Blick am Nachmittag durch einen Brückenbogen in die menschenleere Münzgasse in Dresden | dpa

Null-Covid-Initiativen "Wir müssen diesen Brand jetzt löschen"

Stand: 20.01.2021 04:50 Uhr

Seit November ist das Land im Lockdown und kein Ende ist in Sicht. Verschiedene Initiativen fordern deshalb einen radikalen Schnitt, der auch die Wirtschaft betrifft. Null Infektionen müsse das Ziel sein.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Im vergangenen Frühjahr eroberte eine Parole die Sozialen Netzwerke, dann den breiten öffentlichen Diskurs und verfing schließlich auch in den Köpfen der handelnden Politik: "flatten the curve" - die Kurve abflachen. Kurz darauf kam der erste Lockdown - und hat gewirkt: Nach der ersten Welle sank die Sieben-Tages-Inzidenz auf 2,5 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Jetzt, in der zweiten Welle, reicht "flatten the curve" offenbar nicht mehr. Zumindest ist das die Ansicht der Initiative #ZeroCovid: die Strategie, die Pandemie zu kontrollieren, sei gescheitert. "Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen - es muss Null sein", heißt es auf der Homepage der Initiative. Eine entsprechende Petition haben inzwischen etwa 70.000 Menschen unterschrieben (Stand 19.01.), darunter die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die Autorin Margarete Stokowski, der Sea-Watch-Aktivist Ruben Neugebauer, sowie viele Wissenschaftler und Angestellte aus dem Gesundheitsbereich.

Europaweiter Shutdown der Wirtschaft gefordert

Die zentralen Forderungen der Initiative sind radikal: Ein europaweiter Shutdown aller nicht lebensnotwendiger Bereiche für einige Wochen. Dabei sollen nicht nur die privaten Kontakte auf ein Minimum reduziert werden, sondern auch die am Arbeitsplatz. Also auch Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen und Schulen sollen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden.

"Wir können nicht mehr, wir sind über der Belastungsgrenze", begründet der Altenpflege-Azubi Roman Hergarten sein Engagement in der Initiative im ARD-Morgenmagazin. "Bei mir im Betrieb ist das Virus ausgebrochen, ein Großteil der Bewohner und Mitarbeiter ist infiziert. Das Leid muss jetzt enden." Ziel dürfe nicht ein Inzidenzwert von 50 sein, denn das bedeute immer noch, dass Menschen sich infizieren und sterben werden. Erst, wenn der Wert auf Null sei, könne wieder aufgemacht werden. Auch einen Shutdown von drei Monaten hält er für denkbar, wenn es nötig sei.

Würden zwei bis drei Wochen reichen?

Nicht nur Wirtschaftswissenschaftler warnen jedoch vor einem solch radikalen Einschnitt. "Alle Industriebetriebe, die nicht lebenswichtig sind, für drei Monate runterzufahren, würde der Wirtschaft erheblich schaden", sagt der Konjunkturexperte des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI, Torsten Schmidt im Gespräch mit tagesschau.de. Zwei bis drei Wochen ließen sich seiner Einschätzung nach wohl durchhalten. Aber, ob in einem solch kurzen Zeitraum die Infektionszahlen wirklich so massiv gesenkt werden könnten, dass sich der Einschnitt unterm Strich lohnt, ist nicht klar.

Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr, bei dem auch die Automobilindustrie für einige Wochen den Betrieb eingestellt hatte, habe es einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von knapp zehn Prozent gegeben, so Schmidt. Ein erneuter Wirtschafts-Lockdown würde wohl zahlreiche Insolvenzen von eigentlich gesunden Unternehmen nach sich ziehen. Das gelte es, wenn es irgend geht, zu vermeiden.

Europaweit schwer konsensfähig

Zwar will #ZeroCovid europaweite Solidaritätsabgaben auf hohe Vermögen oder Unternehmensgewinne einführen, um die wirtschaftlichen Folgen aufzufangen. Auch ein breit aufgestelltes soziales Rettungspaket für etwaige Lohnausfälle fordern sie. Schmidt glaubt allerdings nicht, dass sich die Folgen eines sehr langen Wirtschaftslockdown durch solche Maßnahmen ausreichend auffangen ließen.

Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung bezweifelt, dass so eine europaweite Initiative überhaupt konsensfähig wäre. Andere europäische Länder hätten es schließlich auch geschafft, mit weniger harten Maßnahmen die Infektionszahlen deutlich zu senken. Und ein radikaler Shutdown allein in Deutschland würde aus seiner Sicht nichts bringen, weil man sonst die Grenzen schließen und auf längere Sicht geschlossen halten müsste.

Brinkmann: "Shutdown der Wirtschaft nicht nötig"

Das produzierende Gewerbe, also Industrie und Bauwirtschaft, habe einen Anteil an der Bruttowertschöpfung von mehr als 200 Milliarden Euro im Jahr, etwa 30 Prozent der Wirtschaftsleistung, sagt Dullien im Gespräch mit tagesschau.de. "Wenn man zusätzlich zu den bereits geschlossenen Branchen, diese auch noch für sechs Wochen schließen würde, wäre der Einbruch deutlich größer als im vergangenen Frühjahr." Momentan sei das Land hingegen wirtschaftlich in einer Position, von der man sich gut wieder erholen könne, prognostiziert Dullien. Und RWI-Experte Schmidt geht davon aus, dass die derzeitigen wirtschaftlichen Einschränkungen noch eine längere Zeit verkraftbar wären.

Aus epidemischer Sicht sei ein radikaler Shutdown der Wirtschaft auch gar nicht notwendig, findet die Virologin Melanie Brinkmann, vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Sie ist eine von 13 renommierten Wissenschaftlern, die unmittelbar vor den Bund-Länder-Gesprächen ebenfalls eine No-Covid-Strategie gefordert haben. Zwar streben auch die Wissenschaftler das Ziel von Null Infektionen an, allerdings könne man das auch anders erreichen, beispielsweise durch wirklich wirksame Hygienekonzepte und gute Teststrategien in Unternehmen. Ein komplettes Herunterfahren der Wirtschaft wollen sie ausdrücklich nicht.

Ansporn und klare Zielmarke

Es brauche effizientere Maßnahmen als bisher: "Jeder unnötige Gang zur Arbeit muss vermieden werden, jeder, der kann, muss ins Homeoffice, in Büros darf nur einer sitzen, Kantinen müssen geschlossen bleiben", skizziert Brinkmann. Das Ziel von 50 Neuinfektionen sei viel zu hoch, "so werden wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen, erst recht nicht nach dem Auftauchen von noch ansteckenderen Mutationen." Viel zu schnell breite sich das Virus dann aus, ohne dass man es noch stoppen könne.

"Wir müssen diesen Brand jetzt löschen. Nur, wenn man auf null Infektionen kommt, kann man diesen ewigen Zyklus von immer neuen Verschärfungen mit ungewissem Ende durchbrechen", sagt Brinkmann im Gespräch mit tagesschau.de. Wichtig ist ihr dabei vor allem ein positiver Ansporn, durch eine klare Zielmarke, die auch funktioniert. Überall, wo das Ziel von null Infektionen erreicht ist, kann es "Grüne Zonen" geben, schlagen die Wissenschaftler vor. Dort könnten die Menschen "zur Normalität zurückkehren".

Es sei wichtig, wieder eine positive Dynamik in die Bevölkerung zu bekommen, sagt Brinkmann. "Besser wir feiern, in einer grünen Zone zu sein und versuchen die auch zu halten, anstatt immer wieder von der Politik Fristen gesetzt zu bekommen, die dann doch nicht eingehalten werden. Ohne diese "No-Covid-Strategie" würde das Land noch das gesamte Jahr im Lockdown verbringen, fürchtet sie.

Über dieses Thema berichtete der NDR Info-Podcast am 20. Januar 2021 um 12:44 Uhr.