Boris Zabarko | Tim Diekmann SWR

Holocaust-Überlebender Zabarko "Wir retten uns vom Tod ins Leben"

Stand: 13.04.2022 10:05 Uhr

Boris Zabarko entkam als Kind dem Terror der Nazis. Die Erinnerung an die Judenverfolgung ist seine Lebensaufgabe. Jetzt ist der 86-jährige Historiker wegen des Kriegs in der Ukraine nach Deutschland geflohen.

Von Tim Diekmann und Werner Trefz, SWR

Als Boris Zabarko Ende März seine Wohnungstür in Kiew abschließt, liegen sein Laptop und das Manuskript für ein neues Buch noch auf seinem Schreibtisch. Doch als die Angriffe der russischen Armee immer näher an die ukrainische Hauptstadt rücken, muss es schnell gehen.

"Bis zuletzt habe ich gesagt, dass es unmöglich einen großen Krieg zwischen Russland und Ukraine geben wird", sagt der 86-jährige Historiker und bezeichnet seine Einschätzung inzwischen selbst als "großen Fehler". Das Land will er zunächst trotzdem nicht verlassen. Erst seine Tochter kann ihn umstimmen: "Meine Tochter hat gesagt: 'Opa, du musst deine Enkelin retten.'"

Erinnern als Lebensaufgabe

Schon einmal hat Zabarko seine Heimat verloren. In den 1940er-Jahren waren es die Nationalsozialisten, die rund um Scharhorod, im Südwesten der Ukraine, ein Ghetto errichteten. "Es gab keinen Zaun, keine Mauer. Aber wer sich nach 18 Uhr auf der Straße blicken ließ, wurde von den rumänischen Wachposten mit Knüppeln geschlagen", erinnert sich Zabarko in einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen" im Jahr 2008.

1,5 Millionen Juden sind im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine getötet worden. Er hat überlebt. Die Erinnerungen an damals verfolgen Zabarko nun wieder öfter. Mit dem Zug ist er aus Kiew geflohen: "Wir haben keinen Platz bekommen und mussten zehn Stunden im Korridor verbringen. In dieser Nacht habe ich mich daran erinnert, was ich in den Berichten von damals gelesen habe."

Die Erinnerung an die Judenverfolgung in der Ukraine ist Zabarkos Lebensaufgabe. Seit dem Ende der Sowjetunion hat er mehr als 200 Werke dazu veröffentlicht und erhielt für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz. Nach vielen Stunden in überfüllten Zügen und auf kalten Bahnsteigen, nach Zwischenstationen in Uschgorod und Budapest, kommen Boris Zabarko, seine Tochter und seine Enkelin bei Verwandten in Stuttgart unter. "Wir retten uns vom Tod ins Leben", kommentiert Zabarko seine Flucht.

"Mein Herz blutet"

Boris Zabarko hätte wohl nicht damit gerechnet, in seinem Leben gleich zweimal solche extremen Kriegserfahrungen machen zu müssen. Dass es nun ausgerechnet die Retter von damals sind, die den alten Mann zur Flucht zwingen, erschüttert ihn: "Das ist eine Katastrophe. Als Kinder haben wir die Shoa überlebt. Mein Vater ist im Krieg gefallen. Mein Onkel starb bei der Befreiung Budapests. Für unsere Menschen in der Ukraine und besonders für die Juden ist das das Schrecklichste in unserem Leben gewesen. Und jetzt am Ende unseres Lebens noch einmal ein großer Krieg - das ist paradox", erzählt Zabarko dem SWR.

Es werde Krieg zwischen Menschen geführt, die lange zusammengelebt hätten. Die Bilder im Fernsehen und den Zeitungen sind für Zabarko schwer zu ertragen. Dem großgewachsenen Mann, dem man sein hohes Alter kaum ansieht, bricht die Stimme: "Das, was Putin macht und was wir in Butscha, Charkiw und anderswo gesehen haben, das ist schrecklich. Mein Herz blutet."

Boris Zabarko und der Rabbiner Yehuda Pushkin | Tim Diekmann SWR

Zabarko will in Stuttgart Fuß fassen. Hier bleiben will er aber nicht. Bild: Tim Diekmann SWR

Gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde in Stuttgart versucht Zabarko nun, Fuß in Deutschland zu fassen. Die Deutschen seien 80 Jahre nach dem Krieg andere Deutsche, betont er. Deutsche, mit denen er bereits sehr gut zusammengearbeitet habe.

Seinen Lebensabend möchte Boris Zabarko aber nicht in Deutschland verbringen. "Ich hoffe, es kommt die Zeit, in der ich wieder nach Hause kann." Denn auf seinem Schreibtisch in Kiew wartet schließlich das Manuskript für sein neues Buch. Es soll sein letztes sein.