Chatprotokoll

tagesschau-Chat Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden

Stand: 11.02.2009 19:35 Uhr

Transkript: Chat mit Charlotte Knobloch am 11.02.2009

Moderatorin: Herzlich willkommen beim tagesschau-Chat im ARD-Hauptstadtstudio. Aus München ist uns Charlotte Knobloch zugeschaltet, die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Ihnen ein herzliches Willkommen - vielen Dank, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de nehmen. Können wir loslegen?

Charlotte Knobloch
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Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch: Ja!

benny: Frau Knoblauch, glauben Sie, dass die Vorfälle der vergangenen 14 Tage in Rom rund um die Piusbruderschaft nachhaltig das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem Judentum schädigen wird?

Charlotte Knobloch: Ich hoffe nicht. Es ist natürlich viel in dieser Zeit passiert, was man hätte verhindern können. Man hätte es zum Beispiel dadurch verhindern können, indem man die Situation entschärft und die Piusbrüder und den Herrn Williamson ganz entschieden sofort in die Schranken gewiesen hätte.

beobachter: Wie empfanden Sie es, dass ein Vertreter einer Glaubensgemeinschaft den Holocaust, das mit am besten dokumentierte geschichtliche Ereignis, einfach leugnet?

Charlotte Knobloch: Wir haben es hier mit einem Menschen zu tun, der sich mit den Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und mit diesem auf eine Stufe stellt. Er findet damit natürlich ein offenes Ohr bei Rechtsextremisten, aber ich weiß, dass es sehr viele Menschen gibt, die diese Äußerungen verurteilen und das bestärkt mich.

Kölner: Für wie verbreitet halten Sie Antisemitismus innerhalb der katholischen Kirche in- und außerhalb Deutschlands?

Charlotte Knobloch: Vor dem zweiten vatikanischen Konzil war der Antisemitismus in der Kirche durch vorhandene Textstellen in einzelnen Themen und Büchern vorhanden. Das hat sich nach dem zweiten vatikanischen Konzil und der Haltung des Papstes und der Päpste nachhaltig verbessert, hat aber jetzt durch die Aussage der Piusbrüder, die uns als Gottesmörder bezeichnen, und der Aussage von Williamson, einen erheblichen Rückschlag erlitten.

Moderatorin: Die nächste Frage an Sie ist zugleich eine, die viele User vorab für besonders wichtig bewertet haben.

Buchinger: Sehr geehrte Frau Präsidentin Charlotte Knobloch, der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke kritisiert Frau Merkel für ihr Eingreifen mit folgenden Worten: Es sei "unbegreiflich und empörend", wenn die Kanzlerin "vom Papst klare Worte fordert in einem Zusammenhang, in dem gerade Papst Benedikt es nie an Eindeutigkeit hat fehlen lassen". Wie bewerten Sie eine solche Stellungnahme eines bayerischen Bischofs, der zudem noch für die theologische Lehre in der Uni Eichstätt verantwortlich zeichnet?

Charlotte Knobloch: Ich glaube nicht, dass Bischof Hanke von seinen Äußerungen selbst überzeugt ist. Ich habe es sehr begrüßt und die Ereignisse haben es mir ja bestätigt, dass durch die sehr höfliche Aufforderung unserer Kanzlerin Türen geöffnet wurden, die vorher noch verschlossen waren. Der Eichstätter Bischof ist für seine extrem konservative Einstellung bekannt. Er sollte es aber nicht soweit kommen lassen, dass man ihm vorwerfen kann, dass er sich mit den bereits genannten Äußerungen identifiziert.

MM: Sehr geehrte Frau Knobloch! Bundeskanzlerin Merkel hat vom Vatikan eine Klarstellung in Sachen Williamson und Piusbruderschaft gefordert. Dies hat ihr viel Kritik eingebracht. Ist ein deutsches Verfassungsorgan wie die Kanzlerin aufgrund der historischen Situation Deutschlands verpflichtet, hier eine Klarstellung einzufordern? Darf die Politik von einer Religion (ob katholisch oder jüdisch oder andere) Positionen einfordern?

Charlotte Knobloch: Nachdem was hier vorgefallen ist, hoffe ich, es bleibt eine Einmaligkeit. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass wir Juden uns von einer Äußerung eines Bischofs distanzieren müssen, ihn zur Rücknahme auffordern müssen, bevor es der Papst getan hat. Und deswegen war die Kanzlerin als Repräsentantin eines Landes, das den Holocaust verursacht hat, verpflichtet, zu diesem Thema eine eindeutige Stellungnahme abzugeben. Meine Aufforderung an die jungen Menschen in diesem Lande geht immer dahin, für die Zukunft die Verantwortung zu übernehmen, die ihnen aufgetragen wird - sofern sie sie akzeptieren. Damit dieser Völkermord, der in diesem Lande geschehen ist, nicht wieder vorkommt. Das ist meine Aufforderung an alle unsere Nachkommen und da gehört die Kanzlerin auch dazu.

Markus Diliberto: Sehr geehrte Frau Knobloch, warum lädt die deutsch-jüdische Gemeinde die Piusbrüder nicht ein, um ihnen in den ehemaligen Konzentrationslagern die Verbrechen der Nazis erklären zu können?

Charlotte Knobloch: Ich werde diese Frage in meinen Gremien mal besprechen. Sicher nicht in der nächsten Zeit, denn sie können sich vorstellen, wie es mir zumute ist, zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Aber wenn es heutzutage in dieser geistig hochqualifizierten Bruderschaft Menschen gibt, die mir erklären wollen, dass für sie der Holocaust noch etwas unbekanntes ist - und dies auch glaubhaft erklären - dann gehe ich davon aus, dass man sich vielleicht über ihre Frage Gedanken machen müsste.

Chefkoch81: Zum Beitrag von Diliberto: Man müsste die Piusbrüder einmal nach Auschwitz führen. Vielleicht ergeht es ihnen genauso wie dem Papst damals, der sichtlich berührt war und große Worte sprach.

Ntexv: Sehr geehrte Frau Knobloch, wäre es nicht sinnvoll, auch einmal die Hauptleugner des Holocaust zu einem Gespräch in einem öffentlich-rechtlichen Medium (Fernsehen) einzuladen? Ich finde, das wäre die beste Gelegenheit, sie vor der Öffentlichkeit vorzuführen und ihre abartigen und verlogenen Argumente zu widerlegen.

Charlotte Knobloch: Ich kann hier natürlich über die Entscheidungen der Medien bzw. der Fernsehanstalten nicht befinden, aber ich habe das Gefühl, dass wir es mit Unbelehrbaren zu tun haben. Und ich glaube, dass wir diesen Menschen kein Forum geben dürfen.

Aligator: Hätten Sie es auch gut geheißen, wenn die Aufforderung von Angela Merkel nicht öffentlich gefordert worden wäre, sondern über diplomatische Kanäle?

Charlotte Knobloch: Gerade weil die Aufforderung in dieser Form ergangen ist, hat sie eben das bewirkt, was man bis jetzt nur als positiv bezeichnen kann.

timmy: Wie schätzen Sie die Verbreitung von Antisemitismus in Deutschland im Allgemeinen ein?

Charlotte Knobloch: Das ist auch ein Thema, das mir große Gedanken macht. Weil ich eben feststellen kann, dass es wieder einen sogenannten neuen Antisemitismus gibt, der natürlich auf dem bereits bestehendem aufbaut. Die Tatsache, dass man der Meinung ist - obwohl wir immer dieser Meinung widersprechen - wenn man Israel kritisiert, sei man bereits ein Antisemit: das sind alles Klischees, Vorurteile wie man es auch nennen kann, die dem Antisemitismus wieder einen fruchtbaren Boden bereiten.

Buchinger: Frau Präsidentin Knobloch, Sie sprechen ganz bewusst die "jungen Menschen in diesem Lande an". Was können wir hier in Deutschland, in Europa, konkret in der Jugendarbeit gegen den erneut aufflammenden Antisemitismus tun?

Charlotte Knobloch: Indem man den jungen Menschen sagt, dass sie in einem Land leben, in einem demokratischen Land, dass sie in diesem Land eine Zukunft haben. Dass sie einen gesunden Patriotismus entwickeln sollen, dass sie ihr Land gegen verbale Angriffe verteidigen sollen und dass sie summa summarum allen Grund haben, ihr Land zu lieben. Immer in Hinblick aber auch darauf, dass sie auch die Vergangenheit dieses Landes im Blickfeld haben und gerade dann, wenn sie sich all das aneignen, was ich jetzt vorgeschlagen habe, dann sind sie auch gefeit gegen Rechtsradikalismus und den Versprechungen, die die NPD und ihre Helfershelfer ihnen täglich vorführen.

uhri: Ich denke, Frau Knobloch weiß im Gegensatz zu Markus Diliberto, dass es nicht Sache der Juden ist, Antisemitismus zurückzuweisen. Das wäre die Aufgabe einer aufgeklärten Gesellschaft und nicht die der Opfer.

Charlotte Knobloch: Antisemitismus und der Judenhass ist natürlich eine Aufgabe, die die Allgemeinheit zu regeln hätte. Schon im Hinblick auf die Vergangenheit dieses Landes. Aber wir werden manchmal sehr alleine gelassen, werden mit Sonntagsreden beruhigt. Aber Handlungen, wie zum Beispiel das Verbot der NPD und ihrer Parteienfinanzierung in Angriff zu nehmen, die ja die Grundlagen für den Antisemitismus weiter verbreiten, vermisse ich eben.

timmy: Wie stehen Sie denn zum NPD-Verbot?

Charlotte Knobloch: Ich kenne die Nachteile, die momentan vorhanden sind, um dieses NPD-Verbot nochmal anzugehen. Es geht aber auch nicht an, dass eine antidemokratische Partei es für sich in Anspruch nimmt, von Demokraten gewählt zu sein und demokratisch gewählt zu sein. Die NPD verachtet das Grundgesetz, verachtet unsere Werte und deswegen muss etwas geschehen, damit sie nicht ihre abscheulichen Ideen und Beurteilungen weiterhin unter jungen Menschen - vor allem im Internet - verbreiten kann.

Zumindest sollte sie nicht mehr in der Lage sein, Steuergelder von Menschen, die diese Inhalte der NPD auch ablehnen, für ihre eigenen Zwecke zu benutzen - vor allem auch für Zwecke, die diesem unserem Land in der Welt einen negativen Stellenwert geben. Das hat dieses Land in der heutigen Zeit nicht verdient.

abc: Es scheint, als würden antisemitische Klischees wie etwa das "des Juden" als lästigen, nachtragenden Mahners in letzter Zeit immer offener geäußert. Stellen Sie eine Zunahme manifest antisemitischer Positionen bzw. eine Auflösung des gesellschaftlichen Kommunikationstabus für antisemitischen Einstellungen und Ideen in Deutschland fest?

Charlotte Knobloch: Ich habe diesem Land nicht den Rücken zugewandt, obwohl meine Biografie und mein damaliges Erleben mich fast dazu gezwungen haben. Ich wäre glücklich und zufrieden, wenn ich nicht immer als lästiger Mahner dargestellt würde, sondern dass die Menschen, die das Mahnen als negativ empfinden, mit mir zusammen, mit uns zusammen, ein Bollwerk errichten würden gegen diesen Antisemitismus. Und ich bin aber trotzdem ein Optimist.

Ich werde es nie zulassen, dass Hitler Recht gehabt hätte, wenn es hier keine Juden mehr geben würde, sondern ich baue weiter an der Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das mir auch Recht gibt und in vielen neu errichteten Möglichkeiten, wie Synagogenneubauten und Gemeindezentrenneubauten. Und ich freue mich, dass es auch diesen Grund gibt, Optimist zu sein.

Moderatorin: Das heißt, Sie sehen eine positive Entwicklung? Kann man von einer Normalisierung des jüdischen Lebens in Deutschland sprechen?

Charlotte Knobloch: Ich würde noch nicht von einer Normalisierung sprechen, sondern ich würde von einem positiven Miteinander sprechen, das sich nach einem jahrzehntelangem Nebeneinander entwickelt hat. Normalität muss wachsen. Normalität kann man nicht als Befehl durchführen, vor allem, wenn man heute noch die Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit beurteilt und nicht nach ihren charakterlichen Eigenschaften.

HermyMA: Sehr geehrte Frau Knobloch, wo würden Sie die Grenze ziehen zwischen Kritik und Antisemitismus - beziehungsweise wo fängt Antisemitismus an?

Charlotte Knobloch: Antisemitismus fängt für mich an, wo sich Kritik unsachlich, beleidigend darstellt: In dem man uns, die Überlebenden und ihre Nachkommen, als Helfershelfer von Hitlers Vernichtungspolitik bezeichnet und weitere Klischees verbreitet werden.

Sarah Rosenthal: Sehr geehrte Frau Knobloch, als in Deutschland geborene Jüdin interessiert mich besonders: Halten Sie eine Kritik am Staat Israel - zum Beispiel aufgrund des Vorgehens im Flüchtlingslager Gaza - zwangsläufig für antisemitisch?

Charlotte Knobloch: Ich muss immer wieder betonen, dass sachliche Kritik nicht Antisemitismus darstellt. Die Regierung in Israel muss sich einer massiven Kritik ihrer Bevölkerung unterziehen. Sachliche Kritik hat immer auch etwas Positives, sie kann manchmal zum Nachdenken anregen.

alt Charlotte Knobloch

Zur Person

Charlotte Knobloch, geboren 1932 in München. Die Nazizeit überlebte sie versteckt bei einer katholischen Familie, die sie als uneheliches Kind ausgab. Knoblochs Vater überstand die NS-Verfolgung als Zwangsarbeiter und kehrte nach dem Krieg nach München zurück. Knobloch absolvierte die Handelsschule und arbeitete bis zu ihrer Heirat in der Anwaltskanzlei ihres Vaters mit. Seit 1981 ist sie im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern aktiv und seit 1985 deren Präsidentin. 1997 wurde Knobloch zur Vizepräsidentin und 2006 als Nachfolgerin von Paul Spiegel zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Sie ist die erste Frau in diesem Amt. Charlotte Knobloch ist verwitwet und hat drei Kinder.

Moderatorin: Damit wir thematisch nicht zu sehr springen, habe ich inzwischen ein paar eingetroffene Fragen im Chat zum Thema Israel gesammelt:

same: Hallo nach München. Frau Knobloch, wie bewerten Sie das Wahlergebnis in Israel?

Charlotte Knobloch: Das noch nicht endgültige Wahlergebnis. Die Wählerstimmen der Soldatinnen und Soldaten sind nämlich noch nicht ausgezählt. Momentan werden sich die einzelnen Parteien, sollten sie sich nicht für eine Große Koalition entscheiden, sehr schwer tun, eine für alle zufriedenstellende Regierungskoalition einzurichten.

aysam: Sehr geehrte Frau Knobloch, ich habe eine Frage zu den Wahlen in Israel. Befürchten Sie, dass aufgrund der Wahlergebnisse in Israel, lassen Sie es mich einen "Rechtsruck" nennen, der Friedensprozess weiter geschwächt und darüber hinaus der Antisemitismus in Europa neuen Nährboden gewinnen könnte?

Buchinger: Sehr geehrte Frau Präsidentin, die Wahlen in Israel sind voraussichtlich gelaufen. Was sagen Sie zu Rechtsnationalen, wie Benjamin Netanjahu und seinem Kollegen Liebermann, auch hinsichtlich einer wohl möglichen Regierungsbildung? Gibt es in Israel auch Rechtsextremismus?

Charlotte Knobloch: Es gibt rechte Parteien, aber es gibt keinen Rechtsextremismus. Ich hoffe sehr, dass es eine Regierungsbildung geben wird, die den Frieden der Völker in diesem Gebiet an erster Stelle in ihrem Programm hat.

Frank: Guten Tag Frau Knobloch. Glauben Sie, dass es langfristig eine Alternative zu einem Staat Israel und einem Staat Palästina geben kann?

Charlotte Knobloch: Die bisherigen Regierungen haben sich immer dafür eingesetzt, dass es zwei Staaten, einen Staat Israel und einen Staat Palästina, in der Zukunft geben wird. Ich konnte auch immer wieder lesen, dass die Vereinigten Staaten, wie auch die Europäer, dies auch als Ziel sehen. Und ich hoffe, dass diese Konstruktion sich entwickeln wird und den Menschen dort den Frieden bescheren wird.

Dirk: Geehrte Frau Präsidentin, ich möchte da nachhaken. Was bedeutet denn für sie "Rechtsextremismus"? Was sagen Sie zu ultranationalistischen Strömungen in Israel, die einem palästinensischen Staat eine klare Absage erteilen und arabischstämmige Israeliten "ausbürgern" möchten?

Charlotte Knobloch: Eine israelische Regierung, die sich jetzt, in absehbarer Zeit, sicher konstituieren wird und die die demokratischen Werte noch in ihr Regierungsprogramm aufnehmen wird, wird diese angesprochenen Themen sicher nicht vertreten.

JBraun: Zur "Zwei-Staaten Lösung": Glauben Sie wirklich ernsthaft, dass nach dem neuerlichen Rechtsruck in Israel noch eine tragfähige Mehrheit für diese Position besteht?

Charlotte Knobloch: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Verantwortlichen zu der Überzeugung kommen, dass zwei starke Parteien, die sich ja jetzt abzeichnen, eine Regierung bilden können.

uwe wällner: Dass Sie als Jüdin eine besondere Beziehung zur Bevölkerung Israels haben, ist nur verständlich und lauter. Allerdings sind ja fast 25 Prozent der israelischen Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens. Hegen Sie auch zu dieser Gruppe eine besondere Solidarität?

Charlotte Knobloch: Ich habe eine Solidarität für Menschen, die sich auch in dieser Hinsicht darstellt: Dass sie Menschen sind - und wie man so schön sagt - auch an das Gute im Menschen glauben.

Moderatorin: Hier kommen zwei Fragen aus dem Pre-Chat, für die sehr viele User gestimmt haben:

Leonardo: Ist "Verzeihen" eine Haltung, die für Sie in Bezug auf die Shoah möglich ist?

Charlotte Knobloch: Es gibt kein Verzeihen einer Überlebenden für sechs Millionen Opfer, die die Shoah verursacht hat. Ich kann nur für mich persönlich eine Äußerung abgeben, aber nicht für die Menschen, die nicht mehr unter uns sind.

ida: Sie lehnen das Projekt "Stolpersteine" strikt ab, nannten die Initiatoren sogar einmal "Gedenktäter". Was macht diese Leute in ihren Augen zu Tätern?

Moderatorin: Zu dieser Frage eine Info: "Stolpersteine" sind in vielen Städten verbreitete Gedenksteine in Pflasterstein-Größe aus Metall, auf denen Namen, Geburts- und Todesdaten von Holocaust-Opfern lesbar sind - eine Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

Charlotte Knobloch: Bei den Stolpersteinen handelt es sich aus der Natur der Sache heraus um keine angemessene und würdige Form des Gedenkens. Passanten gehen achtlos an Stolpersteinen vorbei oder schlimmer noch, laufen darüber und treten darauf. Hunde verrichten an den Stolpersteinen ihre Notdurft. Wir sollten das Andenken von Menschen - und darunter auch meine Familie - die Verfolgung und Entwürdigung erleben musste, bevor sie auf schreckliche Weise ermordet wurden, nicht nochmals entwürdigen und sprichwörtlich mit Füßen treten.

timmy: Wie gestaltet sich derzeit das Verhältnis zum Zentralrat der Muslime in Deutschland?

Charlotte Knobloch: Wir hoffen und sind wirklich interessiert an einem guten Einvernehmen mit den zuständigen Gremien des Islams. Sind aber auf der anderen Seite sehr überrascht, dass gerade an den antiisraelischen Demonstrationen mit den Rechtsradikalen auch viele Islamisten teilgenommen haben.

Moderatorin: Hier kommt eine User-Frage zu folgendem Hintergrund: Der Zentralrat der Juden war am 27. Januar 2009 der Feierstunde des Bundestages zum Holocaust-Gedenktag mit der Begründung ferngeblieben, seine Vertreter seien bei der Feier nie persönlich begrüßt worden. Dies hatte im Bundestag Verwunderung ausgelöst.

ninu: Sehr geehrte Frau Knobloch, in letzter Zeit erscheint es mir, als würde sich die jüdische Gemeinde in Deutschland immer öfter von der Mehrheit der Gesellschaft (aber auch von der Politik - Stichwort Holocaustgedenktag - ) alleine gelassen fühlen. Welche Form der Unterstützung im Kampf gegen Antisemitismus wünschen Sie sich und wie sollte die Solidarität der nicht-jüdischen Bevölkerung aussehen?

Charlotte Knobloch: Hier geht es vor allem um diejenigen, die Menschen und die Bevölkerung erreichen. Das sind die Medien, das sind die Kirchen. Und hier freue ich mich, wenn ich eine ausgewogene Berichterstattung - aber auch einen Beitrag der Kirchen - feststellen kann, die das jüdische Leben, das sich sehr - zumindest zahlenmäßig - positiv entwickelt hat, auch unterstützen. Und die Möglichkeiten sind natürlich mit einer Wahrnehmung, dass Unterstützung vorhanden ist, in der Öffentlichkeit gegeben oder sollten gegeben sein.

Peter: Wird in Deutschland von muslimischer Seite auf den Zentralrat der Juden in Deutschland zugegangen und wie entwickelt sich dieser Dialog?

Charlotte Knobloch: Es gibt verschiedene Dialoge in diesem Bereich in verschiedenen Stätten und wenn er sich weiterentwickelt, kann man das nur positiv sehen.

luna: Frau Knobloch, meinen Sie nicht, dass die Nicht-Teilnahme des Zentralrats der Juden an der Veranstaltung zum Holocaust Gedenktag eine zu empfindliche Reaktion war?

Charlotte Knobloch: Das ist eine Empfindlichkeit, die sich schon jahrelang, wenn sie überhaupt vorhanden ist, festgesetzt hat. Aber ich bin guten Mutes, dass in Zukunft an diesem so wichtigen internationalen Gedenktag auch die Überlebenden wahrgenommen werden. Und dass vor allem mit den jungen Menschen die an diesem Tag in den Bundestag eingeladen sind, ein effizienter Dialog mit Überlebenden stattfinden kann.

Horst: Frau Knobloch, wäre es nicht Zeit in Deutschland, dass einmal ein Deutscher jüdischen Glaubens Bundespräsident wird? Es würde dem Verhältnis der Deutschen zum Judentum einen unglaublichen Schub geben.

Charlotte Knobloch: Wenn unsere Jugendlichen oder die jüngeren Mitglieder unserer Gemeinden sich der Politik zur Verfügung stellen würden, wäre das wirklich - meiner Ansicht nach, für mich persönlich - ein willkommener Anlass, auch darüber nachzudenken, inwieweit solche Personen in die höhere Politik eingebunden werden können.

neville: Sehr geehrte Frau Knobloch, haben Sie Hoffnung, dass eines Tages der Polizeischutz für die Synagogen in Deutschland nicht mehr nötig sein wird?

Charlotte Knobloch: Diese Hoffnung habe ich bereits im Jahre 1990 zum Ausdruck gebracht in Zusammenhang mit der Errichtung unserer neuen Gebäude - Synagoge und Gemeindezentrum. Leider bin ich eines besseren belehrt worden, dass diese Schutzmaßnahmen noch verstärkt werden müssten, bis zum heutigen Tag, anstatt sie langsam abbauen zu können.

Moderatorin: Das war bereits eine gute Stunde hier im tagesschau-Chat. Herzlichen Dank, Charlotte Knobloch, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de genommen haben. Ein Dankeschön auch an unsere User für die vielen Fragen, die wir leider nicht alle stellen konnten.

Charlotte Knobloch: Ich freue mich, dass ich einen Dialog führen konnte - mit Unbekannten natürlich - aber ich wünsche mir gleichzeitig, dass das Miteinander, das ich anstrebe und das ich auch sehe, sich entwickelt, weiterhin den Erfolg zeigt, den ich mir wünsche und der uns allen nur Positives bringen kann.

Der Chat wurde moderiert von Corinna Emundts, tagesschau.de.

Anmerkung der Redaktion: Chat-Attacke von Unbekannten

Kurz vor Ende der Internet-Fragerunde mit der Präsidentin des Zentralrats der Juden haben Unbekannte den Chat mit maschinellen Massenanfragen gestört. Der Chat, den tagesschau.de gemeinsam mit politik-digital.de veranstaltete, war für einige Minuten aus dem Internet nicht erreichbar. Der Dialog mit Charlotte Knobloch lief jedoch mit den bereits eingetroffenen Fragen weiter.

Massenhafte Anfragen

Die Angreifer gingen nach dem Prinzip von DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service) vor. Bei diesen Angriffen wird ein Server oder eine Internetseite mit massenhaften und wiederholten Anfragen bombardiert. Im Extremfall können Webseiten so lahmgelegt werden.

Das Chatsystem, das für den tagesschau-Chat eingesetzt wird, ist gegen die gängigsten Typen solcher Angriffe geschützt und kann große Datenmengen verarbeiten. In diesem Falle war die Kombination aus der Art des gezielt auf den Chatserver zugeschnittenen Angriffs und die Menge der Störzugriffe so hoch, dass es zu einer teilweisen Störung des Chats kam. Diese Lücke ist mittlerweile geschlossen.

Antisemitische Inhalte

Bereits vor Beginn gingen bei den Moderatoren zahlreiche antisemitische und antiisraelische Beiträge ein. Insbesondere am Abend und in der Nacht vor dem Chat mussten die Moderatoren bereits zahlreiche Beiträge mit antisemitischem und antiisraelischem Inhalt filtern. Die Moderatoren überprüfen die Beiträge vor der Veröffentlichung grundsätzlich auf Hasspropaganda, Unterstellungen und nicht belegbare Tatsachenbehauptungen.

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