Lieferpartner von Amazon Logistics bei der Zustellung von Bestellungen in Düsseldorf. | picture alliance / Daniel Kalker
Exklusiv

Paketzusteller von Amazon Miese Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen

Stand: 21.06.2022 18:00 Uhr

Die Gewerkschaft ver.di kritisiert die Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen, die für Amazon Pakete ausliefern. Der Konzern weist den Vorwurf der Mitverantwortung von sich. Das Bundesarbeitsministerium beobachtet die Entwicklung.

Von Sebastian Friedrich und Philipp Hennig, NDR

Unbezahlte Überstunden, Anstellung ohne Arbeitsvertrag, schreiende Vorgesetzte: Die Liste der Vorwürfe von Fahrern, die täglich Amazon-Pakete zustellen, ist lang. All das habe Martin erlebt, während der Monate, in denen er in Niedersachsen im Raum Hannover Pakete ausgeliefert hat. Der Job sei am Anfang in Ordnung gewesen, sagt Martin, der eigentlich einen anderen Namen hat. Doch dann sei es irgendwann einfach zu viel geworden: "Ich war in einem Gebiet, in dem es viele Hochhäuser gab. Du musst rennen, um alles wirklich gut zu schaffen."

Hunderte Subunternehmer liefern für Amazon

Paketzusteller wie Martin sind in der Regel nicht bei Amazon selbst angestellt, sondern bei einem Subunternehmen. Amazon erklärt gegenüber dem NDR, bundesweit mit Hunderten kleinen und mittelständischen Partnern zusammenzuarbeiten, die im Auftrag des Konzerns Bestellungen an Kundinnen und Kunden zustellen.

Martin war bei KPS Kleinpaketservice GmbH beschäftigt, die nach Angaben auf ihrer Homepage derzeit mehr als 500 Mitarbeiter beschäftige und täglich mehr als 100.000 Pakete bundesweit ausliefere. Die Standorte befinden sich alle in der Nähe von Verteilzentren von Amazon, von denen es allein in Niedersachsen sieben gibt.

Arbeitsdruck und unbezahlte Überstunden

Besonders der Arbeitsdruck sei drastisch gewesen, sagt Martin. Das lässt auch eine Sprachnachricht aus einem internen Chat des Subunternehmers erahnen, die dem NDR zugespielt wurde. Darin ist ein Mann zu hören, der offenbar an die Fahrer gerichtet rumschreit, weil jemand einen Tag frei haben wollte: "Wer ohne meine Erlaubnis morgen frei macht und nicht morgen zur Arbeit kommt, der ist gekündigt. Ihr müsst euch nach der Arbeit richten, nicht die Arbeit nach euch."

Der Mann fährt fort und schreit noch lauter: "Ich habe die Schnauze voll von euch. Morgen ist Arbeit und da habt ihr alle zu kommen." Dem NDR liegen weitere Sprachnachrichten vor, in denen der Mann, der nach den Aussagen mehrerer Fahrer Leiter eines Standorts der KPS Kleinpaketservice GmbH sein soll, die Beschäftigten anschreit und sie teilweise beleidigt.

Doch nicht nur der Druck sei ein Problem gewesen, auch die Bezahlung habe nicht gestimmt, sagt Martin. 80 Euro für acht Stunden Arbeit seien abgemacht gewesen. Er habe aber deutlich mehr arbeiten müssen. Einem Arbeitsvertrag habe er nicht bekommen, sagt er. Die Überstunden, etwa 200 sollen es gewesen sein, seien unbezahlt gewesen. Mehrere Tausend Euro müsse ihm die Firma noch zahlen.

Ermittlungen gegen Subunternehmen

Auch dem Staat könnte das Unternehmen noch Geld schulden. Denn Abrechnungen, die der NDR einsehen konnte, zeigen, dass auffällig wenig und teilweise gar keine Steuern gezahlt wurden. Nach NDR-Information wird gegen das Unternehmen wegen des Verdachts, dass Sozialversicherungen und Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt worden seien, ermittelt. Vergangene Woche beschlagnahmte der Zoll bundesweit Dokumente der Firma. Der Subunternehmer äußert sich zu den Vorwürfen gegenüber Panorama 3 nicht.

Auch ein weiterer Fahrer, der für KPS Kleinpaketservice GmbH gearbeitet hat, wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber vor, zu wenig Lohn bekommen zu haben. Zwar habe er einen Arbeitsvertrag erhalten, wonach er 12,60 Euro Stundenlohn verdienen sollte. Doch statt des versprochenen Lohns bekam er pro Stunde nur 9,82 Euro, wie seine Lohnabrechnungen zeigen. Der Fahrer habe vorher in der Fleischindustrie gearbeitet.

Das sei kein Einzelfall, sagt Raluca Gheorghe vom Deutschen Gewerkschaftsbund. In der Paketbranche arbeiteten überwiegend Arbeitsmigranten. Gheorghe berät im Projekt "Faire Mobilität" im Raum Oldenburg Menschen vor allem aus Osteuropa über ihre Arbeits- und Sozialrechte. "Viele Beschäftigte, die in der Fleischindustrie tätig waren, haben die Branche gewechselt, weil sie sich bessere Arbeitsbedingungen erhofft haben", sagt Gheorghe. Doch schnell würden die Beschäftigten erkennen, dass die Arbeit bei Subunternehmern in der Paketbranche auch eher prekär ist.

Amazon weist Mitverantwortung von sich

Nonni Morisse von der Gewerkschaft ver.di ist mit mehreren ehemaligen und aktuellen Fahrern des Subunternehmers KPS Kleinpaketservice GmbH im Austausch. Nach allem, was ihm Beschäftigte berichtet hätten, agiere das Unternehmen im kriminellen Bereich, sagt er. Doch Morisse macht auch Amazon für die Arbeitsbedingungen mitverantwortlich.

Amazon weist jede Mitverantwortung von sich. Schriftlich teilt der Konzern mit, die Sicherheit und das Wohlbefinden der Fahrer hätten oberste Priorität. Die Subunternehmen verpflichteten sich vertraglich, die geltenden Gesetze einzuhalten. Mit der KPS Kleinpaketservice GmbH werde seit 2020 zusammengearbeitet. Man wolle nun nach einer internen Prüfung aber die Zusammenarbeit mit diesem Subunternehmer beenden.

ver.di sieht Bundesarbeitsministerium in der Pflicht

Morisse reicht das allerdings nicht, denn es handele sich nicht um einen Einzelfall. "Solche Geschichten haben wir leider auch bundesweit von anderen Unternehmen gehört, die für Amazon fahren." Damit sich die Lage für die Paketzusteller grundsätzlich verbessere, sei die Politik gefragt. Morisse fordert vom Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, das Subunternehmerwesen in der Paketbranche massiv einzuschränken oder gleich komplett zu verbieten.

Das Bundesarbeitsministerium teilt schriftlich mit, die Arbeitsbedingungen im Bereich der Paketzustellung seit Längerem kritisch zu beobachten. In den vergangenen Jahren seien schon einige Maßnahmen getroffen worden, um die Lage zu verbessern, dennoch sei weiterhin zu überlegen, "wie in diesem und anderen Bereichen etwaige Verstöße gegen das geltende Arbeitsrecht noch stärker unterbunden werden können". Ein Verbot von Subunternehmen und Werkverträgen, wie es in der Fleischindustrie eingeführt wurde, sei nur unter sehr engen Voraussetzungen zu rechtfertigen, so das Bundesarbeitsministerium.

Über dieses Thema berichtete Panoram3 im NDR am 21. Juni 2022 um 21:45 Uhr.