Krankenhauszimmer mit Beatmungsgerät. | Bildquelle: dpa

Beatmungsgeräte Kliniken kämpfen mit Lieferproblemen

Stand: 18.03.2020 18:00 Uhr

Die Regierung kauft 10.000 Beatmungsgeräte, die Zahl der Intensivbetten soll deutlich erhöht werden. Eine Umfrage von NDR, WDR und SZ zeigt aber: Sorgen bereiten Kliniken Beatmungsschläuche und Kanülen sowie der Mangel an Pflegepersonal. 

Von Christian Baars (NDR) und Markus Grill (NDR/WDR)

Eine Umfrage von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" unter den großen Kliniken in Deutschland zeigt, dass es derzeit Lieferschwierigkeiten bei Verbrauchsmaterial gibt. Vor allem Beatmungsschläuche und Kanülen für Geräte, die das Blut mit Sauerstoff anreichern, so genannte ECMOs, sind schwerer zu bekommen als früher. 

Für alle Patienten, die derzeit in den "Kliniken Köln" behandelt werden, reichen die Beatmungsschläuche noch, sagt Christian Karagiannidis, Oberarzt in der Lungenklinik in Köln-Mehrheim. "Die Frage ist eher, wie lange der Vorrat reicht". Derzeit noch etwa zwei bis vier Wochen, schätzt der Intensivmediziner, aber hier sei "der Nachschub essentiell". Wegen der Lieferschwierigkeiten sei seine Klinik sowohl mit der Stadt Köln als auch mit der Landesregierung bereits in Kontakt.

Auch Ingolf Eichler, Oberarzt und Intensivmediziner am Klinikum Dortmund räumt ein: "Lieferschwierigkeiten bei der Beschaffung von Beatmungsschläuchen bestehen in der Tat." Bei ihm reiche der Vorrat noch für 60 Patienten. Aus der Uniklinik-Klinik der Nachbarstadt Essen heißt es ebenfalls, es gebe Lieferschwierigkeiten und Preiserhöhungen.

Labore haben ebenfalls Nachschubprobleme

Zudem seien bundesweit die Labore bereits "am Anschlag", sagt Andreas Botzlar von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Die Labormitarbeiter kämen "mit der Arbeit nicht hinterher".  "Wir arbeiten hier im Schichtsystem", bestätigt Jens Heidrich. Er leitet ein privates Hamburger Analyse-Labor. Etwa 500 Proben pro Tag würden sie hier derzeit auf das Coronavirus untersuchen. Sie könnten dies aber wohl noch erhöhen, sagt Heidrich, "wenn wir besser von der Industrie versorgt würden." Aktuell würden zum Beispiel Pipettenspitzen für den Verteiler-Automaten fehlen und auch sogenannte Extraktions-Kits, mit denen die Virus-DNA aus der Probe gezogen wird. "Die Konsequenz ist, dass wir eigentlich zu langsam sind."

In den Kliniken kommt es nicht nur bei Beatmungsschläuchen zu Lieferschwierigkeiten, sagt Dietrich Henzler, der die Intensivmedizin am Klinikum Herfort leitet. Probleme gibt es auch bei Kanülen für die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), eine letzte Therapieoption, bei der das Blut von schwerst Lungenkranken aus dem Körper geleitet und mit Sauerstoff angereichert wird, seien schwer zu beschaffen. 

Das Uniklinikum Leipzig zum Beispiel bezieht diese Kanülen von einem US-Medizinproduktehersteller und teilt mit: Ja, man habe Schwierigkeiten mit der Beschaffung, "da es sich um Zulieferware mit Exportstopp handelt". Noch reiche in Leipzig das Material für rund zehn ECMO-Patienten. An der Uniklinik Mainz reichen die ECMO-Kanülen derzeit noch für sieben Patienten, wie Kliniksprecher Tasso Enzweiler schreibt. Die Uniklinik Tübingen setzt bei den Beatmungsschläuchen auf "die Nutzung von Mehrwegmaterial mit eigener Aufbereitung". 

Nur wenige große Hersteller weltweit

Das Problem: Weltweit gibt es nur wenige Hersteller, die ECMO-Geräte und das nötige Zubehör liefern. Einer von ihnen ist der schwedische Konzern Getinge. Die Nachfrage nach den Kanülen etwa sei schon seit einiger "sehr hoch", sagt Markus Stirner-Schilling, Direktor bei Getinge. "Es ist sehr, sehr schwer, entsprechend dem weltweit gestiegenen Bedarf mitzuhalten."

Ähnliches gilt für die Beatmungsgeräte. Hier gibt es zwar mehr Hersteller, aber ebenfalls nur etwa eine Handvoll großer Unternehmen weltweit. Und die Nachfrage sei in diesem Bereich seit dem vergangenen Wochenende ebenfalls "massiv angestiegen", vor allem aus Europa und den USA, sagt Stirner-Schilling. In den vergangenen Tagen hätten sich Regierungen verschiedener Länder und die EU an das Unternehmen gewandt. Sie versuchen händeringend, neue Beatmungsgeräte aufzutreiben. Getinge hat im vergangenen Jahr 10.000 Beatmungsgeräte hergestellt. Nun soll die Produktion deutlich erhöht werden: auf 16.000 Geräte in diesem Jahr.

Doch der Bedarf geht wohl weit darüber hinaus. Allein Deutschland hat vor einigen Tagen 10.000 Beatmungsgeräte beim Getinge-Konkurrenten Dräger in Lübeck bestellt. Italien gab bekannt, 5.000 neue Geräte kaufen zu wollen. Auch von der EU sowie aus Frankreich, Spanien, Israel und weiteren Ländern kämen jetzt Anfragen, sagt Markus-Stirner-Schilling.

Einige Krankenhäuser sehen sich aber zumindest vorerst ausreichend gerüstet. Sie hätten die Bestände im Vorfeld erhöht, teilte etwa die Uniklinik Düsseldorf mit. Der privatisierte Helios-Krankenhauskonzern schreibt, bei einigen Produkten sei "die Versorgungslage aktuell stark angespannt", aber für seine insgesamt 86 Kliniken sieht Helios "zur Zeit keine gravierenden Engpässe". Die Versorgung sei gesichert.

Und das Klinikum der LMU München teilt mit: "Bei allen Materialien gibt es deutlich längere Lieferfristen". "Noch" sei der Bestand aber "ausreichend", schreibt LMU-Sprecher Philipp Kreßirer. "Kritischer könnte es bei den Personalressourcen werden, falls sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter infizieren sollten."

Reicht das Personal?

Das ist der gängige Tenor in vielen Kliniken: Bevor die Materialien ausgehen, könnte es zu Engpässen in der Versorgung der schwerkranken Corona-Patienten kommen, weil es zu wenig geeignete Pflegekräfte, die in der Intensivpflege geschult sind.

Die große Frage ist, wie schnell sich die Pandemie weiter ausbreitet. Denn auch ein noch so gutes Gesundheitssystem könne nicht alles bewältigen, wenn die Fallzahlen stark ansteigen, sagt Susanne Johna vom Marbuger Bund. "Wir haben eine sehr hohe Dichte an Intensivbetten und auch Beatmungsbetten in Deutschland", sagt sie. Wenn die alle frei wären, würde sie "gar kein Problem sehen". Aber so sei es ja nicht. "Der Herzinfarkt kommt ja trotzdem."

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