Blick auf drei mit Tüchern zugedeckte Todesopfer des nächtlichen Anschlages auf dem Münchner Oktoberfest am 26.9.1980 | picture-alliance / dpa

Oktoberfest-Anschlag Viele Fragen sind noch immer offen

Stand: 26.09.2020 01:43 Uhr

Beim Oktoberfestattentat 1980 starben 13 Menschen, viele weitere wurden verletzt. Über Jahrzehnte wurde der schwerste rechtsextreme Anschlag der bundesdeutschen Geschichte als unpolitische Tat eines Einzelnen abgetan. Bis heute sind viele Fragen offen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de, und Thies Marsen, BR

Es ist der 26. September 1980: Um 22.19 Uhr explodieren am Haupteingang der Wiesn in München 1,39 Kilogramm Sprengstoff. Durch die Explosion sowie umherfliegende Schrauben und Nägeln aus dem Sprengsatz werden zwölf Menschen ermordet. Mehr als 200 weitere Personen werden teilweise schwer verletzt. Auch der Rechtsextremist Gundolf Köhler starb bei dem Bombenanschlag.

Patrick Gensing tagesschau.de
Thies Marsen

In den vorherigen Jahren hatte es bereits rechtsterroristische Vorfälle gegeben: Prominentes Opfer eines rechten Anschlages war 1968 Rudi Dutschke, Kopf der Studentenbewegung. Er wurde auf offener Straße niedergeschossen. Später fanden die Ermittler bei dem Täter ein Hitler-Portät und eine Ausgabe des Buches "Mein Kampf". Inzwischen ist klar, dass er enge Kontakte zur extrem rechten Szene hatte und bei einem früheren NPD-Mitglied Schießübungen machte sowie Waffen und Munition gekauft hatte.

Terroristisches Netzwerk

Ab den 1970er-Jahren bildeten sich rechtsterroristische Gruppen wie die "Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland" oder die von NPD-Mitgliedern ins Leben gerufene Gruppe "Europäische Befreiungsfront". 1973 gründete Karl-Heinz Hoffmann seine Wehrsportgruppe. Es folgten weitere wie die Wehrsportgruppe Neumann in Hamburg, die Werwolf-Gruppe des Neonazis Michael Kühnen oder die Hepp-Kexel-Gruppe, die mehrere Bombenanschläge verübte.

Ebenfalls 1980 erschoss mutmaßlich ein Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann den Verleger Shlomo Lewin, ehemaliger Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke. Die "Deutschen Aktionsgruppen" verübten Bombenanschläge, unter anderem in Hamburg und Baden-Württemberg. Zwei Menschen wurden getötet, mehrere verletzt. Das Geld für Anschläge beschafften sich die Terrorzellen durch Banküberfälle - ähnlich wie später der NSU.

Angesichts von zahlreichen Anschlägen und Waffenfunden sowie einem Netzwerk von militanten Alt- und Neonazis erscheint die These, der 21-jährige Köhler habe den Anschlag in München komplett alleine geplant und umgesetzt fragwürdig. Auf Basis von neuen Aussagen nahm das BKA die Ermittlungen 2014 wieder auf - stellte sie im Juli aber wieder ein.

Motiv Liebeskummer?

Bereits am 28. September 1980, nur zwei Tage nach dem Anschlag, hatte der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann erklärt, man nehme "nicht an, dass Köhler als Alleintäter gehandelt hat, die Ermittlungen haben ergeben, dass Köhler Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann war". Hoffmann bestreitet allerdings bis heute eine Mitgliedschaft Köhlers. Der Attentäter war aber mindestens aktiver Sympathisant.

Dennoch liefen die Ermittlungen in eine ganz andere Richtung. Bei den bayerischen Ermittlern setzte sich nach und nach die Tendenz durch, Köhler als Einzeltäter darzustellen, der seine Tat aus Liebeskummer und Frustration begangen habe. Der bayerische Verfassungsschutz nahm Einfluss auf die Ermittlungen, Spuren in die Neonaziszene wurden nicht verfolgt, Gutachten und wichtige Beweismittel - darunter eine abgetrennte Hand - verschwanden spurlos.

Bis heute sind zentrale Fragen ungeklärt. "Gerichtsfest kann man gar nichts sagen, da die Ermittlungstätigkeit von den Behörden auf vielfältige Art und Weise blockiert worden ist", sagt der langjährige BR-Journalist Ulrich Chaussy, der seit Jahrzehnten zu dem Attentat recherchiert. Man wisse nicht, ob Köhler wirklich "die Bombe gezündet hat, ob er die Bombe gebaut hat", sagt Chaussy - und "wir wissen nicht, wer bei Köhler am Tatabend dabei gewesen ist".

Regierung räumt Unklarheiten ein

Die Bundesregierung geht hingegen davon aus, dass Köhler die Bombe gezündet habe: "Als Ergebnis der Ermittlungen ist festzuhalten, dass Gundolf Köhler die Bombe am 26. September 1980 gegen 22:20 Uhr im westlichen Bereich des Haupteingangs zum Oktoberfestgelände zur Explosion brachte." So heißt es auf Anfrage der Linksfraktion in einer Antwort der Regierung, die tagesschau.de vorliegt.

Doch auch aus den Ausführungen der Regierung wird deutlich, dass viele Fragen weiterhin nicht zweifelsfrei geklärt wurden. So heißt es in der Antwort, "die Herkunft einzelner Komponenten der Bombe konnte nicht zurückverfolgt werden", der Verbleib "der sichergestellten Hand" habe "nicht mit letzter Gewissheit" geklärt werden können. Es "erscheint" aber "naheliegend", dass sie nach Zuordnung zum Attentäter mit dessen Leichnam im Krematorium verbrannt wurde.

Attentat auf dem Oktoberfest im Jahr 1980

Bei dem Attentat wurden 13 Menschen getötet.

Keine Auskunft zu V-Leuten

Bei Fragen zur Rolle von V-Leuten gibt die Regierung die übliche Auskunft, man könne dazu keine Stellung nehmen, "da es sich hier um Informationen handelt, deren Bekanntwerden das Wohl des Bundes oder eines Landes gefährden kann. Die Führung von Quellen gehört zu den wichtigsten nachrichtendienstlichen Mitteln, die den Nachrichtendiensten bei der Informationsbeschaffung zur Verfügung stehen. Würden Einzelheiten hierzu bekannt, könnten dadurch Rückschlüsse auf den Einsatz von Quellen und die Arbeitsweise der Nachrichtendienste gezogen werden."

Bei den Ermittlungen wurden offenbar keine früheren Geheimdienstspitzel aus der Neonaziszene vernommen - obwohl der Verfassungsschutz erwiesenermaßen über V-Leute im Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann verfügt hatte. Wie die Bundesregierung einräumen musste, erstatteten Quellen aus der Wehrsportgruppe Hoffmann allein dem Bundesverfassungsschutz mehr als 140 Mal Bericht.

Martina Renner von der Linksfraktion kritisierte im Gespräch mit tagesschau.de, der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik verlange "weiterhin Aufklärung, weil die wesentlichen Fragen unbeantwortet sind. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft konnten diese Aufklärung nicht leisten", meint Renner. So sei es unter anderem versäumt worden, "sich die Identitäten von V-Leuten offenlegen zu lassen, Mittäter und Mitwisser des Attentäters zu identifizieren, und die Fehler und möglichen Behinderungen der ursprünglichen Ermittlungen zum eigenständigen Untersuchungsziel zu machen".

Gemeinsamer Opferfonds von Bund, Land und Stadt

Tatsächlich hatte Bayern jahrzehntelang einen politischen Hintergrund des Anschlags bezweifelt - erst am 30. Jahrestag des Anschlags räumte Innenminister Joachim Herrmann eine rechtsextreme Motivation ein. Außerdem weigerte sich die Staatsregierung, die Betroffenen des Attentats umfassend finanziell zu unterstützen. Bayern hatte zwar schon 1980 Hilfsgelder zur Verfügung gestellt, ein Großteil der Opfer ging jedoch leer aus. Nun, kurz vor dem 40. Jahrestag des Anschlags, beschloss der Ministerrat, dass der Freistaat 500.000 Euro zur Verfügung stellt für einen gemeinsamen Opferfonds von Bund, Land und Stadt München.

Die Reaktionen darauf sind verhalten. Es freue ihn, dass nun auch der Freistaat finanziell helfen wolle, sagt Robert Höckmayr, der als 12-Jähriger bei dem Attentat schwer verletzt worden ist. Es sei aber schon erstaunlich, dass es so lange gedauert habe. Opferanwalt Werner Dietrich, der 16 Betroffene des Attentats vertritt, findet die anvisierte Gesamtsumme des Fonds von insgesamt 1,2 Millionen Euro völlig unzureichend. Bei mehr als 200 Verletzten, von denen wohl noch weit mehr als 100 am Leben seien, werde das Geld kaum reichen, um körperliche und psychische Folgen des Attentats auszugleichen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. September 2020 um 09:50 Uhr.