Ein Patient mit amputiertem Unterschenkel und einer Beinprothese | Bildquelle: picture alliance / Andreas Arnol

Abgelehnte Hilfsmittel Der Kampf gegen Krankenkassen

Stand: 17.12.2019 15:14 Uhr

Viele Menschen mit Behinderung sind auf Hilfsmittel wie Prothesen angewiesen. Recherchen von Fakt zeigen, dass Betroffene oft um die Übernahme der Kosten streiten müssen. Dabei sollte eine Gesetzesänderung das optimieren.

Von Christin Simon und Matthias Pöls, MDR

Seit eineinhalb Jahren kämpft Marina Storp-Petersen um eine geeignete Prothese. Doch die Krankenkasse will ihr das deutlich teurere Modell wieder wegnehmen. Dadurch droht der Physiotherapeutin die Berufsunfähigkeit. Es ist nur ein Beispiel für eine abgelehnte Hilfsmittelversorgung, eines der Hauptthemen bei Streitigkeiten in Sachen Gesundheit. Dabei sollte das auch durch eine Gesetzesänderung ganz anders sein.

Die Bundesregierung änderte erst vor zwei Jahren das Heil- und Hilfsmittelgesetz. Danach sollten die Krankenkassen verstärkt auf die Qualität für die Patienten und weniger auf den Preis achten. Anders ausgedrückt: Ein optimierte Versorgung soll vor der Wirtschaftlichkeit stehen.

Krankenkasse besteht auf günstigere Variante

Doch Storp-Petersen hat nicht den Eindruck, dass dies bei ihr der Fall ist. Seit ihrer Oberschenkelamputation kämpft sie mit der Krankenkasse. "Die Krankenkasse legt mir da keine Steine in den Weg. Das sind schon Felsbrocken", sagt sie.

Derzeit hat die 61-Jährige noch eine Prothese mit elektrischem Kniegelenk. Kostenpunkt: 30.000 Euro. Doch diese will ihr die Kasse wieder wegnehmen. Stattdessen soll sie eine mit 8000 Euro deutlich günstigere Variante erhalten. Dabei hat die Frau aus Niedersachsen mit dem dabei verbauten mechanischen Gelenk bereits sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

"Mit der alten Prothese bin ich sehr oft gefallen", sagt Storp-Petersen. Mit der teureren sei das noch gar nicht geschehen. Zudem könne sie mit dieser auch ihrer Arbeit als Physiotherapeutin nachgehen. Denn sie muss in ihrem Beruf mobil sein. "Am Patienten brauche ich meine Hände, und dazu brauche ich einen festen Stand", erklärt die Physiotherapeutin. Dennoch lebt sie im Ungewissen, ob sie die elektrische Prothese behalten darf.

Marina Storp-Petersen
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Storp-Petersen kämpft seit Monaten für eine geeignete Prothese.

Erhöhte Kosten für Krankenkassen

Für die Krankenkassen stehen offenbar vor allem die erhöhten Kosten seit der Änderung des Gesetzes im Vordergrund. Die Ausgaben für Hilfsmittel sind in den vergangenen fünf Jahren bis 2018 um eine Milliarde auf 8,44 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen.

"Ich sehe viel mehr das Risiko, dass aufgrund der gestiegenen Kosten auf anderen Wegen versucht wird, den Patienten ein notwendiges Hilfsmittel abzuschneiden", sagt die Fachanwältin für Patientenrecht, Adelheid Kieper.

Über 1000 Klagen und Widersprüche

Abgelehnte Hilfsmittel sind einer der größten Streitpunkte im Gesundheitsbereich. Allein der größte Sozialverband Bayerns (VdK) hat im Jahr 2019 bislang über 1000 Widersprüche und Klagen begleitet. "Oft ist es so, dass die Kassen eine Minimalversorgung anbieten", sagt Erwin Rüddel.

Aus der Sicht des CDU-Mannes, der im Ausschuss für Gesundheit des Bundestages sitzt, müssten alle Beitragszahler auch eine angemessene Versorgung ohne eigene Zuzahlungen erhalten. Doch daran würden sich trotz des angepassten Gesetzes nicht alle Krankenkassen halten. "Es ist traurig, dass wir jetzt die Rechte der Kassenaufsicht stärken müssen, damit sich alle Kassen an Recht und Gesetz halten."

Die Aufsichtsbehörden dürfen künftig direkter in Entscheidungen der Krankenkassen eingreifen, sobald eine erneute Änderung des Heil- und Hilfsmittelgesetzes ab April 2020 greift. Im Fall von Storp-Petersen hat sogar der Medizinische Dienst der Krankenversicherung die verbesserte Qualität der Versorgung durch die elektrische Prothese bescheinigt. Trotzdem bleibt sie im Ungewissen, ob sie ihr Hilfsmittel behalten darf.

Über dieses und weitere Themen berichtet das ARD-Magazin Fakt heute um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung Fakt am 17. Dezember 2019 um 21:45 Uhr.

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