Ein Landwirt fährt mit einer Pestizid- und Düngerspritze über ein Feld | Bildquelle: picture alliance / ZB

Illegale Pestizide Hoher Profit, wenig Risiko

Stand: 03.06.2020 06:02 Uhr

Der Handel mit illegalen Pestiziden in der EU nimmt drastisch zu. Die Mittel können für Mensch und Umwelt gefährlich sein. Das Risiko, erwischt zu werden, ist gering - die Strafen sind sehr mild.

Von Eva Achinger, BR 

In diesem Jahr erzielen die Ermittler einen neuen Rekord, wie Europol mitteilt. Insgesamt 1346 Tonnen illegaler Pestizide - doppelt so viel wie im Vorjahr - haben Polizisten europaweit sichergestellt. Über Monate hatten Beamte aus mehr als 30 Ländern im Rahmen der Operation "Silver Axe" Grenzübergänge, Seehäfen, Container und Frachtsendungen kontrolliert. Die beschlagnahmte Menge an illegalen Pestiziden reicht laut Europol aus, um mehr als Deutschlands gesamte Ackerfläche zu spritzen.

Hohe Profite

Seit 2015 führt die Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union regelmäßig die Operation "Silver Axe" durch und sucht nach gefälschten oder nicht zugelassenen Pestiziden. In diesem Jahr, so Europol, wurde beispielsweise gezielt nach dem hochumstrittenen Mittel Chlorpyrifos gefahndet, das seit Anfang des Jahres in der EU verboten ist.

Was Beamte bei "Silver Axe" sicherstellen, ist nur ein Bruchteil des tatsächlichen Handelsvolumens. Studien zufolge machen illegale Produkte zwischen zehn und 14 Prozent des gesamten europäischen Pflanzenschutzmittel-Marktes aus.

"Illegale Pestizide werden nicht getestet"

Während sich die wirtschaftlichen Schäden beziffern lassen, sind mögliche Gefahren für Mensch und Natur unberechenbar. Legale Pestizide durchlaufen jahrelange Zulassungsprozesse, um die Verträglichkeit in Studien zu testen, die gefälschten Mittel nicht. "Illegale Pestizide werden nicht getestet, es gibt schlichtweg keine Daten dazu", sagt Rien van Diesen von Europol. "Die Mittel können giftig sein - vielleicht nicht unbedingt für den Menschen, aber vielleicht für Bienen - wir wissen es schlichtweg nicht."

Geringes Entdeckungsrisiko

Der Behörde zufolge hätten die Betrüger mit den Waren, die bei "Silver Axe" 2020 sichergestellt wurden, über 90 Millionen Euro Profit machen können. "Das Risiko, festgenommen und verurteilt zu werden, ist gering, während die Gewinnspanne der Produkte riesig ist", sagt van Diesen.

Man sehe es den illegalen oder gefälschten Pestiziden schlichtweg nicht an, dass etwas nicht stimme, erklärt der Chemiker Nils Kurlemann vom Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Das mache es so schwer, den illegalen Handel zu kontrollieren: "Letztlich kann man die Illegalität nur über Laboranalysen oder Dokumentenprüfungen erkennen."

Kaum Verurteilungen und milde Strafen

Werden kriminelle Händler überführt, müssen sie nach Recherchen des BR keine harten Strafen fürchten. Seit 2011 wurden insgesamt elf Strafanzeigen wegen der Einfuhr illegaler Pestizide gestellt. Und bislang führte laut BVL keine einzige Anzeige zu einer strafrechtlichen Verurteilung. "Es ist ausgesprochen frustrierend für die Überwachungsbehörden, die hier Anzeigen erstatten", räumt Kurlemann ein.

Eine BR-Abfrage bei den zuständigen Staatsanwaltschaften zeigt, dass viele Verfahren eingestellt wurden. Was bleibt, sind oftmals Ordnungswidrigkeiten, die mit verhältnismäßig geringen Geldstrafen belegt sind.

Der Pestizid-Experte Kurlemann vermutet, dass es kaum Verurteilungen gibt, weil das Thema so komplex ist, und die Ermittlungen grenzübergreifend sind. Schwerpunktstaatsanwaltschaften könnten eine Verbesserung bringen, so Kurlemann. In anderen Fachbereichen gibt es das bereits, beim Doping zum Beispiel.

Lächerliche Geldbußen auch im Ausland

Auch im europäischen Ausland fallen die Strafen milde aus. In Polen, einem wichtigen Umschlagplatz für illegale Pestizide, zahlen Händler bei Verstößen weniger als bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung. Nach Angaben der Behörden waren es im Durchschnitt 40 Euro Bußgeld. 

Gift auf bayerischen Äckern?

Weil illegale Mittel von den zugelassenen optisch kaum bis gar nicht unterscheidbar sind, benötigen Überwachungsbehörden konkrete Hinweise, um kriminelle Geschäfte aufzudecken. So wie im Jahr 2018, als Peter Geiger, der den Handel von Pflanzenschutzmitteln in Bayern überwacht, auf ein Produkt aufmerksam gemacht wurde. Es sei als eine Art "Wundermittel" auf den Markt gedrückt worden, so Geiger.

Darin enthalten: Der Wirkstoff "Matrine", der weder in Deutschland noch in Europa zugelassen ist und aus der gleichen Stoffgruppe wie Nikotin stammt. Nikotin ist als Pflanzenschutzmittel in der EU seit Jahren verboten, weil es für den Menschen giftig ist. "Bei Matrine haben wir keine Informationen", räumt Geiger ein, und daher könne man die Risiken noch nicht abschätzen.

"Matrine"-Rückstände in Obst und Gemüse

Das Mittel wurde umgehend vom Markt genommen. Tatsächlich ist der Wirkstoff "Matrine" aber seit 2018 von einigen Laboren als Rückstand in Obst und Gemüse festgestellt worden, das geht aus einem Papier der Deutschen Laborgemeinschaft für Obst und Gemüse hervor.

Das bayerische Landwirtschaftsministerium teilt auf BR-Anfrage mit, dass das Produkt vertrieben wurde - mutmaßlich bis Juli 2018. In welcher Menge "Matrine" ausgebracht wurde, dazu liegen dem Ministerium keine Informationen vor, heißt es weiter.

Hafen Hamburg
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Der Hamburger Hafen ist offenbar einer der Umschlagsplätze für illegale Pestizide.

Waren aus China

Beliebte Einfallstore für illegale Pestizide nach Europa sind nördliche Häfen wie Hamburg, Bremerhaven oder Antwerpen und Rotterdam. Die illegale Ware kommt meistens aus China. Zielländer sind oftmals Polen oder die Ukraine. Um die Herkunft der Mittel zu verschleiern, werden laut Experten unterschiedliche Transportmittel eingesetzt und mehrere Häfen in unterschiedlichen Ländern angesteuert.

Der Hamburger Hafen beispielsweise hat ein EDV-basiertes System eingeführt, das gezielt verdächtige Fracht identifiziert. Seither ist die Anzahl der illegalen Sendungen über den Hamburger Hafen laut Überwachungsbehörde vor Ort rückläufig. Die Händler der illegalen Pestizide aber seien flexibel und passten ihre Transportrouten rasch an.

Internationale Recherche zum illegalen Handel mit Pestiziden

Diese länderübergreifende Recherche wird unter der Leitung von Investigative Reporting Denmark und in Kooperation mit Journalisten vom Bayerischen Rundfunk in Deutschland, von "Knack“ in Belgien, "Newsweek“ in Polen, "Ostro“ in Slowenien durchgeführt. Weitere Partner sind CCRP, IRPI in Italien, "De Groene Amsterdammer" in den Niederlanden und das Midwest Center for Investigative Reporting in den USA. Die Recherche wird vom Journalismfund.eu und Reporters in the field/ Robert Bosch Stiftung unterstützt.

The Cross-border investigation into illegal trade in pesticides is led by Investigative Reporting Denmark and made in collaboration with journalists from Knack in Belgium, Newsweek in Poland, Ostro in Slovenia, OCCRP, IRPI in Italy, De Groene Amsterdammer in The Netherlands, Bayerischer Rundfunk (ARD) in Germany and The Midwest Center for Investigative Reporting in US. The investigation is supported by Journalismfund.eu and Reporters in the field/ Robert Bosch Stiftung.

Illegale Pestizide: Hoher Profit, geringes Risiko
Eva Achinger, BR
03.06.2020 07:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 03. Juni 2020 um 11:08 Uhr.

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