Eine Bewertung auf dem Urlaubsportal Holidaycheck  | dpa
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Fünf-Sterne-Fake Auf der Spur gekaufter Bewertungen

Stand: 02.02.2022 05:09 Uhr

Hinter gefälschten Online-Bewertungen von Restaurants oder Ärzten stecken oft professionelle Agenturen. Recherchen von BR und Plusminus zeigen, wie sich die Hintermänner juristischen Konsequenzen entziehen.

Von Marco Lehner, Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule, BR

Sie führen Verbraucher in die Irre, schaden dem Wettbewerb und untergraben das Vertrauen in Onlineshops und Vergleichsportale: gefälschte Bewertungen, abgebeben von angeblichen Kundinnen oder Kunden. Solche Fake-Bewertungen sind weit verbreitet.

Dahinter steckt ein lukratives Geschäft, betrieben von spezialisierten Agenturen. Die Verkäufer von Top-Bewertungen mit fünf Sternen werben ungeniert damit, Käufer von positivem Feedback würden "mehr Umsatz" machen.

Die bestellten Lobeshymnen bei Onlineshops und auf Bewertungsportalen zu platzieren, scheint einfach. In einer Untersuchung stellte die EU-Kommission kürzlich fest: Ein Großteil der Plattformen, die Bewertungen veröffentlichen, ist nicht vertrauenswürdig. Denn rund zwei Drittel der untersuchten Portale kontrollieren nicht ausreichend, ob Bewertungen von angeblichen Kunden einfach nur erfunden wurden.

Portale müssen die Verantwortlichen selbst ermitteln

Doch selbst wenn Bewertungsportale gegen falsche Rezensionen vorgehen, ist spezialisierten Fake-Bewertern nur schwer beizukommen. Das zeigt das Beispiel des Urlaubsportals HolidayCheck. Mitarbeiter des Portals haben Beweise dafür gesammelt, dass eine Agentur mit dem Namen "Fivestar Marketing" hinter gefälschten Bewertungen steckt.

In solchen Fällen greift Wettbewerbs- und damit Zivilrecht. Das heißt, die Beweislast liegt bei den Klägern. Portale wie HolidayCheck müssen Verstöße selbst nachweisen und die Verantwortlichen ermitteln. Im Fall  der Agentur "Fivestar Marketing" ist dies gelungen. HolidayCheck klagte beim Landgericht München und bekam im November 2019 Recht. Das Gericht untersagte den Verantwortlichen von "Fivestar Marketing" unter anderem, weiterhin Fake-Bewertungen für HolidayCheck zu verkaufen. Bei Zuwiderhandlungen drohen bis zu 250.000 Euro Strafe.

Noch am Tag der Urteilsverkündung bot die Agentur einen Preisnachlass von 25 Prozent für HolidayCheck-Bewertungen an. Zudem läuft das Geschäft bis heute weiter, trotz gerichtlichen Verbots.

Möglich ist das laut Georg Ziegler von HolidayCheck mit einem einfachen Trick: "Schon während des Prozesses hat sich die 'Fivestar Marketing' einfach anders genannt, hat ihr Impressum geändert, ihren Geschäftssitz geändert, einen anderen Geschäftsführer eingesetzt und ist plötzlich eine neue rechtliche Person." Das erstrittene Urteil läuft daher ins Leere.

Ärzte und Anwälte als Kunden

BR-Reportern ist es gelungen, mit einem Insider zu sprechen, der zeitweise den Verkauf von Bewertungen angeboten hat. Seine Agentur ist längst wieder geschlossen - wie oft bei solchen Anbietern. Für ihn habe sich der Bewertungsverkauf gelohnt, sagt der Insider. Pro Tag habe er bis zu 2000 Euro verdient.

Geschrieben habe die Bewertungen ein Pool von bezahlten Rezensenten. Die Auftraggeber seien aus unterschiedlichsten Bereichen gekommen, erklärt der Mann. Darunter seien auffallend viele Ärzte gewesen: "Die haben bezahlt, die kriegen ihre Leistung, ob die jetzt gute Arbeit, schlechte Arbeit abliefern, das ist mir eigentlich egal gewesen."

Urteile laufen ins Leere

Auch dem Ärzteportal Jameda bereiten Fake-Bewertungen Probleme. Die Mitarbeiter sammelten daher ebenfalls Beweise und erwirkten im Februar 2021 beim Landgericht München ein Versäumnisurteil; diesmal nicht gegen eine Firma, sondern gegen einen Betreiber persönlich. Sein Name: Norbert Weber. Doch auch Jameda kann das Urteil derzeit nicht vollstrecken. In diesem Fall scheiterte es daran, dass der Gerichtsvollzieher Schreiben nicht zustellen konnte.

Weber ist mit verschiedenen Portalen seit Jahren auf dem Feld des Bewertungsverkaufs aktiv, etwa mit einer Firma namens "Goldstar Marketing". Dahinter stand noch 2019 eine Firma aus Malta, vertreten durch Weber. Mittlerweile ist dem Impressum zufolge ein Unternehmen mit Sitz auf Zypern verantwortlich. Der Name Weber taucht nicht mehr auf. Wem die Firma gehört, ist im Unternehmensregister der Mittelmeerinsel nicht abrufbar.

Urteil sei "nicht relevant"

Nach BR-Informationen hält sich Weber derzeit in Dubai auf. Überraschend stimmte er einem Skype-Interview mit dem ARD-Magazin Plusminus zu. Dabei räumt Weber ein, dass ihm die Firma auf Zypern gehört. Somit ist er für mehrere Angebote zum Verkauf von Bewertungen verantwortlich, auch für "Goldstar Marketing". Das von Jameda erwirkte Urteil sei für ihn aber "nicht relevant", sagt Weber. Bewertungen für dieses Portal verkaufe seine Firma nicht mehr.

Dass es Jameda nicht gelungen ist, das Münchner Urteil zu vollstrecken, kommentiert er so: Jameda müsse sich "dann auch schon mal ein bisschen Mühe geben", seine Wohnadresse herauszufinden.

Sein Geschäftsmodell verteidigt Weber. Es gehe darum, das "wahre Leistungsvermögen" eines Auftraggebers, etwa eines Arztes, darzustellen: "Für den Verbraucher da draußen kann es völlig egal sein, ob das Feedback von Hans Müller kommt, der nicht in der Praxis war, oder von Lieschen Müller, die zwar in der Praxis war, aber das Feedback nicht auf Google veröffentlicht hat. Das Feedback ist trotzdem richtig, der Tenor ist richtig. Das Einzige, was nicht stimmt, ist derjenige, der es veröffentlicht hat", so Weber.

Gesetzesänderung gefordert

Juristen halten dieses Vorgehen für eindeutig rechtswidrig. Warum ist es trotzdem so schwierig, den Fake-Agenturen das Handwerk zu legen? Nach Ansicht von Bewertungsportalen wie Jameda und Holidaycheck liegt es daran, dass das Fälschen von Bewertungen unter das Wettbewerbsrecht fällt: Die Portale müssen nicht nur Verstöße selbst ermitteln und belegen, sondern Urteile auch selbst durchsetzen.

Betreiber von solchen Portalen fordern daher eine Gesetzesänderung, damit die Fälschung von Bewertungen strafrechtlich verfolgt werden kann. Norbert Weber von "Goldstar Marketing" macht keinen Hehl daraus, dass schärfere Gesetze ihre Wirkung nicht verfehlen würden: "Wenn es so sein sollte, dass es unter Strafrecht fällt, dann werden wir einfach schließen. Dann wird das Geschäftsmodell eingestellt."

Das Bundesjustizministerium teilt auf BR-Anfrage mit, eine Ausweitung der Strafbarkeit auf solche Fälle sei "nicht angemessen".

Über dieses Thema berichtete BR24 am 02. Februar 2022 um 10:07 Uhr.