Blumen und Kerzen in der Nähe des Tatortes in Würzburg | dpa

Tödlicher Angriff in Würzburg Gedenken und weiterhin offene Fragen

Stand: 27.06.2021 08:27 Uhr

In Würzburg soll heute bei einer Trauerfeier der Opfer der Messerattacke gedacht werden. Die Hintergründe der Tat bleiben weiter unklar. Ermittler werten derzeit ein Handy aus, das in der Unterkunft des Angreifers entdeckt wurde.

Nach der tödlichen Messerattacke von Würzburg soll heute der Opfer des Angriffs gedacht werden. Dafür wird es am Nachmittag im Kiliansdom der Stadt eine Gedenkfeier geben. Neben dem katholischen Würzburger Bischof Franz Jung wollen auch Vertreter weiterer Religionen und der Öffentlichkeit teilnehmen, wie Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) mitteilte.

Gegen den mutmaßlichen Täter war gestern Haftbefehl erlassen worden. Er hatte am Freitag drei Frauen getötet und mindestens sechs Menschen schwer und einen leicht verletzt. Der Mann hält sich laut Staatsanwaltschaft im Zuge eines Asylverfahrens legal in Deutschland auf. Er wurde bei seiner Festnahme durch einen gezielten Schuss am Oberschenkel verletzt.

Hintergründe weiter unklar

Bei der Suche nach einem Motiv wurden die Ermittler noch nicht endgültig fündig. Unklar sei, inwiefern die Psyche des 24 Jahre alten Somaliers eine Rolle gespielt habe und inwiefern islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen hätten, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Samstag.

Die Beamten gingen weiter davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Von den mindestens fünf Schwerverletzten des Messerangriffs kämpfen nach Herrmanns Angaben immer noch mehrere um ihr Leben. Er hoffe, dass sie genesen könnten.

Ermittler werten derzeit ein Handy aus, das in jener Würzburger Obdachlosenunterkunft entdeckt worden war, wo der Angreifer wohnt. "Die Auswertungen dauern einfach, erfahrungsgemäß mehrere Tage", sagte ein Beamter der Nachrichtenagentur dpa. "Das muss jetzt alles übersetzt und bewertet werden."

Verdächtiger verhaltensauffällig

Der unterfränkische Polizeipräsident Gerhard Kallert schilderte auf der Pressekonferenz, dass der Täter die Tatwaffe in der Haushaltswarenabteilung eines Kaufhauses genommen und mit dem Messer unmittelbar auf eine Verkäuferin eingestochen habe, die ihren Verletzungen erlag. Auch die zwei weiteren Todesopfer waren Frauen, die der Mann in dem Kaufhaus attackierte.

Der Festgenommene ist nach Angaben der Polizei somalischer Staatsangehöriger. Er sei in der jüngsten Vergangenheit unter anderem wegen eines Angriffs auf Mitbewohner aufgefallen, sagte der Bamberger Generalstaatsanwalt Wolfgang Gründler, und vorübergehend in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden. Der Somalier lebe seit 2015 in Deutschland, genieße subsidiären Schutz im Rahmen eines Asylverfahrens und halte sich somit legal im Land auf.

Georg Mascolo | picture alliance / SvenSimon
Einschätzung des ARD-Terrorismusexperten Georg Mascolo

Die Pressekonferenz hat es deutlich gemacht: Die Suche nach dem Motiv für die Bluttat in Würzburg ist schwierig. Bereits seit Jahren beobachten Ermittler nicht nur in Deutschland, dass die Grenzen zwischen klar terroristisch motivierten Taten und psychisch auffälligen Tätern bisweilen schwer zu ziehen sind. Manche Mörder laden ihre Tat mit einer vermeintlich größeren politischen oder religiösen Bedeutung auf - auch in der Hoffnung auf größtmögliche Resonanz und öffentliche Beachtung.

Die Frage nach dem Motiv so gut es denn geht zu klären, ist entscheidend: Nur die genaue Aufklärung liefert mögliche Antworten wie sich künftige Taten verhindern lassen.

Angesichts der schweren und bisweilen auch unmöglichen Abgrenzung zwischen Terror und Wahn hat der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul deshalb gerade erst auf der Innenministerkonferenz in der vergangenen Woche ein neues Konzept vorgestellt. Ziel ist es durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Polizei und Gesundheitsbehörden potentielle Attentäter mit psychischen Auffälligkeiten früh zu identifizieren - und an der Tat zu hindern.

Haftbefehl erlassen

Der Haftbefehl laute auf dreifachen Mord und sechsfachen versuchten Mord, sagte der Pflichtverteidiger des Verdächtigen, Hanjo Schrepfer. Sein Mandant sei trotz des Beinschusses haftfähig. Nach Gesprächen mit dem 24-Jährigen könne er bisher kein islamistisches Motiv erkennen. Laut Zeugenangaben soll der 24-Jährige während der Tat "Allahu Akbar" gerufen haben.

Markus Söder äußert sich zur Messerattacke in der Würzburger Innenstadt.

Ministerpräsident Söder sprach von "schockierenden Ereignissen" und ordnete Trauerbeflaggung für den Freistaat an.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ordnete eine landesweite Trauerbeflaggung an. Wie die Staatskanzlei in München mitteilte, gilt sie bis einschließlich Montag für alle staatlichen Dienstgebäude in Bayern. Die Gemeinden, Landkreise und Bezirke werden demnach gebeten, in gleicher Weise zu verfahren. "Die Tat von Würzburg ist unfassbar und schockierend", erklärte Söder. "Bayern zeigt Solidarität. Wir trauern mit den Angehörigen der Opfer und bangen mit den Verletzten."

Bestürzt über die Tat äußerte sich auch die Bundesregierung. "Die Ermittlungen werden ergeben, was den Amokläufer von Würzburg antrieb", schrieb der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert auf Twitter. "Sicher ist: Seine entsetzliche Tat richtet sich gegen jede Menschlichkeit und jede Religion."

"Entsetzliche Gewalttat"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einer "entsetzlichen Gewalttat". Der Täter habe äußerst brutal gehandelt. Dafür werde er durch den Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte, er habe Bayern "jegliche Unterstützung zugesagt". Die Sicherheitskräfte täten alles, um eine schnelle Aufklärung der Hintergründe zu unterstützen. Auch Seehofer zeigte sich "tief erschüttert" von der Tat. "Nach allem was wir wissen, ist es dem couragierten Eingreifen mutiger Männer und Frauen in Würzburg und dem entschlossenen Handeln der Polizei zu verdanken, dass noch Schlimmeres verhindert wurde", erklärte er. "Dieser selbstlose Einsatz verdient höchste Anerkennung."

Über dieses Thema berichteten am 27. Juni 2021 tagesschau24 um 09:00 Uhr und die tagesschau um 10:00 Uhr.