Spahn und Merkel bei der Pressekonferenz zum Coronavirus | OMER MESSINGER/EPA-EFE/Shutterst

Inzidenzwerte Aufstieg und Fall der Zahl 50

Stand: 13.02.2021 03:09 Uhr

Zahlen spielen im Kampf gegen Corona eine zentrale Rolle - vor allem die 50. So waren 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche lange das erklärte Ziel der Regierung. Warum eigentlich? Und warum ändert sich das gerade?

Von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

Unter allen Zahlen der Pandemie war sie in Deutschland monatelang der Star: Die 50. Sie ist die zentrale Zielmarke der Bundeskanzlerin im Kampf gegen Corona. 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche, das ist sowas wie Merkels Mindeststandard. Erst wenn Deutschland insgesamt darunter liegt, sollten Öffnungen aus ihrer Sicht wieder möglich werden.

Marcel Heberlein ARD-Hauptstadtstudio

"Wir haben uns auf diese Zahl von 50 in Deutschland fixiert", sagte dieser Tage im Bundestag FDP-Chef Christian Lindner. Doch er meinte das - wie viele andere vor und nach ihm auch - nicht als Lob für die Kanzlerin. Die nimmt die Kritik an ihrer Zielmarke durchaus wahr: "Da wird dann gesagt: 'Ja, die ist ja frei erfunden'."

Was so nicht ganz stimmt. Aber auch nicht völlig falsch ist. Denn: der Aufstieg der Zahl 50 war nie wissenschaftlich fundiert, die Politik hat ihr zu Ruhm und Ehre verholfen. Bundesregierung und Bundesländer haben die 50 festgelegt. Die haben aber nicht gewürfelt, sondern berechnen lassen, "was könnte die mittlere Leistungsfähigkeit eines Gesundheitsamtes sein, damit man die Kontakte nachvollzieht", so erklärte es die Kanzlerin. "Daraus entsteht die 50. Nicht aus irgendeiner wissenschaftlichen Grundlage."

Gesundheitsämter sollen Kontakte nachverfolgen können

Ab einer Inzidenz von 50 soll ein Gesundheitsamt wieder Kontakte nachverfolgen können. Manche schaffen auch mehr, manche sind bei weniger schon überfordert. Aber 50 sollte eben ein Durchschnitt sein - eine runde Zahl, eine solide Sache. Und endlich, nach Wochen des Lockdowns, gehen die Infektionen zurück. Und auch die Kanzlerin erkennt mit einer Spur Zufriedenheit, "dass die 50er-Inzidenz, die ja für uns schon eine gewisse Bedeutung hat, durchaus in Reich- oder Sichtweite ist."

Friseure sollen deshalb ab März wieder öffnen dürfen und viele Schulen wohl auch. Die 50 kommt. Aber je näher sie kommt, desto mehr distanziert die Spitze der Politik sich von ihr: "Wir haben die Perspektive mit der Zahl 35 entwickelt", erklärte nach der letzten Entscheidungsrunde Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Jetzt also 35. Die Begründung: "Das ist im Grunde genommen eine vorsichtige Benchmark ob der Mutation."

Die 35 könnte die neue 50 werden

Was wohl heißen soll: Weil die neuen Mutationen noch ansteckender sind als das bisherige Virus, kann es mit den Zahlen noch schneller wieder weit nach oben gehen. Deshalb sollen etwa Geschäfte und Museen erst bei einer Inzidenz von unter 35 wieder öffnen dürfen. Ein Sicherheitspuffer, damit man nach dem Öffnen nicht gleich wieder schließen muss. Ist die 35 also der neue Star am Zahlenhimmel?

"Unstrittig ist, bei unter zehn können sie die Kontakte super nachverfolgen", sagte die Kanzlerin schon im Januar. Wobei Merkel auch weiß: "Leichter im Griff zu halten ist es selbstverständlich unter zehn. Aber wir sind nicht nur für die Frage der Epidemiologie verantwortlich, sondern auch für die Frage: Wie lange können wir noch welche Einschränkungen rechtfertigen?"

Und so ist die große Zeit der 50 wohl vorbei. Die zehn könnte zu ehrgeizig sein. Gute Chancen also für die 35 auf eine große politische Karriere.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Februar 2021 um 09:30 Uhr.