Atemschutzmaske FFP2  | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Schadhafte Masken, wenige Warnungen

Stand: 02.07.2020 05:07 Uhr

Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie kauften europäische Behörden Millionen minderwertige Schutzmasken. Auch in Deutschland wurden nach BR-Informationen Mediziner mit solchen Modellen versorgt.

Von Ann-Kathrin Wetter und Maximilian Zierer, BR

Der Hausarzt Hannes Blankenfeld aus München ist verunsichert. In den vergangenen Monaten wurde er von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns mit Schutzmasken beliefert, die ihn vor einer Corona-Ansteckung schützen sollen. Zertifikate, die die Sicherheit belegen würden, habe er nicht bekommen, sagt er.

Von BR-Reportern bekommt er den Hinweis: Eine Maske taucht im EU-Schnellwarnsystem RAPEX auf, es wird vor "erhöhtem Infektionsrisiko" gewarnt. Die Chargennummer in der Warnung unterscheidet sich zwar, doch Blankenfeld hat die Maske vorsichtshalber aussortiert.

Falsche Masken vom Ministerium

Viele Masken, die die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) im Frühjahr an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verteilten, hat das Bundesgesundheitsministerium geliefert. Mindestens 800.000 dieser Masken wiesen Mängel auf oder entsprachen nicht den Anforderungen, wie eine BR-Anfrage an alle Kassenärztlichen Vereinigungen ergibt.

Wie viele der unsicheren Masken eingesetzt wurden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Doch alleine in Niedersachsen waren rund 400 Arztpraxen betroffen. Gemeinsame Recherchen des BR mit der Rechercheplattform OCCRP und internationalen Partnermedien zeigen außerdem: Europaweit kauften Behörden Millionen von unsicheren Masken. In vielen Fällen steckt offenbar Betrug mit Zertifikaten dahinter.

Irreführende Zertifikate im Umlauf

Die Reporter haben mehr als 100 Zertifikate ausgewertet. Neben Fälschungen finden sich vor allem irreführende Dokumente, die auch von europäischen Zertifizierungsstellen ausgegeben wurden. Dabei handelt es sich nicht um EU-Behörden, sondern um ausgesuchte Firmen, die bestätigen können, ob importierte Produkte den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen.

Doch immer wieder stellten Firmen, die gar keine Schutzausrüstung zertifizieren dürften, Zertifikate aus, die keine sind. Dem Reporterteam liegt ein Vertragsentwurf vor, in dem eine italienische Zertifizierungsfirma einem potenziellen Kunden anbot, ein sogenanntes "Sekundärzertifikat" für Schutzmasken anzufertigen. Der Preis: 20.000 Euro - für ein Zertifikat, das es offiziell nicht gibt.

Wer sich nicht auskennt, könne nur schwer erkennen, dass diese Art von Dokument keine Aussage über die Qualität oder Sicherheit der Masken treffen könne, sagt die Dänin Dorte Kardel. Sie berät europäische Firmen dabei, Produkte auf den Markt zu bringen, die den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen. Kardel geht davon aus, dass die Hersteller der Masken in einigen Fällen selbst nicht wissen, dass ihre Produkte nicht ordnungsgemäß zertifiziert sind.

Betrugsermittlungen laufen

Vor einigen der mit irreführenden Zertifikaten verkauften Schutzmasken wird inzwischen offiziell gewarnt, auch in Deutschland. Insgesamt listet die Rückruf-Datenbank der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mehr als 50 gefährliche Schutzmaskenmodelle auf, die auf dem deutschen Markt gefunden wurden. Das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) hat Ermittlungen eingeleitet.

Die potenziell riesigen Gewinnspannen bei Schutzmaterial zögen Betrüger an, so OLAF-Generaldirektor Ville Itälä. In mehreren EU-Staaten seien bereits Millionen von Masken beschlagnahmt worden. Das Amt geht davon aus, dass alle Mitgliedsstaaten von dem Betrug betroffen sein könnten.

Ministerium lieferte Masken trotz TÜV-Beanstandung

In Deutschland war dem Bundesgesundheitsministerium schon im April bekannt, dass Zertifikate mit "nur geringer Aussagekraft" im Umlauf sind, wie es in einem Dokument heißt, das das Ministerium an Händler verschickt hat und das dem BR vorliegt.

Das Ministerium lässt beschaffte Masken vom TÜV Nord stichprobenartig testen. In mehreren Fällen lieferte das Ministerium allerdings Masken aus, die vorher vom TÜV Nord beanstandet worden waren. Das Ministerium begründet diese Fehlzustellungen mit dem Zeitdruck der Pandemiesituation. Die fehlerhafte Ware sei zurückgerufen worden.

Warnungen nur unzureichend

Mehrere Kassenärztliche Vereinigungen geben auf BR-Anfrage an, vom Bundesgesundheitsministerium nicht ausreichend über die verteilten unsicheren Masken informiert worden zu sein. Die KV Rheinland-Pfalz etwa schreibt, teils aus Presseberichten davon erfahren zu haben. In Bayern war es ein Arzt, der die Kassenärztliche Vereinigung aufmerksam machte. Er hatte selbst im EU-Schnellwarnsystem nachgesehen.

Die KV Bayern teilt auf Anfrage mit, nicht vom Ministerium gewarnt worden zu sein. Und auch die KV Baden-Württemberg schreibt: "Seitens der zuständigen Behörde wurden wir nicht gewarnt." Das Gesundheitsministerium weist die Vorwürfe zurück und gibt an, man werte das EU-Schnellwarnsystem regelmäßig aus. In den Fällen, bei denen ausgelieferte Masken identifiziert werden konnten, seien Warnmeldungen erfolgt.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer fordert im Interview Konsequenzen. Das Thema Schutzmasken müsse politisch aufgearbeitet werden: "Denn Deutschland ist in eine sehr prekäre Lage dadurch geraten, dass wir nicht ausreichend auf die Pandemie vorbereitet waren."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. Juli 2020 um 06:01 Uhr und 06:30 Uhr.

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