Die Corona-Warn-App wird auf einem Smartphone angezeigt. | Dominik Lauck
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Corona-Warn-App Probleme beim digitalen Check-in

Stand: 30.04.2021 05:15 Uhr

Ein QR-Code für alle Apps - so lautete das Versprechen der Bundesregierung bei der Vorstellung der neuen Check-in-Funktion der Corona-Warn-App. Doch die Codes der Luca-App funktionieren nicht. Das ergaben Recherchen von tagesschau.de.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Den Nutzerinnen und Nutzern von Luca- und Corona-Warn-App (CWA) droht ein wochenlanges Chaos beim digitalen Einchecken beispielsweise in der Gastronomie. Denn die neue Check-in-Funktion der CWA kann die QR-Codes der Luca-App nicht lesen. Eine Fehlerbehebung ist "erst in zwei bis drei Wochen" möglich, wie Luca-Chef Patrick Hennig gegenüber tagesschau.de erklärte.

Dominik Lauck

Dabei hatte die Bundesregierung bei der Vorstellung der Funktion, die vergangene Woche mit dem neuesten Update in die CWA integriert wurde, noch versprochen, dass der QR-Code von Luca für beide Apps genutzt werden könne. Mit der Check-in-Funktion sollen etwa alle Gäste eines Restaurants oder Besucher von Veranstaltungen gewarnt werden, falls ein anderer Gast des Events wenig später positiv auf Covid-19 getestet wird.

Die Apps privater Anbieter zur Kontaktnachverfolgung, wie etwa Luca, funktionieren ähnlich, haben jedoch einen anderen Zweck. Sie leiten die persönlichen Kontaktdaten der Gäste digital an die Gesundheitsämter weiter, um so deren Arbeit zu erleichtern. Bei der Corona-Warn-App werden hingegen keine persönlichen Daten wie Name oder Telefonnummer angegeben. Nur der Ort der Veranstaltung, die Dauer des Aufenthalts und die Art der Veranstaltung werden gespeichert.

Keiner will die Verantwortung übernehmen

Wer für die Probleme verantwortlich ist, darüber hüllen sich die Verantwortlichen in Schweigen. Das Robert Koch-Institut (RKI) als Herausgeber der CWA verweist auf das Bundesgesundheitsministerium (BMG). Das BMG antwortete auf Anfrage von tagesschau.de lediglich: "Wie angekündigt ist es mit dem aktuellen Update der CWA möglich, auch QR-Codes von Apps zur digitalen Nachverfolgung von Kontaktpersonen zu verwenden. Darauf können sich die Anbieter solcher Apps einstellen." Fragen, seit wann die Probleme bekannt seien, wer dafür verantwortlich sei und wann sie behoben werden, wurden nicht beantwortet.

Luca weist die Schuld von sich. "Die CWA hat eine eigene Struktur vorgegeben und sich dagegen entschieden, selbst kompatibel mit den Inhalten der Luca-Codes zu sein", erklärte Hennig, Geschäftsführer von Nexenio, dem Unternehmen hinter dem Luca-System. Allen Luca-Codes müsse ein neues Datenpaket für die CWA hinzugefügt werden. "Hierzu laufen gerade die Abstimmungen mit BMG und SAP." Ein Treffen am vergangenen Dienstag ist dem Vernehmen nach ergebnislos zu Ende gegangen.

Dem BMG sei seit Wochen bekannt, dass die Luca-Codes nicht gescannt werden können, so die Luca-Macher. Dennoch wurde auf Presseterminen Mitte April unter anderem von Vertretern des BMG sowie SAP und Deutscher Telekom, die die CWA im Auftrag der Bundesregierung entwickelt haben, zugesichert, dass auch die Luca-QR-Codes für die Corona-Warn-App verwendet werden können. Ein Check-in beider Anwendungen mit einem QR-Code sei möglich, hieß es.

Anke Domscheit-Berg | picture alliance/dpa

Anke Domscheit-Berg hält viel von der Corona-Warn-App, kritisiert aber die Kommunikationspolitik des Bundesgesundheitsministeriums. Bild: picture alliance/dpa

Opposition kritisiert das Gesundheitsministerium

Die netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Anke Domscheit-Berg, kritisiert das Vorgehen des Gesundheitsministeriums. "Das BMG mauert und behindert aktiv die Corona-Warn-App. Warum eigentlich? Die machen Anti-Marketing für ihre eigene App." Dadurch seien am Ende die Nutzerinnen und Nutzer der App die Verlierer. Außerdem sinke die Akzeptanz für das Gesamtsystem, und die Pandemiebekämpfung leide darunter, so Domscheit-Berg gegenüber tagesschau.de.

An der Problembehebung werde mit "höchster Priorität" gearbeitet, heißt es aus dem Kreis der CWA-Entwickler. Doch eine schnelle Lösung ist noch nicht in Sicht. Es werde "noch zirka zwei bis drei Wochen dauern, bis neu ausgedruckte Luca-Codes auch mit der CWA gescannt werden können", so Nexenio-Chef Hennig. Dann beginnt das nächste Problem: In mehr als 114.000 Restaurants, Friseusalons oder Geschäften müssten danach neue QR-Codes auf Speisekarten, Plakate und Aufkleber gedruckt werden.

Community sorgt für QR-Generator

Während die App-Programmierer noch um eine Lösung ringen, hat die Community der CWA in Eigeninitiative einen QR-Generator entwickelt und den auf der Entwickler-Plattform GitHub für alle frei zugänglich zur Verfügung gestellt. "Dieses Beispiel zeigt erneut sehr gut, wie nützlich der Open-Source-Ansatz und die Veröffentlichung des Quellcodes der Corona-Warn-App ist", erklärten die CWA-Entwickler, die das Tool geprüft und angepasst veröffentlicht haben. Die so erstellten QR-Codes lassen sich jedoch nur für die Warn-App, nicht jedoch für Luca nutzen.

Neue Kritik an Luca-App

Die Macher der Luca-App sehen sich weiteren Vorwürfen ausgesetzt. Nun kritisieren auch mehr als 70 führende deutsche IT-Sicherheitsexperten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Anwendung. Diese erfasse "in großem Umfang" Bewegungs- und Kontaktdaten. Die Datensammlung an zentraler Stelle berge ein massives Missbrauchspotenzial und das Risiko von gravierenden Datenleaks, erklärten sie.

Vor zwei Wochen hatte der Chaos Computer Club gefordert, keine Steuermittel mehr für die App auszugeben. Auslöser waren Warnungen von Datenschutz-Aktivisten vor Schwachstellen bei den Luca-Schlüsselanhängern, die für Menschen ohne Smartphone gedacht sind.

Die App, für die unter anderem Hip-Hop-Sänger Smudo von den "Fantastischen Vier" wirbt, wird in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Bayern, Sachsen-Anhalt, Hamburg und im Saarland aus Steuermitteln finanziert. Diese summieren sich nach Recherchen des Portals Netzpolitik.org auf insgesamt 20 Millionen Euro.

Warn-App erhält weitere Funktionen

Die Corona-Warn-App, die anders als Luca auf Warnung vor einer Ansteckung statt Nachverfolgung der Kontakte setzt, ist in den vergangenen Monaten kontinuierlich erweitert worden. Mittlerweile werden auch aktuelle Zahlen zum Infektionsgeschehen in Deutschland und zur Nutzung der App angezeigt. Zuvor war ein Kontakt-Tagebuch integriert und die Risiko-Berechnung angepasst worden. Die App kann jetzt auch auf älteren iPhones installiert werden.

Bislang wurde die Anwendung mehr als 27 Millionen Mal heruntergeladen. Insgesamt wurden mehr als 400.000 positive Testergebnisse per App geteilt. Dadurch seien mehr als 2,5 Millionen Mal "rote Warnmeldungen" verschickt worden, so das BMG. Die Anwendung funktioniert jetzt auch in der Schweiz und in 16 EU-Mitgliedsstaaten, darunter Österreich, Italien und Spanien.

Zwei weitere neue Funktionen sind geplant. Mit dem nächsten Update sollen nicht nur PCR-Tests, sondern auch die Ergebnisse von Schnelltests in der App angezeigt werden. Vor Beginn der Sommerferien soll auch ein digitaler Impfpass in die App integriert werden.