Christian Schuchardt, Ilse Aigner, Joachim Herrmann und Markus Söder nehmen an einem Gedenkgottesdienst im Kiliansdom in Würzburg teil.

Gedenkgottesdienst in Würzburg "Gelähmt und erschüttert vor Entsetzen"

Stand: 27.06.2021 17:05 Uhr

Mit einer Trauerfeier im Würzburger Kiliansdom hat die Stadt der Opfer der Messerattacke am Freitag gedacht. Oberbürgermeister Schuchardt würdigte den Einsatz der Passanten, die sich dem Täter entgegengestellt hatten.

Mit einem Gottesdienst im Kiliansdom wurde heute den Opfern der Gewalttat in Würzburg gedacht. In einer Ansprache zu Beginn der Trauerfreier sagte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt: "Die Trauer um die verlorenen Menschen wird niemals enden." An die Angehörigen gewandt fügte er hinzu: "Wir sind für Sie da, egal, was Sie brauchen."

Am Abend der Gewalttat sei er selbst "gelähmt und erschüttert vor Entsetzen" gewesen, so der CDU-Politiker. "Ich habe auch geweint um die Opfer und die Angehörigen. Um die Menschen, die an einem friedlichen und schönen Sommerabend jäh überfallen wurden, überrascht wurden und mit einer Stichwaffe getötet oder verletzt wurden."

Am Freitag hatte ein Mann am Barbarossaplatz in der Würzburger Innenstadt drei Frauen erstochen und sieben Menschen verletzt, fünf davon lebensgefährlich. Der 24-jährige somalische Flüchtling wurde von der Polizei angeschossen und festgenommen.

"Schubladendenken muss ein Ende haben"

Das Gewaltverbrechen habe die Menschen bis ins Mark erschüttert, sagte Würzburgs Bischof Franz Jung. Oberbürgermeister Schuchardt erinnerte in seiner Ansprache an die Passanten, "Menschen mit Zivilcourage, die sich unter Gefahr für ihren Leib und ihr Leben dem Täter entgegengeworfen haben". Sie hätten unabgesprochen und spontan gemeinsam gehandelt.

Mit Blick auf die Herkunft des Täters mahnte Schuchardt, die Verbrechen Einzelner dürften niemals auf Bevölkerungsgruppen, Religionen, Staatsangehörigkeiten zurückgeführt werden. "Dieses Schubladendenken muss ein Ende haben."

Zum Gedenkgottesdienst waren neben Angehörigen der Opfer und Einsatzkräften zahlreiche Vertreter der Politik und des öffentliches Lebens geladen. Darunter waren Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) und der Präsident der Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

"Dieses unfassbare, völlige Unverständnis"

Zuvor hatten Söder und Schuchardt einen Kranz am Tatort niedergelegt. "Es bleibt dieses unfassbare, dieses völlige Unverständnis, warum jemand sowas macht", sagte der Ministerpräsident. "Das sind die Momente im Leben, wo Rechtsstaat, Gesellschaft, Religion an ihre absoluten Grenzen stoßen." Der Freitag sei ein schlimmer Tag für Würzburg und Bayern gewesen.

Ilse Aigner, Joachim Herrmann und Markus Söder gedenken in der Innenstadt der Opfer einer Messerattacke.

Ilse Aigner, Joachim Herrmann und Markus Söder gedenken in der Innenstadt den Opfern.

Im Rahmen des Gottesdienstes bezeichnete Söder den Angriff als "sinnloses, brutales, verstörendes Verbrechen". Alles sei seit Freitag anders. Der CSU-Politiker warnte davor, diese "hasserfüllte Tat" mit Hass oder Rache zu beantworten. Er mahnte, keinen Klischees oder Vorverurteilungen zu folgen. Diese würden den Opfern und Angehörigen nicht helfen, sondern nur noch weitere Wunden reißen. Der Täter habe zwar einen Migrationshintergrund, aber es hätten eben "auch Bürger mit Migrationshintergrund geholfen", den Täter aufzuhalten: "Gut und Böse sind keine Frage von Religion oder Nationalität, sondern sie sind häufig nicht zu erklären."

Ermittlungen gehen weiter

Nach der Gewalttat sind die Ermittler weiterhin mit Spurenauswertung und Zeugenbefragungen beschäftigt. Ziel sei es, den genauen Tatablauf zu rekonstruieren und das Motiv des Angreifers herauszufinden, sagte ein Polizeisprecher.

Das bayerische Landeskriminalamt leitet in Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen. So untersuchen die Beamten ein Handy, das in jener Würzburger Obdachlosenunterkunft entdeckt worden war, wo der Angreifer wohnt. "Die Auswertungen dauern erfahrungsgemäß mehrere Tage", sagte ein Beamter. "Das muss jetzt alles übersetzt und bewertet werden."

Motiv noch unklar

Die Ermittler gehen zum einen dem Verdacht nach, der Täter könnte psychisch krank sein. Zum anderen könnte eine extremistische Einstellung für den Messerangriff des Mannes in der Innenstadt mitverantwortlich gewesen sein. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Der Haftbefehl laute auf dreifachen Mord und sechsfachen versuchten Mord, sagte der Pflichtverteidiger Hanjo Schrepfer. Er hält es für möglich, dass sich sein Mandant in der Untersuchungshaft etwas antun könnte. "Was ich feststelle, ist, dass er psychisch auffällig ist", sagte Verteidiger Schrepfer der Nachrichtenagentur dpa. Die Ermittler teilten mit, die zuständige Justizvollzugsanstalt sei über eine mögliche Selbstgefährdung informiert.

Täter war bereits in psychiatrischer Behandlung

Bei der Einordnung der Gewalttat hatte Landesinnenminister Joachim Herrmann eine islamistische Motivation nicht ausgeschlossen: "Es gibt jedenfalls Indizien dafür, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte", sagte er. Ein Zeuge gab ihm zufolge an, der Verdächtige habe bei der Tat "Allahu Akbar" (deutsch: Gott ist groß) gerufen. Dschihadisten und Salafisten benutzen diesen Ausdruck oft wie einen Schlachtruf.

Der mutmaßliche Täter ist nach Angaben der Polizei somalischer Staatsangehöriger. Er hält sich laut Staatsanwaltschaft im Zuge eines Asylverfahrens legal in Deutschland auf. Der Mann befand sich wegen Gewalttaten bereits in psychiatrischer Behandlung.

Die Polizei machte außerdem genauere Angaben zu den Opfern. Demnach erstach der Täter in einem Kaufhaus drei Frauen im Alter von 82, 49 und 24 Jahren mit einem Küchenmesser. Nach der Tat verletzte er noch mehrere Personen teils schwer, darunter drei Frauen im Alter von 39, 52 und 73 Jahren sowie ein 11-jähriges Mädchen und einen 16-Jährigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Juni 2021 um 10:00 Uhr und um 12:00 Uhr.