Ein Glas mit Orangensaft und Orangen | Bildquelle: picture alliance / Arno Burgi/dp

Chlorpyrifos Endgültiges Aus für umstrittenes Pestizid?

Stand: 02.12.2019 06:48 Uhr

Ende der Woche werden die EU-Mitgliedsstaaten über das Verbot des umstrittenen Pestizids Chlorpyrifos abstimmen. Recherchen von BR und anderen Medien zeigen, wie Hersteller bis zuletzt Druck auf die Politik ausüben.

Von Eva Achinger, BR

Vor allem in importierten Mandarinen, Orangen oder Grapefruits werden immer wieder Rückstände von Chlorpyrifos gefunden - auch in Deutschland, obwohl das Pestizid in Deutschland nicht zugelassen ist.

Chlorpyrifos ist hochumstritten, weil es die Entwicklung des kindlichen Gehirns bereits im Mutterleib schädigen soll. Das legen zahlreiche Untersuchungen nahe, unter anderem eine Langzeit-Studie der US-amerikanischen Columbia University. Sie belegt, dass Babys, die im Mutterleib Chlorpyrifos ausgesetzt waren, einen geringen Intelligenzquotienten aufweisen oder an Aufmerksamkeitsstörungen leiden.

Aus für Chlorpyrifos?

Die oberste europäische Lebensmittelbehörde EFSA hatte wegen Gesundheitsgefahren im Sommer eine vorläufige Empfehlung zum Verbot der Substanz ausgesprochen. Die Behörde ist für die Risikobewertung von Pestiziden in der EU zuständig.

Chlorpyrifos wurde erstmals 2006 in Europa zugelassen. Seitdem wurde die Erlaubnis mehrmals verlängert. Doch nach einer Neubewertung erfülle es nun nicht mehr die Kriterien für eine Zulassung, heißt es in dem EFSA-Statement vom Sommer.

Kommt das Verbot?

Auf dieser Grundlage fordert die Europäische Kommission nun alle Mitgliedstaaten auf, über das mögliche Verbot von Chlorpyrifos abzustimmen. Insidern zufolge wollen sich die meisten Länder für ein Verbot aussprechen.

Zu den Abweichlern könnten nach Informationen eines internationalen Recherchenetzwerks, zu dem auch der BR, die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) und die französische Tageszeitung "Le Monde" gehören, die sogenannten "Zitrus-Staaten" zählen - sprich Spanien, Griechenland, Italien und Portugal. Hier werden besonders viele Zitrusfrüchte angebaut. Für ein Verbot ist eine sogenannte qualifizierte Mehrheit nötig. Das heißt, 15 von 28 EU-Mitgliedsstaaten müssen dafür stimmen. Diese wiederum müssen 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten.

Stunde der Lobbyisten

Angesichts des drohenden Verbots von Chlorpyrifos machen Hersteller und ihre Anwälte Druck auf die Europäischen Behörden. Das geht aus Dokumenten hervor, die BR, SZ und "Le Monde" vorliegen.

So hat sich das amerikanische Unternehmen Corteva, das im Juni aus der Fusion von Dow - dem Erfinder des Produkts - und Dupont entstand, in einem Brief an alle europäischen Zulassungsbehörden gewandt. Darin bestreitet Corteva die neurotoxische Wirkung von Chlorpyrifos und den negativen Einfluss auf das Gehirn von Mensch und Tier. Auf Anfrage des BR teilt der Hersteller mit, man sei "grundsätzlich nicht" mit den Schlussfolgerungen der EFSA und den Vorschlägen der Europäischen Kommission für ein Verbot einverstanden. Weiter sei Chlorpyrifos in rund 80 Ländern zugelassen und gründlich untersucht.

Ein anderer Chlorpyrifos-Hersteller ließ der EFSA und der Kommission über eine internationale Anwaltskanzlei mitteilen, dass die EFSA-Empfehlung den Ruf des Wirkstoffs beschädige und die wirtschaftlichen Interessen des Herstellers unterlaufe. Man solle die Information unverzüglich von der Webseite der EFSA entfernen.

Schon in der Vergangenheit: Unstimmigkeiten bei der Zulassung

Dass die EFSA ein Verbot vorschlägt, hat eine Vorgeschichte: Wissenschaftler aus Dänemark und Schweden hatten im Herbst 2018 auf gravierende Unstimmigkeiten im Zulassungsprozess hingewiesen. Sie hatten die Rohdaten einer bisher unveröffentlichten Studie des Herstellers von Chlorpyrifos einsehen können, die Teil des Zulassungsantrags war.

Den Wissenschaftlern zufolge geht aus den Daten hervor, dass Chlorpyrifos in Tierversuchen den Aufbau des Gehirns schon bei geringer Dosierung schädigt. Dieser gefährliche Effekt aber taucht im Fazit der Herstellerstudie von 1998 nicht auf. BR Recherche machte das öffentlich. Zuvor waren diese gravierenden Gesundheitsrisiken über zwei Jahrzehnte bei sämtlichen Zulassungen unbemerkt geblieben.

Späte Einsicht der EFSA

Die EFSA schreibt auf Anfrage des BR, dass im Fall Chlorpyrifos eine "bessere Analyse (...) der Rohdaten hätte stattfinden müssen." Gleichzeitig schiebt sie die Verantwortung von sich und weist darauf hin, dass die erste Risikobewertung nicht unter ihrer Ägide stattgefunden habe - die EFSA wurde erst 2002 gegründet. Weiter heißt es, dass in der aktuellen Neubewertung die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler sorgfältig berücksichtigt worden seien.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilt auf Anfrage des BR mit, dass Deutschland sich für das Verbot von Chlorpyrifos aussprechen werde.

Internationale Recherche zu Chlorpyrifos

Diese grenzüberschreitende Recherche zu Chlorpyrifos wird unter der Leitung von Investigative Reporting Denmark mit Journalisten von "Knack" in Belgien, "Le Monde" in Frankreich, "VG" in Norwegen, "Newsweek" in Polen und "Ostro" in Slowenien durchgeführt. Weitere Partner sind "El Confidential" in Spanien, die "Süddeutsche Zeitung" und der Bayerische Rundfunk in Deutschland sowie das Midwest Center for Investigative Reporting in den USA. Die Recherche wird von Journalismfund.eu und n-ost unterstützt.

This cross-border investigation on chlorpyrifos is led by Investigative Reporting Denmark, and made in collaboration with journalists from "Knack" in Belgium, "Le Monde" in France, "VG" in Norway, Newsweek in Poland, "Ostro" in Slovenia, "El Confidential" in Spain, Süddeutsche Zeitung and Bayerischer Rundfunk (ARD) in Germany and The Midwest Center for Investigative Reporting in US. The investigation is supported by Journalismfund.eu and n-ost.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. Dezember 2019 um 06:35 Uhr und 06:51 Uhr.

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