Historisches Luftbild der Rummelberger Diakonie | Rummelberger Diakonie
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Versuche an Heimkindern Mehr Fälle offengelegt

Stand: 20.05.2021 12:27 Uhr

In Bayern wurden nach BR-Recherchen noch in den 1970er-Jahren Arzneimitteltests an Heimkindern durchgeführt - ohne deren Einverständnis. Dabei waren mehr Kinder betroffen als zunächst angenommen.

Von Florian Eckl und Beate Greindl, BR

Es ist der 25. Januar 1975, Hilpoltstein in Mittelfranken. Hier lebt der zehnjährige Matthias (Name geändert) im Auhof, einem Heim für Menschen mit Behinderung. An diesem Tag wirkt Matthias wie verändert, seine Pupillen sind geweitet. Der Heimarzt notiert die Beobachtungen der Betreuer des Jungen: Er lege sich auf den Boden, schreie und zapple herum. Er wirke insgesamt verkrampft und abwehrend. Bisweilen habe er auch ein eigenartiges verkrampftes Lachen.

Was zu dieser Zeit weder Matthias noch seine Eltern wissen: Offenbar ist der Junge Teil einer sogenannten Arzneimittelprüfung - einer Versuchsreihe des neuen Medikaments Nomifensin, das als Antidepressivum auf den Markt kommen soll.

Spätfolgen schwer nachweisbar

Erst Jahre später, 2018, deckte BR Recherche die Medikamententests im Auhof auf. Ein Bewohner hatte beim Auszug seine Heimakte erhalten - und fand darin detaillierte Beschreibungen seiner Reaktionen auf das Präparat: Aggressionen, Stimmungsschwankungen. Zugestimmt hatte auch er den Tests nie. Heute ist Martin Hackl Ende 50, schwer lungenkrank und kann sich kaum bewegen. Inwieweit dies Spätfolgen des Medikaments sind, lässt sich nach über 40 Jahren nicht mehr nachweisen.

Eingangsschild der Rummelberger Diakonie | Florian Eckl

Im Auhof versucht man heute, die Vorkommnisse aufzuarbeiten. Bild: Florian Eckl

Mehr Heimkinder betroffen

An wie vielen Kindern das Mittel getestet wurde, ist da noch unklar. Nach der Berichterstattung beauftragte die Rummelsberger Diakonie als Trägerin der Einrichtung selbst Nachforschungen. Sie ist damit die erste Einrichtung in Bayern, die Medikamententests in ihrer Vergangenheit umfassend aufgearbeitet hat. Beauftragt wurde die Pharmaziehistorikerin Sylvia Wagner. Sie durchsuchte die Archive und Akten der Einrichtung. Nun ist ein Buch über die Geschichte der Behindertenhilfe der Rummelsberger Diakonie erschienen. Darin sind auch Wagners Untersuchungen zu den Medikamententests im Auhof zu finden.

"Die Kinder waren dem schutzlos ausgeliefert", sagt Wagner. "Zu sehen, was da für Nebenwirkungen waren, die der Arzt selbst auch in Zusammenhang mit dem Präparat gesehen hat - das ist schon erschreckend, dass das eben möglich ist."

Bei insgesamt neun Jungen fand Wagner in den Akten Eintragungen, die auf Arzneimittelprüfungen hinweisen. Alle Betroffenen waren damals zwischen neun und vierzehn Jahren alt und alle hatten das damals noch nicht zugelassene Medikament Nomifensin erhalten.

Massive Nebenwirkungen festgestellt

Der zuständige Arzt notierte die Reaktionen der Kinder auf das Präparat - wie bei Michael (Name geändert), der auch das Medikament bekommen hatte und seitdem nichts mehr aß, wie seine Betreuer dem Heimarzt damals berichteten: "01.02.1975: Sein Verhalten sei völlig anders als sonst. […] Jetzt sei er völlig apathisch irgendwo in der Ecke gesessen und habe sich nicht gerührt. Man habe oft gar nicht gemerkt, dass er da sei."

Bei einem anderen Jungen, Florian (Name geändert), wurde nach drei Wochen mit Nomifensin festgestellt: "Bei Florian hatte man den Eindruck, dass er 'nach wie vor unter der Medikation mit Nomifensin keine günstige Entwicklung machte'."

Hauptverantwortlich: Arzt und Pharmaunternehmen

Das Medikament wurde allen neun Kindern über mehrere Wochen verabreicht, so beschreibt es Sylvia Wagner in ihrem Bericht- bei einem der Jungen sogar weit über den Testzeitraum hinaus: mehr als drei Jahre lang. Erst nach dieser Zeit notierte der Arzt, die Verabreichung von Nomifensin sei ein "besonderes Problem". Es solle abgesetzt und eine Leberfunktionsprüfung durchgeführt werden.

Sylvia Wagner kommt zu dem Schluss: Die Verantwortung für diese Medikamententests trägt der mittlerweile verstorbene Heimarzt. Aber auch das Pharmaunternehmen Hoechst, welches Nomifensin damals herstellte, sei in gleicher Weise verantwortlich. Schließlich habe die Firma dem Arzt das Mittel, noch bevor dieses auf dem Markt war, zukommen lassen. Offen bleibt, ob zwischen dem Arzt und dem Hersteller Geld floss. Heute gehört Hoechst zu "Sanofi". Auf Nachfrage des BR heißt es, man habe im Unternehmensarchiv keine Hinweise auf Arzneimittelprüfungen mit dem Mittel finden können.

Entschädigung aus Stiftung?

Ehemalige Heimkinder aus den Jahren 1949 bis 1975, die Unrecht erlebt haben, können sich an die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" wenden. Sie wurde von Bund, Ländern und Kirchen gegründet, um diesen Betroffenen Unterstützung zuzusprechen. Auch die Geschädigten aus dem Auhof können eine solche Entschädigungszahlung beantragen.

Um seine Bewohner dabei zu unterstützen, beauftragte das Heim Mitarbeiter, sich nun mit den Betroffenen um Aufarbeitung zu bemühen. "Wiedergutmachen kann man das sicher nicht", sagt Andreas Ammon, der Leiter des Auhofs. "Die Anerkennung spielt eine wichtige Rolle - und dass wir vermeiden, dass so etwas jemals noch passiert" Das sei das Einzige, was sie heute noch tun könnten.  

Im Auhof ist man sich nun sicher, dass man alle Opfer der Medikamententests gefunden hat. Zwei sind schon verstorben. Das Mittel Nomifensin wurde übrigens nach zehn Jahren, Mitte der 1980er-Jahre, wieder vom Markt genommen - wegen schwerer Nebenwirkungen bis hin zu Todesfällen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. Mai 2021 um 13:20 Uhr.