zuletzt für den Einsatz an der Front im "Zentrum für Friedenssicherung und Sicherheit" in Jaworiw. Dort wurden Freiwillige auf den Einsatz in den Kampfgebieten vorbereitet.

Am Sonntag wurde dieses Zentrum von russischen Marschflugkörpern getroffen. "Dieses Geräusch von einer Rakete, die 50 bis 100 Meter neben einem einschlägt oder auch 200, wenn man weiter weggerannt ist, das vergisst man nicht so schnell", erinnert sich Lennart im Interview mit STRG_F. Er habe Tote geborgen, Kämpfer aus dem Ausland seien aber nicht unter ihnen gewesen.

Doch die waren offenbar das Ziel. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums erklärte nach dem Angriff: "Alle Standorte ausländischer Söldner sind uns bekannt. Sie werden weiterhin gezielte Schläge erhalten." Die russische Seite sprach von 180 getöteten Söldnern, die ukrainische Regierung erklärte hingegen, es sei kein ausländischer Kämpfer getötet worden.

Deutliche Warnungen vor Freiwilligendienst

Nationen wie die USA oder Großbritannien warnten mit deutlichen Worten vor dem Freiwilligendienst in der Ukraine. Ein Sprecher des US-Außenministerium erklärte: "US-Bürger, die in die Ukraine reisen, vor allem, um dort zu kämpfen, setzen sich dem großen Risiko aus, gefangen genommen zu werden oder zu sterben."

Auch der Chef des britischen Verteidigungsstabes, Tony Radakin, erklärte: "Es ist rechtswidrig und nicht hilfreich für britische Soldaten und britische Bürger in die Ukraine in den Krieg zu ziehen."

Warnungen der Bundesregierung verhalten

Doch die Bundesregierung hält sich mit solchen Warnungen bislang zurück. Im Gegenteil: Zwar sagte Justizminister Marco Buschmann der "Rheinischen Post", er warne davor, "auf eigene Faust" in die Ukraine zu reisen um zu kämpfen. Wer sich aber in die ukrainischen Streitkräfte eingliedere, handele legal.

Das Außenministerium verweist auf Nachfrage auf eine generelle Reisewarnung. Auf Nachfrage von STRG_F sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser zunächst, dass die Bundesregierung Deutsche vor einer Kriegsteilnahme warne. Auf Nachfrage konnte das Ministerium jedoch nicht erläutern, wie diese Warnung aussieht. Faeser erklärte gegenüber STRG_F lediglich, man wolle diejenigen, "die aus extremistischen Gründen ausreisen", um zu kämpfen, an der Ausreise hindern.

Eskalation durch freiwillige Kämpfer?

Experten wie David Malet, Forscher an der American University in Washington D.C. sehen neben einem hohen persönlichen Risiko für die freiwilligen Kämpfer auch die Gefahr, dass der Konflikt zwischen dem Westen und Russland durch ihren Einsatz eskaliert.

So erklärte er im Interview mit STRG_F: "Die vielen Freiwilligen von außerhalb könnten in Putins Hände spielen. Weil er versucht, den Krieg nicht als Eroberung sondern als Selbstverteidigung Russlands gegen den Westen darzustellen."

Deutsche Kämpfer in der Ukraine

Wie viele Deutsche mittlerweile in der Ukraine kämpfen, ist deutschen Behörden offenbar völlig unbekannt. Insgesamt hätten sich laut ukrainischen Angaben mehr als 22.000 Freiwillige gemeldet. Das ist eine Zahl, die nicht unabhängig überprüft werden kann. Wenn es stimmt, wäre diese Zahl enorm, so Experte Malet: "Schätzungen zufolge gab es ungefähr 40.000 Menschen, die nach Syrien gegangen sind und zwar über mehrere Jahre hinweg."

Der Ex-Freiwillige Lennart findet es immer noch richtig, dass Deutsche freiwillig zum Kriegsdienst in die Ukraine gehen. Gleichzeitig ist er enttäuscht von seiner militärischen Führung. So hätten die ukrainischen Vorgesetzten in der Kaserne ihn und seine Kameraden nicht vor dem Luftangriff gewarnt - obwohl dieser offenbar bemerkt wurde. Andere seien in Bunkern gewesen.

Ein halbvermummter Mann sitzt in einem Auto | STRG_F/NDR

Lennart* aus Deutschland war als freiwilliger Kämpfer in der Ukraine. Bild: STRG_F/NDR

"Ich bin auch immer noch bereit, mein Leben für die Freiheit Europas einzusetzen", sagt er, "Aber ich bin nicht bereit, mein Leben leichtsinnig einfach herzugeben und einfach zu sagen okay, dann tötet mich doch, sondern ich will auch für was nützlich sein." Nach seinen Angaben hätten 30 Freiwillige gemeinsam mit ihm das Bataillon nach dem Angriff deshalb wieder verlassen.

* Name von der Redaktion geändert

Einen Fernsehbeitrag dazu können Sie heute in den Tagesthemen um 22:35 Uhr sehen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. März 2022 um 22:35 Uhr.