Menschen stehen in Tübingen in einem Biergarten an der Kasse an, um Essen und Trinken zu bestellen.  | dpa
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Corona-Maßnahmen Inzidenz zu niedrig - Lockerung zu früh?

Stand: 19.05.2021 13:08 Uhr

Corona-Lockerungen könnten vielerorts zu früh eingeleitet werden - das zeigt eine BR-Datenanalyse: Inzidenzen verändern sich durch Nachmeldungen oft deutlich. Einmal veröffentlichte Werte werden jedoch nicht korrigiert.

Von Christian Basl, Claudia Kohler, Oliver Schnuck, Robert Schöffel und Lisa Wreschniok, BR

Am 9. Mai 2021 meldet das Robert Koch-Institut (RKI) für die Stadt München eine Sieben-Tage-Inzidenz von 91,2. Es ist der fünfte Tag in Folge, an dem der offizielle Wert unter 100 liegt. Zwei Tage später kehren Schüler in die Klassenzimmer zurück, auch Kinos, Theater und Biergärten dürfen unter Auflagen wieder öffnen.

Wie eine Datenauswertung des BR zeigt, kommen die Lockerungen allerdings zu früh, denn nach aktuelleren Zahlen lag die bayerische Landeshauptstadt erst drei Tage später als vom RKI gemeldet unter dem Schwellenwert von 100. Durch die verzögerte Übermittlung fehlen in der tagesaktuellen Berechnung Fälle. Sind die Inzidenzwerte aber einmal veröffentlicht, werden sie "eingefroren". Nach diesen Werten richten sich die Maßnahmen der sogenannten Bundes-Notbremse, die zum Beispiel beim Schwellenwert 100 automatisch in Kraft treten oder wieder aufgehoben werden.

Eine Sprecherin des Münchner Gesundheitsreferats teilt mit, dass der Stadt die Abweichungen durch Nachmeldungen bekannt seien, "kleinere Abweichungen" könnten bei der Beurteilung der infektiologischen Situation "toleriert werden".

Große Abweichungen bereits nach einem Tag

Eine BR-Datenauswertung der RKI-Zahlen seit dem 1. März, etwa zu Beginn der dritten Welle, zeigt, dass es in ganz Deutschland zu solchen Abweichungen kommt - und dass diese vielerorts noch deutlich größer ausfallen als in München. Demnach verändern sich die Sieben-Tage-Inzidenzen der Landkreise und Städte bereits einen Tag nach Veröffentlichung durch das RKI im bundesweiten Durchschnitt um fünf Prozent. Das entspricht rund sechs Fällen pro 100.000 Einwohnern. In fast allen Fällen steigt die Inzidenz dadurch nachträglich an. In einigen Landkreisen liegt diese Abweichung sogar bei gut 20 Prozent. Die meisten Nachmeldungen treffen am Folgetag ein, aber auch später werden Fälle nachgemeldet.

"Einfrieren" der Zahlen politische Entscheidung

Auf Anfrage des BR teilt das RKI mit, es sei bekannt, "dass sich die Sieben-Tage-Inzidenzen durch nachübermittelte Fälle regelmäßig erhöhen". Dass die Inzidenz in der "eingefrorenen" Form maßgeblich für die "Bundesnotbremse" ist, sei eine politische Entscheidung. Die Konsequenzen daraus könnten vom RKI nicht abgeschätzt werden. Das Bundesgesundheitsministerium äußert sich auf Nachfrage nicht näher zum Gesetzgebungsverfahren.

Statistik-Professor Helmut Küchenhoff von der LMU München blickt skeptisch auf die "Bundesnotbremse" und die Zuverlässigkeit der Werte: "Das Problem ist: Wenn man statistische Werte als Grundlage von Gesetzen heranzieht, sollte man genau hinschauen, wie reliabel diese Werte sind. Und das ist hier in der Eile anscheinend nicht passiert."

Abweichungen durch Nachmeldungen sehr unterschiedlich

Die Datenanalyse zeigt auch, dass die nachträglichen Korrekturen für die Landkreise und Städte in Deutschland unterschiedlich stark ausfallen. Für die Hälfte der Kreise werden die durch das RKI gemeldeten Inzidenzen nach einem Tag durchschnittlich um maximal vier Prozent korrigiert. So gut wie keine Abweichungen zeigen sich etwa im Odenwaldkreis oder dem Landkreis Kulmbach. Anders hingegen beispielsweise im Landkreis Bautzen (20 Prozent) oder der Stadt Schweinfurt (18 Prozent), wo die Werte nach einem Tag deutlich von der ursprünglich gemeldeten Inzidenz abweichen.                             

Dass Nachmeldungen die Inzidenzwerte des RKI so unterschiedlich stark beeinflussen, sieht der FDP-Bundestagsabgeordneten Andrew Ullmann kritisch: "Ich halte das für sehr schwierig, wie hier mit Zahlen umgegangen wird, denn das spiegelt wirklich nicht die Dynamik der Pandemie wider und erzeugt sehr schnell Ungerechtigkeiten zwischen den Landkreisen und zwischen den Bundesländern." Laut Ullmann habe die Bundesregierung die Abweichungen durch Nachmeldungen offenbar als nicht gravierend und ausschlaggebend eingeschätzt.

Unterschiede auch zwischen Bundesländern

Die Datenauswertung zeigt außerdem, dass manche Bundesländer deutlich größere nachträgliche Abweichungen aufweisen als andere. Zum Beispiel Sachsen. Von dort heißt es, ein Zusammenhang mit allgemein hohen Fallzahlen könnte eine Erklärung sein: "Dadurch, dass sehr viel mehr Fälle bearbeitet werden müssen als andernorts, kommt es auch zu mehr Nachmeldungen und Zeitverzug."

Eine Ministeriums-Sprecherin aus Sachsen-Anhalt macht auf ein weiteres Problem aufmerksam. Die Länder würden Daten vor Tagesabschluss an das RKI übertragen. Dadurch fehlten Daten des siebten Tages bei der Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz: "Das RKI berechnet die Fallzahlen von etwa 6,5 Tagen auf sieben Tage."

Vorschläge für bessere Berechnungsmethode                                   

Laut der Sprecherin aus Sachsen-Anhalt wurde bereits ein möglicher Lösungsansatz identifiziert: "Das RKI wurde auf fachlicher Ebene wiederholt gebeten, in die Berechnung seiner Sieben-Tage-Inzidenz die sieben beendeten Vortage einfließen zu lassen und nicht den jeweils aktuellen Tag. Dadurch wären auch die eingefrorenen RKI-Inzidenzen näher am tatsächlichen Geschehen und aus fachlicher Sicht eine gute Basis für Maßnahmen der bundeseinheitlichen Notbremse."

Auch Helmut Küchenhoff von der LMU München hält dieses Vorgehen für besser. In den täglichen Corona-Berechnungen seines Teams am Institut für Statistik wird die Sieben-Tage-Inzidenz schon seit vergangenem Jahr so berechnet. "Dieses Verfahren ist einfach und transparent. Man könnte natürlich komplizierte Modelle verwenden, aber wir haben uns dafür entschieden, da die Verzerrung so im Wesentlichen beseitigt wird", so Küchenhoff. "Und wir würden das eigentlich auch für eine bessere Methode für das Infektionsschutzgesetz halten als die, die aktuell verwendet wird."

Vom RKI heißt es auf BR-Anfrage, ob es Überlegungen für eine um einen Tag verzögerte Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz gebe: "Konkrete Pläne sind dem RKI nicht bekannt."

Update vom 19.05.2021:

Die Berechnung der tagesaktuellen 7-Tage-Inzidenz durch das RKI hat sich mit Einführung der Bundes-Notbremse nicht geändert. Neu ist hingegen, dass der Wert laut Infektionsschutzgesetz für bundeseinheitliche Schutzmaßnahmen maßgeblich ist.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 12. Mai 2021 um 06:20 Uhr.