Ein Aktenordner mit Fahndungsfotos des früheren Wirecard-Finanzvorstands Jan Marsalek. | dpa
Exklusiv

Marsalek-Vertrauter Weiss Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Stand: 28.06.2022 17:00 Uhr

Die Münchener Staatsanwaltschaft hat nach BR-Informationen ihre Ermittlungen gegen den Marsalek-Vertrauten Weiss eingestellt. Die Behörde hatte dem Ex-Geheimdienstler Fluchthilfe vorgeworfen. In Österreich wird hingegen weiter ermittelt.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Seit dem 19. Juni 2020 fehlt von Jan Marsalek jede Spur. Am Abend dieses Tages setzte sich der frühere Wirecard-Vorstand per Flugzeug vom österreichischen Kleinflughafen Bad Vöslau in Richtung der belarusischen Hauptstadt Minsk ab. Bis heute ist unklar, wohin Marsalek von dort aus geflüchtet ist. Am wahrscheinlichsten ist Russland, da dem gebürtigen Wiener beste Kontakte zu den dortigen Geheimdiensten nachgesagt werden.

Dass Marsalek ausreisen konnte, dafür hat auch sein langjähriger Vertrauter Martin Weiss gesorgt. Vor wenigen Wochen erzählte der Ex-Mitarbeiter im Exklusiv-Interview mit dem BR und der "Welt am Sonntag" erstmals, wie genau er Marsalek bei der Organisation des Fluges nach Minsk behilflich gewesen ist. Darum habe ihn Marsalek bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant in München am Tag zuvor gebeten.

Die Münchener Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin gegen Weiss - wegen des Verdachts der Strafvereitelung durch seine Beteiligung an der Flucht Marsaleks. Weiss hatte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe im Interview zurückgewiesen: Er habe keine Kenntnis davon gehabt, dass sich der Ex-Wirecard-Vorstand absetzen wollte. Das hat Weiss nach BR-Informationen zuletzt auch bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Anfang April ausgesagt.

Kein hinreichender Tatverdacht

Die Strafverfolger konnten die Aussagen offenbar nicht widerlegen. Nach Informationen von BR-Recherche haben sie ihre Ermittlungen eingestellt, "da ein Tatnachweis im Sinne eines hinreichenden Tatverdachts nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit zu führen ist". So steht es in einem Schreiben der Behörde an den Anwalt von Weiss, das BR-Recherche einsehen konnte. Die Staatsanwaltschaft München bestätigte den Vorgang auf Anfrage und betonte: "Wegen weiterer Delikte wird gegen Herrn Weiß nicht ermittelt."

Für Weiss spricht ihrer Ansicht nach zudem, dass der Haftbefehl gegen Marsalek erst am 22. Juni 2020 ausgestellt worden sei, also drei Tage nach seinem Abflug nach Belarus. Auch vom Aufenthaltsort Marsaleks habe Weiss keine Kenntnis gehabt. Der ehemalige Mitarbeiter des österreichischen Geheimdienstes BVT hatte dem BR und der "Welt am Sonntag" gesagt, noch bis zum Frühjahr 2021 wiederholt in Kontakt mit Marsalek gestanden zu haben. Wo sich dieser aufgehalten habe, will er ihn dabei nicht gefragt haben.

Abschließend stellt die Münchener Staatsanwaltschaft in dem Schreiben fest, auch "verdeckte Maßnahmen in Form der Observation und Telekommunikationsüberwachung" hätten nicht ergeben, dass der Beschuldigte von mutmaßlichen Straftaten Marsaleks wusste oder in dessen Fluchtpläne eingeweiht war. Insofern bleibe es bei Gerüchten und Mutmaßungen, die sich medial und öffentlich hielten, jedoch im Rahmen der Ermittlungen letztendlich das Stadium des Anfangsverdachts nicht überschritten hätten.

Ermittlungen in Österreich laufen weiter

Die Entscheidung der Münchener Behörde dürfte auch bei der Staatsanwaltschaft Wien auf Interesse stoßen. Dort laufen die Ermittlungen gegen Weiss nach Auskunft einer Behördensprecherin weiter. Die Strafverfolger in Wien werfen dem Ex-Mitarbeiter des ehemaligen österreichischen Verfassungsschutzamtes BVT Bestechlichkeit, Begünstigung und Verdunklungsgefahr vor.

Von Anfang 2018 bis Ende 2020, so räumte es Weiss im vergangenen Jahr im Rahmen einer Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft Wien ein, habe er einen früheren Kollegen der inzwischen aufgelösten Sicherheitsbehörde BVT darum gebeten, Abfragen zu 25 Personen in Polizeidatenbanken vorzunehmen, teilweise auf Bitten von Marsalek. Der Kollege soll dafür Geld von Weiss bekommen haben. Weiss betonte im Interview mit BR und "Welt am Sonntag", einen Zusammenhang zwischen der Zahlung und den Abfragen bestehe nicht. Die Staatsanwaltschaft Wien kommentiert das Verfahren auf Anfrage nicht.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 28. Juni 2022 um 17:39 Uhr.