Am Bürogebäude des Wirtschaftsprüfers in Berlin hängt das Logo "EY"  | HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstoc
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Wirecard-Skandal Die Fehlleistungen des Wirtschaftsprüfers EY

Stand: 30.06.2021 08:27 Uhr

Jahrelang haben die Wirtschaftsprüfer von EY gefälschte Wirecard-Bilanzen abgesegnet. Interne Dokumente, die BR Recherche vorliegen, zeigen nun, wie leicht EY sich hinters Licht führen ließ.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Wolfgang Barth hat an die Wirecard-Story geglaubt: Der Markt mit Online-Bezahlungen boomte. Mit Wirecard spielte ein Unternehmen mit, dem im September 2018 sogar der Sprung in die erste deutsche Börsenliga gelang - in den Dax. Der Rentner aus München kaufte 2019 Wirecard-Aktien, nach eigenen Angaben in niedriger, fünfstelliger Höhe.

Dass die Wirtschaftsprüfer von EY über Jahre die Bilanzen des Konzerns abgesegnet hatten, war dabei "ein wesentlicher Baustein meiner Anlageentscheidung, ganz zweifellos", erzählt Barth. Inzwischen ist Wirecard insolvent und Barth sauer auf das Wirtschaftsprüfungsunternehmen: "EY muss zu seiner Verantwortung stehen." Deswegen will er von EY mit Hilfe einer Klage Schadensersatz erhalten.

Nach Ansicht von Rechtsanwalt Marvin Kewe stehen die Chancen dafür nicht schlecht - schließlich habe EY die Wirecard-Bilanzen seit 2009 unzureichend geprüft. Trotzdem gilt, so Kewe: "Sie werden natürlich erst einmal die Pflichtverletzung nachweisen müssen."

Interne Dokumente zeigen: EY fiel auf plumpe Fälschungen rein

BR Recherche hat interne Dokumente und Mailverkehr zwischen Wirecard und EY analysiert. Danach haben sich die Prüfer über Jahre mit teilweise plump gefälschten Papieren täuschen lassen. So erhält EY 2016 und 2017 zum Beispiel zwei offenbar manipulierte Salden-Bestätigungen. Den Dokumenten zufolge sollen auf Treuhandkonten bei einer Bank in Singapur 84 bzw. 86 Millionen Euro liegen. Die angeblich vom Wirecard-Treuhänder "Citadelle Corporate Services" unterzeichneten Bestätigungen sind mit einer Unterschrift und einem Stempel versehen.

Ein einfacher Klick in die Dokumenten-Eigenschaften offenbart: Im Februar 2017 hat ein "Oliver" Unterschrift und Stempel als Grafiken in die PDF-Dateien eingefügt. Bei "Oliver" dürfte es sich um den früheren Wirecard-Manager Oliver B. handeln, der von Dubai aus für eine Wirecard-Tochterfirma als Geschäftsführer gearbeitet hatte. Er sitzt seit einem Jahr in Deutschland in Untersuchungshaft und gilt als Kronzeuge der im Fall Wirecard ermittelnden Staatsanwaltschaft München. Erstellt hat die PDF-Dateien ein Mitarbeiter von Oliver B. mit dem Spezialgebiet Webdesign. Der Anwalt von Oliver B. teilt schriftlich mit, wegen der laufenden Ermittlungen könne er sich nicht äußern.

EY schlug wegen der offensichtlichen Fälschungen nicht Alarm. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, ihm hätten Bestätigungen in Papierform vorgelegen, und aus diesen "maßgeblicheren physischen Saldenbestätigungen war eine Manipulation für die Prüfer nicht ersichtlich". Nach Informationen von BR Recherche lagen EY die manipulierten Dokumente allerdings auch in digitaler Form vor.

Auch andere Auffälligkeiten haben die Wirtschaftsprüfer offenbar nicht stutzig gemacht: Auf einigen aus Singapur stammenden Dokumenten steht das jeweilige Datum in deutscher Schreibweise. Auf einer Saldenbestätigung des Treuhänders mit Datum "12.4.2019" fehlen Kontonummern und Angaben zur Bank - dabei es geht hier um rund 1,1 Milliarden Euro.  

Wirecard liefert EY für Online-Testkäufe Links zu Webseiten

Die "Financial Times" enthüllt ab dem Frühjahr 2019, dass die Geschäfte der Drittpartner von Wirecard vor allem in Asien zweifelhaft sind. Doch auch hier schaut EY nicht genauer hin: Im März 2019 will ein Prüfer mit Hilfe von Testkäufen bei Online-Shops, die über Drittpartner von Wirecard Zahlungen abwickeln, technische Abläufe und die Existenz dieser Shops überprüfen. Dabei wählt EY diese Shops allerdings nicht selbst aus. Die Links dafür kommen von Wirecard. Im Folgejahr wiederholt sich dieses Vorgehen.

Nach Informationen von BR Recherche hatte sich EY auch schon im Zuge der Prüfung des Geschäftsjahres 2015 auf Wirecard-Vorschläge verlassen. Der E-Mail-Verkehr zwischen dem Wirecard-Manager Oliver B. und einem der Prüfer von Januar 2016 zeigt, dass EY zunächst skeptisch war. Am Ende konnte Wirecard EY aber überzeugen: "Probieren Sie die doch erst mal aus und dann holen wir uns noch ein paar weitere zur Verprobung", schrieb Oliver B.. Von dem EY-Prüfer erhielt er die Antwort: "Ok, so machen wir es."

Auch heute noch ist EY der Überzeugung: Die Abschlussprüfer hätten "zahlreiche, teilweise weit über das übliche Maß hinausgehende Prüfungshandlungen" zum Drittpartner-Geschäft vorgenommen. Daraus sei aus "aus damaliger Sicht auf die gesicherte Existenz" dieses Geschäfts geschlossen worden.

"Mindestens grobe Fahrlässigkeit"

Der vom Wirecard-Untersuchungsausschuss zur Analyse des EY-Vorgehens beauftragte Sonderermittler Martin Wambach dagegen bemängelt das Vorgehen der Prüfer in seinem nach wie vor geheimen Bericht. Die Prüfungsnachweise für die Testkäufe seien "nicht ausreichend und angemessen", schreibt er in dem BR Recherche vorliegenden Papier. Hansrudi Lenz, der an der Uni Würzburg Wirtschaftsprüfungswesen lehrt, sieht darin einen "ganz klaren Verstoß gegen Prüfungsstandards, die bei jeder Abschlussprüfung zu beachten sind".

Für das ARD-Magazin Plusminus hat er den Bericht des Sonderermittlers bewertet. Sein Fazit: "Wenn man die Fülle der Hinweise, die man insgesamt hat, zusammen nimmt über die vielen Jahre, dann wäre meine Einschätzung schon, dass wir hier mindestens über grobe Fahrlässigkeit reden. Möglicherweise befindet man sich auch schon im Bereich des bedingten Vorsatzes oder des leichtfertigen und gewissenlosen Handelns."

Auch Untersuchungsausschuss-Mitglied Florian Toncar bezeichnet den gesamten Bericht des Sonderermittlers als für EY "vernichtend". Bisher konnte EY die Veröffentlichung des Berichts verhindern. Der Wirecard-Untersuchungsausschuss versucht nun über den Bundesgerichtshof eine uneingeschränkte Veröffentlichung zu erreichen.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 30. Juni 2021 ab 21:45 Uhr im Ersten.