Ein Lieferando Essenslieferdienst Fahrer ist mit seinem Rucksack auf einem Fahrrad am Kurfürstendamm unterwegs.  | dpa
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Lieferando Neue Belege für Fahrerüberwachung

Stand: 21.05.2021 05:00 Uhr

Lieferando, Marktführer bei Essenslieferungen, speichert laut BR-Recherchen detaillierte Tracking-Daten seiner Fahrer - teils jahrelang. Laut Rechtsexperten könnte dem Konzern eine Millionenstrafe drohen.

Von Rebecca Ciesielski und Sammy Khamis, BR

Jede Fahrt der vergangenen Jahre ist festgehalten. Sekundengenau: Wann wurde eine Bestellung aufgegeben, abgeholt, abgeliefert? Erreichen die Fahrer ein von Lieferando vorgegebenes Zeitziel oder nicht?

Für die Abwicklung von Aufträgen nutzen Lieferando-Fahrer eine App namens "Scoober". Welche Daten die App über Rider sammelt und speichert, zeigen mehrere Datenauskünfte, die Lieferando-Fahrer vom Konzern angefordert haben und die Reporterinnen und Reportern des BR exklusiv vorliegen. Seit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) haben Personen das Recht, von Unternehmen Auskunft zu verlangen, welche personenbezogenen Daten über sie gespeichert sind.

Aus den Unterlagen geht hervor, dass die App pro Lieferung 39 Datenpunkte erhebt: Sekundengenau ist nachvollziehbar, wann ein Fahrer eine Bestellung zugeteilt bekommt, diese abholt und ausliefert. Zusätzlich wird hinterlegt, ob der Rider einzelne Zeitvorgaben einhält oder nicht. Kommt ein Fahrer zu spät bei einem Restaurant oder Kunden an, wird das vermerkt. Die Daten sind personalisiert, können also einzelnen Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmern zugeordnet werden.

Betriebsrat: Überwachung "völlig unverhältnismäßig"

In einigen dem BR vorliegenden Fällen wurden so für vollbeschäftigte Rider in einem Jahr mehr als 100.000 Datenpunkte erfasst. Teils reichen sie bis ins Jahr 2018 zurück. Eine so umfassende und dauerhafte Speicherung von Daten halten Experten für unzulässig. Peter Wedde, Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences und Experte für Beschäftigtendatenschutz, sieht in dieser Praxis gravierende Verstöße gegen den Datenschutz: "Die Datenschutzgrundverordnung wurde geschaffen, um genau dieses Vorgehen zu verhindern."

Kritisch äußert sich auch Semih Yalcin, Vorsitzender des Lieferando-Gesamtbetriebsrates für Deutschland. "Aus unserer Sicht liegt hier totale Überwachung vor. Wir halten es für völlig unverhältnismäßig", so Yalcin im Interview mit dem BR. Nach Angaben des Betriebsrates würden die angestellten Rider nur unzureichend über die Funktionsweisen der App aufgeklärt. Der Betriebsrat erarbeite aktuell Verbesserungsvorschläge für die App.

Datenschutzbeauftragter: App "klar rechtswidrig"

Die Funktionsweise der "Scoober"-App hat der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Stefan Brink, untersucht. Seine Behörde wurde nach der Beschwerde eines Riders tätig und analysierte, welche Daten die App während einer Arbeitsschicht erhebt. Er kommt zu dem Schluss: "Es handelt sich um eine sehr engmaschige Überwachung im Beschäftigungsverhältnis, die dort stattfindet."

In Abständen von 15 bis 20 Sekunden werde der genaue Standort der Rider weitergegeben. Das führe, so der Datenschutzbeauftragte, zu sogenanntem Tracking, also einer "dauerhaften Überwachung der Arbeitsleistung", die aus seiner Sicht "klar rechtswidrig" sei.  Außerdem sende die App personenbezogene Daten an Drittanbieter, beispielsweise an Google. Auch dafür könne seine Behörde "keine Rechtsgrundlage erkennen".

Lieferando: App erforderlich für Betriebsablauf

Lieferando teilt auf BR-Anfrage mit: "Die Fahrer-App entspricht den geltenden Datenschutzbestimmungen und die ermittelten Daten (wie Zeiten und Orte) sind unerlässlich, damit der Lieferservice ordnungsgemäß funktioniert."

Das Unternehmen schreibt außerdem, dass erhobene Daten "nicht für unerlaubte Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt" würden und man die Fahrer darüber informiere, "wie und zu welchem Zweck wir die Daten nutzen".

Niederländische Behörde müsste ermitteln

Welche Daten Lieferando tatsächlich benötigt, um Lieferungen reibungslos abzuwickeln, könnte in einem nächsten Schritt in den Niederlanden entschieden werden. Lieferando ist eine Tochter des Konzerns "Just Eat Takeaway" mit Firmensitz in Amsterdam. Für eine Ahndung etwaiger Verstöße ist deshalb die niederländische Datenschutzbehörde zuständig. An sie leitete der Datenschutzbeauftragte Stefan Brink Mitte Mai seine Untersuchungen weiter.

Sollten die Niederländer zu einer ähnlichen Einschätzung kommen wie Brink, droht Lieferando eine signifikante Strafzahlung: "Es handelt sich in diesem Fall um einen Maximalverstoß. Ich rechne mit einer möglichen Strafe für Lieferando beziehungsweise 'Just Eat Take Away' in einer zweistelligen Millionenhöhe", sagt Brink dem BR.

Die europäische Datenschutzgrundverordnung sieht bei Verstößen Bußgelder in Höhe von bis zu vier Prozent des "gesamten weltweit erzielten Jahresumsatzes des vorangegangenen Geschäftsjahrs" vor. 2020 wuchs der weltweite Umsatz des Konzerns "Just Eat Takeaway" um 54 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Eine mögliche Strafzahlungen könnte deshalb bis zu 96 Millionen Euro umfassen. Der Konzern wollte sich hierzu nicht äußern. Die niederländische Datenschutzbehörde teilt auf Anfrage mit, grundsätzlich keine Auskünfte über vorgeschlagene oder laufende Verfahren zu geben.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 21. Mai 2021 um 07:09 Uhr.