Polizisten führen einen vorläufig festgenommenen Mann ab. | dpa
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Kriminalität von Clans Mindestens 120 Millionen Euro erbeutet

Stand: 08.02.2022 06:15 Uhr

Mindestens 120 Millionen Euro haben falsche Polizisten seit 2018 in Deutschland erbeutet. Den Betrug organisieren auch Mitglieder eines arabisch-türkischen Clans, wie Recherchen von report München und rbb24 zeigen.

Von Fabian Mader und Lisa Wreschniok, BR, sowie Olaf Sundermeyer, rbb

Der Prozess, der derzeit an der großen Strafkammer des Landgerichts im türkischen Izmir gegen 81 mutmaßliche Betrüger aus Deutschland und der Türkei läuft, könnte ein beispielhafter Erfolg bei der schwierigen justiziellen und polizeilichen Zusammenarbeit beider Länder werden. Den Angeklagten wird die "Gründung einer Organisation zur Begehung von Verbrechen" vorgeworfen sowie Betrug und Geldwäsche von Vermögenswerten aus Straftaten. Es geht um organisierten Telefonbetrug nach der Masche der sogenannten falschen Polizisten, mit der aus Callcentern in Izmir zumeist ältere Menschen in Deutschland um ihr Vermögen gebracht wurden.

Betrüger geben sich dabei am Telefon als Polizisten aus und berichten etwa von Einbrüchen in der Nachbarschaft. So bringen sie Menschen dazu, ihnen ihr Vermögen zu übergeben, um es angeblich in Sicherheit zu bringen. Dabei nutzten sie das "Call ID Spoofing“. Mit dieser Vorgehensweise erscheint bei dem Angerufenen eine vorgetäuschte, in diesem Fall deutsche Rufnummer im Display.

Angehörige eines Clans gehören zu Drahtziehern

Eine Umfrage von report München und rbb24 Recherche unter den 16 Landeskriminalämtern hat ergeben, dass kriminelle Banden mit der Betrugsmasche zwischen 2018 und 2020 bundesweit Geld, Schmuck und Gold im Wert von mindestens 120 Millionen Euro erbeuteten. Demnach wurden in dem Zeitraum mehr als 154.000 Fälle registriert, davon waren die Täter in gut 10.500 Fällen erfolgreich. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass der Schaden und die Zahl der Opfer noch wesentlich höher sind: Zahlreiche Betroffene dieser Masche würden den Betrug aus Scham nicht zur Anzeige bringen. Ferner wird diese Betrugsmasche erst seit 2018 auch bei allen Landeskriminalämtern ausgewiesen, obwohl schon 2015 in Deutschland die ersten Fälle bekannt wurden.

Die Haupttäter der Izmir-Bande sind drei Männer aus dem Umfeld des türkisch-arabischen Miri-Clans aus Nordrhein-Westfalen und Bremen, die gemeinsam mit anderen Mitgliedern ihrer Großfamilie und weiteren Mittätern seit spätestens 2016 systematisch ihre Opfer in Deutschland abgezockt haben sollen. Die Hunderte Seiten umfassende Anklageschrift, die report München und rbb24 Recherche vorliegt, weist 24 Betrugsfälle aus, bei denen der Weg der Beute von den Opfern in Deutschland bis nach Izmir nachverfolgt werden konnte - mehr als fünf Millionen Euro. Es ist das erste Mal, dass in einem derart groß angelegten Verfahren gegen Callcenterbetrüger in der Türkei, die sich ihre Opfer in Deutschland suchten, verhandelt wird.

Opfer könnten entschädigt werden

Neben der Kriminalpolizei in München, bei der die Fäden zusammenliefen, waren weitere Landeskriminalämter an den Ermittlungen beteiligt. Ihnen gilt der Schlag gegen den Izmir-Clan nur als Ausschnitt eines umfangreichen Tatkomplexes mit einem noch größeren Netzwerk an Kriminellen und Mittätern, die aus Izmir und weiteren Städten in der Türkei agieren.

Der Kopf der in Izmir angeklagten Bande soll ein Mehrfachtäter aus dem Miri-Clan sein, der vor zehn Jahren vor einem Prozess wegen Einbruchdiebstahls aus dem Haftraum des Bremer Landgerichts geflohen war und sich anschließend in die Türkei absetzte. Die türkische Staatsanwaltschaft weist ihm bzw. weiteren Familienangehörigen mehrere Immobilien nach, darunter ein Hotel im Badeort Çeşme. Sie hat Vermögen der Bande im Wert von insgesamt 105 Millionen Euro beschlagnahmt. Nach Auskunft der türkischen Richtergewerkschaft könnten daraus nach einer Verurteilung der Bandenmitglieder durch das Gericht in Izmir deren Opfer in Deutschland entschädigt werden.

Oliver Huth, Landesvorsitzender beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in NRW, sieht in der Anklage einen Durchbruch bei der bislang schwierigen Polizeizusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei. Wegen der eingeschränkten Rechtshilfe sei das Land bislang ein sicheres Exil für Straftäter aus Deutschland gewesen.

Täter nutzen Vertrauen aus

Hans-Peter Chloupek, Leiter der Arbeitsgruppe Phänomene bei der Polizei München, verweist im Zusammenhang mit dem Prozess in Izmir auf die Traumatisierung der Opfer hin, nachdem sie im hohen Alter durch die Bande häufig um ihr Lebensvermögen gebracht worden seien. Bei den Ermittlungen wurde deutlich, wie geschickt die Tatverdächtigen agieren. Sie nutzen skrupellos das Vertrauen ihrer Opfer in die Polizei aus. Auch im Fall einer Frau, der besonders tragisch ist. Sie verkaufte ihr Haus für drei Millionen Euro und erwarb von einem Großteil des Geldes Diamanten und eine Uhr, um diese einem Abholer der falschen Polizisten aus Berlin zu übergeben. Sie dachte, sie würde damit einem Polizisten helfen, der angeblich als Geisel genommen wurde. Der Abholer wurde zwar ergriffen, die Diamanten sichergestellt, aber das Haus war weg.

Auch weist die Opferliste der angeklagten Bande mindestens zwei Todesfälle auf, die auf den Betrug zurückzuführen sein sollen: In einem Fall geht die Staatsanwaltschaft von Selbstmord als Folge des Vermögensverlusts aus. In einem zweiten Fall hatte der Hausarzt eines der Betroffenen, ein weit über 80-jähriger Mann, bereits bei einem Gerichtsverfahren gegen die Abholer in Deutschland ausgesagt, dass sein Patient aus gesundheitlichen Gründen durch die Folgen des Betrugs verstorben sei.

Geldtransfer per Hawala-Banking

In sämtlichen Fällen sind die Ermittler der Spur des Geldes bis nach Izmir gefolgt: Unter anderem aus Wuppertal, wo Abholer der Bande Geld, Gold und Schmuck bei einem Juwelier abgegeben haben sollen, einer Einzahlstelle eines Hawala-Netzwerks - einem inoffiziellen Banken-System auf Vertrauensbasis, das oft zur Geldwäsche genutzt wird. Ohne dass Geld physisch das Land gewechselt hat, soll der entsprechende Wert bei einer Auszahlstelle des Hawala-Systems in Izmir an die Bande ausgezahlt worden sein.

Detlev Boßbach, Dezernatsleiter beim LKA in NRW, geht davon aus, dass der größte Teil der Beute neben dem klassischen Schmuggel als Personentransport per Flugzeugen oder Auto vor allem über Hawala-Banking in die Türkei gelangt sei. Nach Informationen von report München und rbb24 Recherche prüfen die LKA in NRW und Bremen derzeit, ob einzelne Mitglieder des Miri-Clans auch in Deutschland Beute aus diesen Betrugsdelikten gewaschen haben. Bei der Kriminalpolizei in München und beim LKA in NRW laufen bereits Anschlussverfahren gegen organisierte Banden von falschen Polizisten aus dem Umfeld des Miri-Clans.

Das ARD-Politikmagazin report München berichtet in seiner Sendung am 08. Februar 2022 um 21.45 Uhr über die Recherchen. Der Film "Der Izmir Clan - Beutezug durch Deutschland" steht ab 17 Uhr in der ARD-Mediathek bereit.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Report München" am 08. Februar 2022 um 21:45 Uhr.