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Gutachten zu Daimler Acht unzulässige Abschalteinrichtungen?

Stand: 04.11.2021 16:00 Uhr

Laut Daimler gibt es in Diesel-Modellen des Konzerns keine unzulässigen Abschalteinrichtungen. Ein neues Gutachten könnte den Konzern nun aber in Bedrängnis bringen.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

25.000 Halterinnen und Halter von Diesel-Fahrzeugen haben Daimler mittlerweile auf Schadenersatz verklagt: In den Dieselautos ist nach ihrer Auffassung eine unzulässige Abschalteinrichtung verbaut. In 95 Prozent der bereits entschiedenen Fälle haben Gerichte die Klagen abgewiesen - häufig mit der Begründung, die Behauptung sei "ins Blaue hinein" aufgestellt worden. Bei solchen Verfahren liegt die Beweislast bei den Klägern.

Arne Meyer-Fünffinger ARD-Hauptstadtstudio

Gutachter: Acht Abschalteinrichtungen in Software

Ein neues Gutachten kommt nun zu dem Ergebnis, dass Daimler in der Motorsteuerungssoftware einer Diesel-Variante insgesamt acht mutmaßlich unzulässige Abschalteinrichtungen verbaut hat. BR Recherche und "Spiegel" liegen das 30-seitige Papier vor. Dafür hat der Software-Entwickler Felix Domke die Steuerungssoftware einer E-Klasse ausgelesen, die von einem Diesel-Motor Typ OM642 angetrieben wird. Beauftragt wurde Domke von der Anwaltsfirma Milberg aus den USA, die in mehreren europäischen Ländern zahlreiche Klagen gegen Daimler eingereicht hat.

Domke ist in der Autobranche kein Unbekannter: Als im Herbst 2015 der VW-Diesel-Skandal aufflog, hatte der IT-Experte nachgewiesen, wie der Wolfsburger Konzern bei der Manipulation der Motoren vorgegangen war.

In einer aufwendigen Untersuchung analysierte Domke dieses Mal die Motorsteuerungssoftware eines E350-Diesels von Daimler in verschiedenen Fahrsituationen. Dafür legte er nach eigenen Angaben rund 10.000 Kilometer zurück. Zudem verglich er die ursprüngliche Software mit einem Update, das Daimler inzwischen für diesen Motor entwickeln musste.

Das Kraftfahrt-Bundesamt hat seit 2019 mehrere Daimler-Diesel-Modelle wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen zurückgerufen, darunter auch solche mit dem analysierten Motor. Gegen die Bescheide hat der Konzern beim zuständigen Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgericht in Schleswig Klage eingereicht. Nach Angaben des Gerichts gibt es noch keine Entscheidung.

Analyse: AdBlue-Verbrauch systematisch gedrosselt

Die neue Software-Analyse des IT-Experten Domke zeigt, dass sich sechs der acht gefundenen Abschalteinrichtungen auf die Reinigung der Abgase durch den SCR-Katalysator auswirken. Die Eindüsung des Harnstoffs AdBlue wird dadurch drastisch reduziert, was dem Gutachten zufolge "einen wesentlich höheren NOx-Ausstoß nach sich zieht".

Besonders auffällig sei, dass die Software in den deutlich schmutzigeren Modus wechselt, sobald der durchschnittliche Verbrauch des Harnstoffs AdBlue eine bestimmte Menge überschreitet: "Diese Verbrauchslimitierung erscheint mir als die bisher dreisteste Abschalteinrichtung, die ich kenne", sagt der Abgasexperte Prof. Kai Borgeest von der Technischen Hochschule Aschaffenburg im Gespräch mit BR und "Spiegel". Er kenne keine Rechtfertigung, die AdBlue-Dosierung von einem Durchschnittsverbrauch abhängig zu machen, ergänzt er, dieses Vorgehen sei "besonders arglistig".

EU verlangte Millionen-Bußgeld von Auto-Konzernen

Wie VW und Audi versuchte auch Daimler, den AdBlue-Verbrauch im normalen Fahrbetrieb zu drosseln. Dahinter stand das Ziel, lästiges Nachfüllen von AdBlue zu verhindern. Zugleich sparte der Konzern Platz, weil er kleinere Tanks für den Harnstoff einbauen konnte. Die EU-Kommission hatte im Juli dieses Jahres gegen den Volkswagen-Konzern, BMW und Daimler wegen Kartell-Absprachen zu Größen der AdBlue-Tanks ein Bußgeld in Höhe von rund 875 Millionen Euro verhängt. Da Daimler die Kommission im Nachhinein über diese Absprache informierte, erließ sie den Stuttgartern dieses Bußgeld.

Daimler: Keine unzulässigen Einrichtungen

Gutachter Domke hat noch eine weitere Abschalteinrichtung gefunden. Sie bewirkt, dass das Abgasreinigungssystem beim Motor-Start nur in einem Temperaturbereich zwischen 19 und 35 Grad Celsius richtig läuft. Und: Es funktioniert nur, solange die Motortemperatur den Wert von 86 Grad Celsius nicht übersteigt. Vor allem diese Funktion scheint auf den Testbetrieb zugeschnitten zu sein, stellt Domke in seiner Analyse fest. "Es fällt auf, dass die Bedingungen im NEFC-Testzyklus jederzeit zuzutreffen scheinen, im Regelbetrieb sind sie dagegen nicht erfüllt".

Daimler teilte BR und "Spiegel" auf Anfrage mit, die in dem Gutachten beschriebenen "Parametrierungen" seien "bekannt", aus Sicht des Konzerns seien diese "im Zusammenspiel und Gesamtkontext des hochkomplexen Emissionskontrollsystems nicht als unzulässige Abschalteinrichtungen zu bewerten".

Nach Update deutlich sauberer

Mit dem Software-Update hat Daimler die Abschalteinrichtungen offenbar herausgenommen. IT-Experte Domke schreibt im Fazit seines Gutachtens: "Sämtliche identifizierten illegalen Abschalteinrichtungen wurden in der aktualisierten Software entfernt, was die Systemgesamtleistung erheblich steigert." So hätten Abgasmessungen gezeigt, dass der E350 nach dem Update bis zu zehn Mal weniger Stickoxid ausstößt und den Grenzwert von 80mg/km NOx-Ausstoß einhält. "Dies belegt, dass diese Strategien zum Betrieb des Motors nicht erforderlich sind", sagt der Abgasexperte Borgeest.

Dass das Fahrzeug aufgrund des Updates deutlich sauberer unterwegs ist, bewertet Daimler auf Nachfrage als "positiv": "In diesem Sinne wurden viele Bereiche der Motorsteuerungssoftware überarbeitet, die nicht mehr dem aktuellen Kenntnis- und Wissensstand entsprachen".

Nach Ansicht von Experte Borgeest könnte das Gutachten in laufenden Gerichtsverfahren eine große Rolle spielen: "Bisher wurde Daimler beim OM642 kaum zu Schadenersatz verurteilt. Dies könnte sich nun ändern."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2021 um 23:33 Uhr.