Außenminister Muttaqi mit weiteren Vertretern der Taliban-Führung bei Gesprächen in Moskau | via REUTERS
Exklusiv

Afghanistan Deutsche Diplomaten sprechen mit Taliban

Stand: 18.11.2021 14:02 Uhr

Erstmals seit Machtübernahme der Taliban sind hochrangige deutsche Diplomaten nach Kabul gereist. Bei Gesprächen mit den Islamisten ging es auch um die Finanzierung der Schulen in Afghanistan.

Von Volkmar Kabisch, NDR, und Martin Kaul, WDR

Es war eine heikle diplomatische Reise, doch sie könnte die Weichen stellen für Deutschlands künftige Beziehungen zur neuen afghanischen Führung - den Taliban. Erstmals seit die Islamisten Mitte August das Land zurückerobert, den Präsidentenpalast gestürmt und nach Jahren des Krieges die Führung über Afghanistan wiedererlangt haben, hat Deutschland nach Informationen von NDR und WDR hochrangige Diplomaten in die afghanische Hauptstadt entsandt, um dort direkt mit der neuen Taliban-Führung zu verhandeln.

Das Dilemma: Wie umgehen mit einer Staatsspitze, die aus ehemaligen teils inhaftierten Terroristen und islamischen Fundamentalisten besteht - und die nur im Amt ist, weil sich das westliche Militärbündnis nach Jahren der militärischen Besatzung Afghanistans Mitte des Jahres unter chaotischen Umständen zurückgezogen hat?

Heikle Mission

Für die Bundesregierung ist die Frage auch deshalb von Bedeutung, weil in Afghanistan derzeit Millionen Menschen von Nahrungsunterstützung abhängig sind. Es droht eine Hungersnot. Schon aus Eigeninteresse will Deutschland helfen, damit sich nicht Tausende auf den Weg machen und nach Europa fliehen. Gleichzeitig ist Deutschland bemüht, weitere ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr und anderer deutscher Behörden und deren Familien nach Deutschland zu bringen. Auch pocht die Bundesregierung auf die Einhaltung von Menschenrechten in Afghanistan, den Schutz von Mädchen und Frauen sowie den Zugang zu freier Bildung.

Deutschland will Schulen finanzieren

Dafür gibt es nach Informationen von NDR und WDR nun auch Zusagen seitens der Bundesregierung an die Taliban-Führung in Kabul: So will Deutschland sich künftig an der Finanzierung von Schulen in Afghanistan beteiligen, vorausgesetzt, dass dort weiterhin Mädchen und Frauen ausgebildet werden und auch Lehrerinnen weiterhin an Schulen unterrichten dürfen. Ebenso sollen nach Vorstellung der Bundesregierung die alten Lehrpläne weiter in Kraft bleiben, die vor der Machtübernahme der Taliban gegolten haben. Das Geld soll allerdings nicht direkt an die Taliban-Führung fließen, sondern über internationale Organisationen ins Land kommen.

Wie sollen die künftigen Beziehungen aussehen?

Um die künftigen deutsch-afghanischen Beziehungen auszuloten, trafen der Top-Diplomat Jasper Wieck, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan, sowie der ehemalige und neue designierte Botschafter Markus Potzel mit Vizepremierminister Mullah Baradar und Außenminister Mawlawi Muttaqi zusammen.

Potzel war bereits in den vergangenen Monaten einer der wichtigsten Verhandlungsführer der deutschen Regierung und unter anderem eng in die Verhandlungen mit den Taliban in Doha eingebunden.

Die islamistischen Taliban drängen auf gute internationale Beziehungen - schon allein, weil sie finanziell davon abhängig sind. Erst am Mittwoch hatte sich Außenminister Muttaqi in einem offenen Brief an den US-Kongress gewandt. In den USA liegen nach Angaben des früheren afghanischen Zentralbankchefs noch Milliardensummen afghanischer Gelder auf gesperrten Konten. Afghanistan ist dringend auf liquide Mittel angewiesen, um Personal bezahlen und eine Hungersnot abwenden zu können.

Auch in Deutschland liegen noch Gelder

Auch in Deutschland sollen nach Informationen von NDR und WDR noch eine dreistellige Millionensumme afghanischer Gelder auf gesperrten Konten liegen. Die Taliban-Regierung drängt die westlichen Staaten dazu, diese Gelder freizugeben. Andernfalls, so schrieb Muttaqi, seien die Afghanen im bevorstehenden Winter mit einer "schlimmen Situation" konfrontiert, die eine "Massenmigration" zur Folge haben könnte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2021 um 00:00 Uhr.