Markus Breitscheidel

tagesschau-chat Markus Breitscheidel, Journalist und Autor

Stand: 29.11.2007 17:22 Uhr

Moderatorin: Herzlich willkommen im tagesschau-Chat! Heute bei uns hier im ARD-Hauptstadtstudio zu Gast: Markus Breitscheidel. Der Journalist ist Autor des Bestsellers "Abgezockt und totgepflegt". In diesem Buch schildert er die teils entsetzlichen Zustände in Pflege- und Altenheimen, in denen er mehr als ein Jahr lang undercover gearbeitet und recherchiert hat. Vielen Dank Herr Breitscheidel, dass Sie sich Zeit genommen haben! Können wir beginnen?

Markus Breitscheidel: Wir können.

Moderatorin: Folgende Frage hat die meisten unserer User am meisten interessiert:

Gero: Wie erkenne ich ein gutes Pflegeheim?

Markus Breitscheidel: Wenig Fluktuation unter den Mitarbeitern und sehr viel Öffentlichkeit, also Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Besuchsdiensten usw., denn diese Öffentlichkeit bringt natürlich das Leben und Informanten / Beobachter in das Heim. Das ist die schwierigste Frage, die man in diesem Bereich stellen kann, denn es gibt keine Qualitätsmerkmale zur Unterscheidung, und somit ist es für einen Angehörigen die schwierigste Aufgabe, ein gutes Heim zu finden.

Karlchen: Wie kommt es denn überhaupt zu einer Lage, wie in Ihrem Buch beschrieben? Fehlt es "nur" an Geld, fehlen ausgebildete Fachkräfte, aufmerksame Angehörige...?

Markus Breitscheidel: Es fehlen zunächst einmal aufmerksame Angehörige, die sich nicht von dem hohen Pflegepreis blenden lassen und aufmerksam beobachten. Dann fehlt es an gut ausgebildetem Pflegepersonal und letztendlich ist die Philosophie der Heimleitung das Wichtigste. Ist diese Philosophie an Menschen orientiert, dann funktioniert es. Ist sie allerdings am Kapital orientiert, gibt es meist Probleme.

Nico: Warum wird Ihrer Meinung nach bekannten Missständen von Seiten der Politik nicht nachgegangen?

Markus Breitscheidel: Ein ehrlicher Umgang mit diesem Thema würde bedeuten, dass wir mehr Geld in die Pflege investieren müssten, dass sich die Lohnnebenkosten dadurch erhöhen würden.
Und Sie finden keinen Politiker, der den Mut hat, in der Öffentlichkeit eine nochmalige Erhöhung der Lohnnebenkosten zu fordern

Maria: Warum wehren sich die Pflegekräfte nicht gegen die Missstände und auch ihre schlechten Arbeitsbedingungen?

Markus Breitscheidel: 87% der Pflegekräfte sind Frauen, meist alleinerziehende Mütter, die direkt abhängig sind von ihrem Arbeitsplatz. Ich habe insgesamt mit Menschen aus 25 Nationen zusammen gearbeitet, deren Aufenthaltsgenehmigung meist an den Arbeitsplatz gebunden war, und somit fehlte ihnen natürlich auch der Mut, gegen deutsche Missstände vorzugehen. Letztendlich ist es die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz.

Moderatorin: Hier die Frage eines "Insiders":

ich25ms: Ich arbeite in einem Heim und kenne die Missstände, aber was soll ich als Pflegende noch tun - außer meine private Zeit dafür herzugeben, um mal ein nettes Gespräch mit dem Bewohner führen zu können (das tue ich täglich nach meinem Dienst)?

Markus Breitscheidel: Ganz wichtig für Pflegekräfte ist es, Überlastungsanzeigen zu schreiben und die an die staatliche Heimaufsicht weiterzuleiten. Tut dies eine Pflegekraft nicht, ist sie rechtlich für die Pflegebedürftigen verantwortlich und wird gerichtlich für diese Pflegefehler dann auch belangt. Zudem würde ich heimintern den Kontakt zum Heimbeirat suchen, um denen dann meine Sorgen kundzutun. Das wären eigentlich die wichtigsten Punkte.

Moderatorin: Das war die am dritthäufigsten gestellte Frage unserer Leser. Nun folgt Platz zwei:

Karlchen: Worauf sollten Angehörige achten, wenn Verwandte in ein Pflegeheim müssen? Wie kann man reagieren, wenn man Missstände feststellt, um nicht nur die eigenen Verwandten zu schützen, sondern alle Bewohner?

Markus Breitscheidel: Zunächst einmal den Heimbeirat einschalten. Sollte das zu keinem Ergebnis führen, würde ich den Fall an den medizinischen Dienst der Krankenkasse oder die staatliche Heimaufsicht melden. Diese sind dann verpflichtet, das Ganze anonym aufzunehmen und gegen das Heim vorzugehen.

Quarantäne: Was würden Sie nach ihren Erlebnissen empfehlen: Angehörige lieber zu Hause pflegen, einen ambulanten Pflegedienst verpflichten oder doch ein Pflegeheim?

konzhel: Kann man eigentlich einen Unterschied machen zwischen privaten Heimen und solchen von karitativen Organisationen? Oder gibt es die Probleme überall?

Markus Breitscheidel: Ich bin natürlich ein Freund davon, einen alten Baum, der Wurzeln geschlagen hat, nicht mehr umzupflanzen. Das heißt natürlich, so lange wie es geht, dem pflegebedürftigen Menschen sein Zuhause zu lassen. Der Unterschied liegt in der Philosophie des Pflegeunternehmers. Die Wohlfahrtsverbände haben ihre Philosophie am Menschen orientiert, die Privaten am Gewinn.

konzhel: Betreff: Arbeitsplatz und Arbeitskräfte: Pennen da die Gewerkschaften total? Man sollte meinen, auch in solchen Betrieben gibt es ein paar Gewerkschaftler.

Markus Breitscheidel: Zwei Prozent der Pflegekräfte sind gewerkschaftlich organisiert. Somit fehlt den Gewerkschaften der Einfluss in den Heimen.

Moderatorin: Warum nur zwei Prozent?

Markus Breitscheidel: Ich denke, aus der Problematik, die wir eben besprochen haben. 87 Prozent der Pflegekräfte sind Frauen und intensiv mit den eigenen Problemen im Leben beschäftigt. Es fehlt die Zeit, sich neben dem zeitintensiven Pflegeberuf auch noch für die eigenen Rechte zu engagieren.

Jungling: Glauben Sie, dass Patienten in Krankenhäusern ähnlich schlimm behandelt werden?

Markus Breitscheidel: Nach der Privatisierung der Altenpflege folgte die Privatisierung der Kranken- und Behindertenpflege. Seither erreichen mich vermehrt auch Briefe von Pflegepersonal aus Krankenhäusern und Behindertenheimen.

konzhel: Es gibt ja jetzt eine Reform der Pflegeversicherung. Was ist ihre Meinung: Hilft die, die Alterspflege zu verbessern?

Markus Breitscheidel: Ich denke, dass diese Reform ein Pflaster auf den Dekubitus ist und lediglich kurzfristig die Probleme beheben wird. Nachhaltig fehlt jedoch ein Gesamtkonzept zum Thema Pflegebedürftigkeit und zum Umgang mit Menschen in einer Leistungsgesellschaft, die nicht mehr in der Lage sind, zu leisten.

Moderatorin: Nun ein paar persönliche Fragen:

ttt: Was für Reaktionen gab es aus den Pflegeheimen auf Ihr Buch? Gab es überhaupt welche?

Markus Breitscheidel: Zwei der Pflegeheime haben ihr komplettes Führungspersonal ausgetauscht, sind offensiv mit den Vorwürfen umgegangen, auf mich zugekommen und haben zugegeben, dass es diese Missstände zu diesem Zeitpunkt gab und alles getan, um diese für die Zukunft abzuschaffen. Von den anderen drei Heimbetreibern habe ich bis heute leider nichts gehört.

Barbara: Wie sind Sie bei Ihren Recherchen mit den alten Leuten im Heim umgegangen: persönlich oder distanziert?

Markus Breitscheidel: Da die soziale Vernachlässigung der alten Menschen mich natürlich auch nach dem Dienst beschäftigt hat, war es für mich schon fast ein zu persönliches Verhältnis. Die seelische und körperliche Belastung während meines Einsatzes führte dazu, dass ich 15 Kilo Lebendgewicht verloren habe. Der Kontakt zu einigen Angehörigen und Bewohnern steht heute noch, da ich mich in dieser Zeit intensiv für diese Menschen eingesetzt habe und alles getan habe, dass sie dieses Heim verlassen und in eine vernünftige Einrichtung können.

Nico: Hand aufs Herz - hat Sie Ihre Arbeit und die gewonnenen Erkenntnisse persönlich verändert?

Markus Breitscheidel: Sicherlich haben mich diese Erfahrungen persönlich verändert, denn ich konnte mir niemals vorstellen, dass wir in einem reichen Industriestaat so menschenunwürdig mit pflegebedürftigen Menschen umgehen. Es hat bis heute noch Auswirkungen auf mein Leben, besonders im Bezug auf Paragraph 1 Grundgesetz - "Die Würde des Menschen ist unantastbar".

Kastanie: Was würden Sie persönlich tun, wenn Ihre Eltern oder andere Verwandte pflegebedürftig sind?

Markus Breitscheidel: Ich würde alle meine Kraft dafür einsetzen, dass sie zu Hause bis zu ihrem Tode versorgt werden. Bis vor einer Woche, also bis zum Tod meiner 91-jährigen Großmutter, konnte ich ihr zum Glück eine menschenwürdige Pflege bis zur letzten Sekunde ihres Lebens zukommen lassen.

Martha: Was müsste sofort zur Verbesserung der Pflegeprobleme getan werden?

Markus Breitscheidel: Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über die Thematik der Pflege. Doch da diese Thematik Pflege und Tod von uns Menschen verdrängt wird, halte ich es für äußerst schwierig, dass sich eine Mehrheit der Gesellschaft Gedanken darüber macht, was mit ihnen passieren soll, wenn sie pflegebedürftig werden. Ich betrachte dies allerdings als Grundvoraussetzung, um ein nachhaltiges System für die Zukunft zu schaffen. Ich bin überzeugt davon, dass auf Grund der demographischen Entwicklung wir diese Problematik mit Geld allein nicht lösen werden.

Maria: Würden Sie nicht auch sagen, dass diese schrecklichen Missstände mit dem Werteverlust in unserer Gesellschaft zusammenhängen und also dort eine Veränderung eintreten muss?

Markus Breitscheidel: Ich denke, mit dem Satz, dass wir diese Problematik mit Geld allein nicht lösen werden, ist für mich diese Frage schon nahezu beantwortet. Denn ich bin überzeugt davon, dass unsere Gesellschaft sich zu intensiv mit dem Kapital und dessen Mehrung beschäftigt und immer weniger mit dem Wohl der Menschen.

nereide: Was kann oder muss die Politik denn unternehmen? Muss es regelmäßige Überprüfungen für alle Heime geben?

Markus Breitscheidel: Zunächst einmal benötigen wir einheitliche Qualitätsmerkmale, so dass es für Angehörige auch möglich ist, einen Unterschied von außen zu erkennen. Weiterhin halte ich es für unabdingbar, dass sämtliche Kontrollen unangemeldet durchgeführt werden und die Prüfergebnisse dann auch wie in anderen Ländern veröffentlicht werden.

thomas esch: Halten Sie staatlich geführte Altenpflege für sinnvoller?

Markus Breitscheidel: Gemäß dem Grundgesetz hat der Staat die Verpflichtung, diese Aufgabe zu übernehmen. Durch die Privatisierung hat er sich mehr und mehr von dieser Verantwortung verabschiedet. Ich halte es allerdings für unabdingbar, dass der Staat in einer Leistungsgesellschaft sich um die verdienten Menschen kümmert, die ihre Leistung erbracht haben und dann irgendwann nicht mehr in der Lage sind, zu leisten.

ich25ms: Ist ein "Betreutes Wohnen", also eine Senioren-WG, eine Alternative?

Markus Breitscheidel: Die Konzepte für die Altenpflege müssen für die Stadt-, aber auch für die Landbevölkerung verschiedenartig entwickelt werden. Die Alten-WG ist mehr ein Konzept für die Stadt, da die Menschen hier in ihrem Denken nicht so konservativ sind wie die Dorfbevölkerung. Für die Menschen auf dem Land benötigen wir ein intensives Netz der sozialen Betreuung für die Pflege zu Hause.

specator: Was raten Sie den Familien, die quasi illegal Pflegerinnen (meist aus dem Ausland) beschäftigen? Ist das nicht auch Ausbeutung?

Markus Breitscheidel: Ich bin der festen Meinung, dass man einer Arbeitskraft, egal aus welchem Lande dieser Welt sie kommt, nicht zumuten darf, für eine Arbeit, die 24 Stunden am Tag beansprucht, mit 800-1000 Euro pro Monat abzuspeisen.
Allerdings ergeben sich aus den geringen Renten, die gerade pflegebedürftige Frauen erhalten, meist keine andere Möglichkeit der Finanzierung, so dass auch hier die Politik gefragt ist, um diese illegalen Pflegekräfte in die Legalität zu führen.

Tom Bom: Ich finde Ihre Vorschläge gut, doch die Finanzierung ist mir schleierhaft - Lohnnebenkosten hin oder her, gibt es noch alternative Finanzierungswege?

Markus Breitscheidel: Ich halte die neun Prozent Kirchensteuer, die für Kirchenmitglieder erhoben werden - die allerdings für Menschen, die denken, sich den Glauben nicht mehr leisten zu können und austreten, nicht mehr anfallen - für eine Finanzierungsmöglichkeit. Man könnte einen Sozialfonds gründen, in den dann Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, diese neun Prozent einzahlen.

bxta: Laut Studien wird die Überalterung in Deutschland sich schon sehr bald drastisch auswirken. Können so viele Menschen überhaupt noch vernünftig gepflegt werden?

Markus Breitscheidel: Ohne einen enormen ehrenamtlichen Einsatz der gesamten Gesellschaft wird dies in Zukunft unmöglich sein. Es sei denn, wir können uns damit abfinden, irgendwann von einem Pflegeroboter gepflegt zu werden.

paul-armin: Gibt es momentan Ihrer Meinung nach eine Partei, die sich besser für alte Menschen einsetzen würde (Nicht unbedingt die Grauen Panther...)?

Markus Breitscheidel: Es fällt mir nicht eine Partei ein, die ein ernsthaftes Engagement in dieser Richtung betreibt.

promenz: Welche Politiker wissen von ihren Erkenntnissen?

Markus Breitscheidel: Nahezu alle Politiker, die sich in den verschiedenen Parteien mit der Thematik Pflege befassen. Ich versuche allerdings seit mehr als zwei Jahren, diese Menschen für das Thema zu interessieren und muss feststellen, dass das Engagement der Politik für diesen Bereich nahezu gegen Null tendiert.

Kastanie: Aus welchem Anlass haben Sie damals eigentlich Ihre Recherche gestartet? Haben Sie mit derartig schockierenden Ergebnissen gerechnet?

Markus Breitscheidel: Der Anlass waren Berichte in TV- und Printmedien über Missstände und Unterversorgung in Pflegeheimen. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass man in unserem Land so mit Menschen umgeht.

trecker: Es muss Angehörigen doch auffallen, wenn Ihre Verwandten in Pflegeheimen misshandelt oder vernachlässigt werden. Warum unternehmen die nichts oder nur wenig?

Markus Breitscheidel: Das Thema "Besuch der Angehörigen" wird meiner Erachtens in der Öffentlichkeit überschätzt. Wir leben heute in einer Gesellschaft, wo jeder flexibel dem Arbeitsplatz nachreisen muss und Familien verstreut über ganz Deutschland leben. Somit beschränkt sich der Besuch meist auf die Feiertage, und hier fehlt dann die Zeit, Missstände zu erkennen und ihnen dann auch intensiv nachzugehen.

Maria: Gibt es denn genug Personal, all die nötigen Heimüberprüfungen durchzuführen?

Markus Breitscheidel: Da die staatliche Heimaufsicht eine Kommunalbehörde ist, hängt die personelle Besetzung natürlich direkt mit der finanziellen Situation zusammen. Hat man also das Glück, dass die Kommune eine der wenigen in Deutschland ist, die finanziell noch gut ausgestattet ist, steht genügend Personal zur Verfügung. In den meisten Städten wird auch hier intensiv beim Personal gespart.

Maria: Was glauben Sie, woran dieses Desinteresse liegt? Jeder Politiker weiß doch, dass er morgen auch alt und pflegebedürftig sein kann. Ist das nur Verdrängung und Hilflosigkeit, oder stehen da andere Interessen im Vordergrund?

Markus Breitscheidel: In erster Linie denke ich, dass das Thema Verdrängung im Vordergrund steht. Und in zweiter Linie, dass sich ein Politiker bei der Absicherung im Alter keine größeren Gedanken machen muss, nicht menschenwürdig versorgt zu werden.

ludewig: Gibt es Ihres Wissens Länder, in denen die Altenpflege sehr gut funktioniert?

Markus Breitscheidel: Das Vorzeigeland weltweit ist für mich Dänemark, das 1989 beschlossen hat, keine neuen Heime mehr zu bauen und die Heime sukzessive abzuschaffen. Dieses Konzept wurde äußerst erfolgreich umgesetzt und erlaubt Dänemark heute den Luxus, die Menschen zu Hause versorgen zu können. Finanziert wird das Ganze aus den gesparten Investitionen für den Bau der Altenheime.

Blume: Gibt es regionale Kriterien für Heime? Also sind durchschnittlich z.B. Heime im reichen Süden besser als in Rostock?

Markus Breitscheidel: Es gibt regionale Unterschiede, ich sehe sie allerdings jetzt nicht festgehalten an einer Nord-Süd-Problematik, sondern eher in der Versorgung der Menschen auf dem Land im Unterschied zur Stadt. Da auf dem Land der Besuch der Angehörigen und Freunde viel intensiver ist als in der Stadt, sind die Missstände dementsprechend weniger gravierend.

klasssss: Wie wird das in Dänemark gemacht? Die Pfleger kommen nach Hause?

Markus Breitscheidel: Man hat in Dänemark das Konzept einer so genannten Tagespflegestätte entwickelt. Es ist im Vergleich zu Deutschland wie eine Kindertagesstätte organisiert und entlastet damit die Menschen zu Hause. Man kann den Pflegebedürftigen morgens um 6 Uhr von einem Fahrdienst abholen lassen, er wird dann in einer Tagesstätte von professionellem Pflegepersonal versorgt und gegen 19 Uhr wieder nach Hause gebracht. Somit hat man die physisch wie psychisch anstrengende Arbeit der Pflege zu Hause endgültig mal entlastet - eine Thematik, die hier in Deutschland noch gar nicht besprochen wurde.

promenz: Ich weiß, Sie haben nicht alle Heime gesehen, aber ungefähr: In wieviel Prozent herrschen schlechte Verhältnisse?

Markus Breitscheidel: Laut des letzten Prüfberichtes der staatlichen Heimaufsicht, wobei hier alle Überprüfungen vorher angemeldet wurden, herrscht in über 30 Prozent der Heime gefährliche Pflege. Das bedeutet, knapp 200.000 pflegebedürftige Menschen sind tagtäglich unterversorgt.

demaim: Was sollte es Ihrer Meinung nach für Prüfungen und Qualitätskriterien geben, die ein Heim erfüllen muss, bevor es überhaupt öffnen darf?

Markus Breitscheidel: Es gibt bis heute keine Kriterien, die festlegen, welcher Unternehmer ein Heim eröffnen kann oder darf. Es ist also jedem erlaubt, Altenheime zu eröffnen und ein Geschäft mit der Pflegebedürftigkeit zu betreiben. Ich denke, es ist unabdingbar und wichtig, solche Kriterien aufzustellen.

Moderatorin: Wie sollten die aussehen?

Markus Breitscheidel: Ich denke, dass es unbedingt notwendig ist, dass der Heimunternehmer zumindest eine Ausbildung im sozialen Bereich hat und nachweisen kann, in der Pflege mal gearbeitet zu haben. Zudem ist es unabdingbar, auch Kriterien für die Philosophie zum Betreiben eines Heimes zu entwickeln.

Maria: Wer sollte diese Kriterien aufstellen?

Markus Breitscheidel: Es gibt den so genannten Deutschen Pflegerat, der zusammengesetzt ist mit den wenigen Pflegeexperten, die wir in unserem Land haben. Ich denke, dass hier genügend Kompetenz vorliegt, um solche Kriterien aufzustellen.

Pfisterer: Was haben Sie für Erfahrungen gemacht, wie die alten Leute auf die schlechte Pflege reagieren? Nehmen die es zwangsläufig hin oder wehren sich auch manche?

Markus Breitscheidel: Wir haben es heute noch mit pflegebedürftigen alten Menschen zu tun, die noch eine gewisse Obrigkeit anerkennen. Ich habe bei vielen alten Menschen festgestellt, dass sie nicht den Mut haben, ihre Unzufriedenheit gegenüber Menschen in weißen Kitteln zu äußern. Selbst gegenüber Angehörigen sind sie in dem Konflikt, dass sie sich stetig vorwerfen lassen müssen, dass die Pflegekosten monatlich höher sind als eine Hotelunterbringung und man sich mit den Verhältnissen doch zufrieden geben sollte.

Moderatorin: Wir erhalten gerade das Ergebnis unserer Umfrage: 58 Prozent unserer User würden ihre Verwandten nicht in einem Pflegeheim betreuen lassen; 41 Prozent würden es tun. Herr Breitscheidel, wundern Sie diese Zahlen?

Markus Breitscheidel: Ja, diese Zahl 58% wundert mich schon, da ich sehr viele Erhebungen über diese Thematik gelesen habe, die nahezu immer bei 90% lagen. Selbst ein Versuch von mir, auf Altenpflegeschulen zuzugehen und eine Arbeit unter dem Titel "I have a Dream - Wie stelle ich mir die Altenpflege in der Zukunft vor" hat erbracht, dass von 150 Aufsätzen nicht eine der Pflegekräfte das Heim bevorzugt hat. Ergänzend dazu eine Umfrage der Malteser, die ihre Pflegekräfte befragt haben, ob sie sich vorstellen könnten, in einem Heim der Malteser in Zukunft gepflegt zu werden. Hier haben überraschenderweise 75% des Personals es sich nicht vorstellen können.

Ventura: Wie sorgen Sie persönlich vor, dass sie später nicht in ein Heim geraten, wo Sie menschenunwürdig behandelt werden?

Markus Breitscheidel: Es gibt in unserem Land die Möglichkeit, in Form einer Vorsorgevollmacht festzuhalten, wie man sich die eigene Pflege vorstellt. Dies habe ich bereits mit 38 Jahren ausgefüllt und erledigt. Somit ist sichergestellt, dass meine Wünsche dann auch erfüllt werden und ich bis zum Ende meines Lebens ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Maria: Was kann ich jetzt nach diesem Chat aktiv tun, um etwas für die Pflege zu bewegen?

Markus Breitscheidel: Sich ehrenamtlich engagieren, sei es bei einem Besuchsdienst, sei es bei einem Vorlesedienst. Seien sie sich sicher, dass ihr Einsatz unbedingt benötigt wird.

Moderatorin: Das war es auch schon wieder, 60 Minuten tagesschau-Chat sind rum. Vielen Dank, liebe Leser, für Ihr Interesse und für Ihre Fragen. Herr Breitscheidel, möchten Sie noch ein letztes Wort an unsere User richten?

Markus Breitscheidel: Vielen Dank für das Interesse und alles Gute für die Zukunft.

Moderatorin: Vielen Dank auch Ihnen, Herr Breitscheidel! Einen schönen Tag Ihnen und unseren Lesern wünscht Ihnen tagesschau.de! Diesen Chat können Sie in Kürze auf unserer Seite nachlesen - allerdings ausnahmsweise ohne Fotos: Herr Breitscheidel recherchiert derzeit inkognito für sein nächstes Buch. Erscheinen soll es im September 2008.

Markus Breitscheidel

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