Audi in Ingolstadt | Bildquelle: picture alliance / dpa

Manipulationssoftware Audi-Dieselskandal umfassender als bekannt

Stand: 30.06.2019 18:00 Uhr

Audi hat nach Informationen von BR Recherche und "Handelsblatt" noch bis Anfang 2018 Fahrzeuge verkauft, die mehrere unterschiedliche Manipulationseinrichtungen nutzen. Betroffen sind auch Fahrzeuge von VW und Porsche.

Von Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule und Lisa Wreschniok, BR

Der Ingolstädter Autobauer Audi hat in der Abgasaffäre offenbar umfassender manipuliert als bislang bekannt. Dabei geht es um Diesel-Autos mit größeren Motoren von Audi der Abgasnorm Euro 6. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat die Modelle zurückgerufen. Die entsprechenden Bescheide verschickte die Flensburger Behörde bis Januar 2018. Damals erklärte das zuständige Bundesverkehrsministerium, in den Fahrzeugen sei eine Abschalteinrichtung verbaut, nämlich die "Motoraufwärmfunktion".

Abgasmanipulationen bei Audi waren offenbar umfassender als bislang bekannt
tagesschau 20:00 Uhr, 30.06.2019, A. Meyer-Fünffinger/J. Streule/L. Wreschniok, BR

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Vier Abgasstrategien

Tatsächlich zeigen die nicht öffentlichen KBA-Bescheide, die BR Recherche und dem "Handelsblatt" vorliegen: Audi setzte nicht nur eine, sondern meist vier unterschiedliche Abgasstrategien ein. Dadurch sind die Fahrzeuge auf dem Prüfstand sauberer als im Straßenverkehr. Die Behörde schlüsselt die Strategien in den jeweiligen Bescheiden alphabetisch auf - von A bis D.

Betroffen sind auch Modelle von Porsche und VW, denn die größeren Diesel-Motoren von Audi kamen samt Abgastechnik auch bei den Schwesterfirmen zum Einsatz. Insgesamt geht es um mehr als 200.000 Fahrzeuge in Deutschland.

Fertigung im Audi-Werk Ingolstadt | Bildquelle: picture alliance / Stephan Goerl
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Das Audi-Werk in Ingolstadt: Das Unternehmen hat offenbar noch bis Anfang 2018 Autos mit Abschalteinrichtungen verkauft.

Problematisches Vorgehen des KBA

Das Kraftfahrt-Bundesamt stuft allerdings bei mehreren Diesel-Modellen jeweils nur die Strategie A - die "Aufwärmfunktion" - als unzulässige Abschalteinrichtung ein. Die anderen drei "Strategien" kann Audi "freiwillig" aus der Software entfernen. Dabei geht aus den Bescheiden hervor, dass die Behörde die meisten Modelle nicht selbst geprüft hat, sondern sich auf Angaben des Unternehmens stützte. In einem Bescheid heißt es: "Eigene technische Prüfungen wurden durch das KBA nicht durchgeführt. Es wird nach Aktenlage beschieden."

Vorteil für Audi?

Der Jurist Martin Führ von der Hochschule Darmstadt, der auch Gutachter im Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags war, kommt nach Durchsicht mehrerer Bescheide zu einer eindeutigen Bewertung: "Ich lese die Dokumente so, dass die Behörde bei allen vier Strategien davon ausgeht, dass es sich um eine Abschalteinrichtung handelt, daran besteht kein Zweifel. Und es bestehen auch keine Zweifel daran, dass sie nicht nötig waren für den Motorschutz, denn dann hätte man sie nicht herausnehmen können."

Audi könnte seiner Einschätzung nach davon profitieren, dass das KBA bisher lediglich eine Abschalteinrichtung als unzulässig eingestuft hat. "Das Unternehmen ist deswegen günstiger gestellt, weil eben nicht klar ausgesprochen ist, dass in vier Fällen ein rechtswidriges Verhalten vorlag, sondern nur in einem. Damit steht man zunächst mal vor den Zivilgerichten günstiger da", so Führ.

Deutliche Kritik am KBA

Der Verkehrsexperte Oliver Krischer von den Grünen kritisiert das Vorgehen der Bundesbehörde scharf: "Eigentlich würde man erwarten, dass eine Behörde selber aktiv wird, sich selber ein Bild verschafft, wenn sie einen Verdacht eines Betruges hat, wir reden ja hier über Straftaten. Dazu ist das KBA aber nicht willens und in der Lage."

Staatsanwalt ist empört

Auch die Staatsanwaltschaft München II, die gegen 27 Beschuldigte im Zusammenhang mit dem Diesel-Komplex bei Audi ermittelt, sieht die Arbeit des KBA kritisch. Das geht aus vertraulichen Unterlagen zu Audi hervor, die BR Recherche und das "Handelsblatt" ausgewertet haben. Danach fordert ein Staatsanwalt das KBA im Januar 2016 auf, bei Erkenntnissen über illegale Abschalteinrichtungen nicht zuerst Audi, sondern vorher die Staatsanwaltschaft zu kontaktieren.

Als die Staatsanwaltschaft im Juni 2017 aus den Medien vom ersten Rückruf erfahren musste, schrieb der Staatsanwalt einen wütenden Brief an den Präsidenten des KBA, Ekhard Zinke. Er sehe sich zum wiederholten Male veranlasst, darauf hinzuweisen, "dass eine nur eingeschränkte Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden - erst recht, wenn von deren Seite eine klare Aufforderung erfolgte - den Straftatbestand der (mindestens versuchten) Strafvereitelung erfüllen kann". Vorstellbar sei deswegen auch eine Durchsuchung der Behörde, so der Staatsanwalt weiter.

Offene Fragen

Audi äußert sich auf Anfrage nur allgemein zu dem gesamten Sachverhalt: Im Rahmen der technischen Aufklärung der Dieselkrise habe die Audi AG die relevanten Dieselaggregate analysiert und sich mit dem KBA laufend über die Analyseergebnisse ausgetauscht. Das Kraftfahrt-Bundesamt reagiert auf eine detaillierte Anfrage nicht. Und das Bundesverkehrsministerium, das die Öffentlichkeit bis heute nicht umfassend über Abschalteinrichtungen in Audi-Dieselfahrzeugen informiert hat, teilt nur allgemein mit, die Dieselthematik sei seit Herbst 2015 intensiv untersucht und aufgearbeitet worden.

Zu diesem Thema sendet das Erste am Montag um 22.45 in der Reihe Story im Ersten die Folge "Der Fall Audi".

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Reihe Story im Ersten am 01. Juli 2019 um 22:45 Uhr.

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