Zelte von Wohnungslosen im Berliner Tiergarten | Bildquelle: dpa

Wohnungslosigkeit in Deutschland Verdrängungswettbewerb ganz unten

Stand: 14.11.2017 17:35 Uhr

Geronimo ist 23, er schläft in Hausfluren und Kellern. So wie er hatten 2016 geschätzt 860.000 Menschen in Deutschland keine feste Wohnung - ein dramatischer Anstieg seit 2014. Die Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sieht die Schuld bei der Politik.

Von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

Die Zahl der wohnungslosen Menschen hat in Deutschland in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hatten im vergangenen Jahr 860.000 Menschen keine eigene Wohnung. Auch die Zahl der Menschen, die auf der Straße schlafen, hat deutlich zugenommen.

Geronimo ist einer von ihnen. Wo er schäft? "Hausflure, Keller, manchmal in Notunterkünften. Aber hauptsächlich in Hausfluren und Kellern. Weil ich da meine Ruhe habe."

Geronimo ist 23 Jahre alt. Für ein paar Cent bettelt er in der Berliner S-Bahn. Als Jugendlicher war er im Heim, seit fünf Jahren lebt er auf der Straße. Erst auf Mallorca, sagt er und streicht sich durch den strubbeligen blonden Bart. Jetzt in Berlin. "Mallorca im Winter ist auch kalt", sagt er. "Und hier ist es kalt, Schnee, Wind."

"Die Einrichtungen sind voll"

So wie Geronimo geht es immer mehr Menschen in Deutschland. Mehr als 50.000 sind obdachlos, schätzt der Bundesverband Wohnungslosenhilfe - Tendenz steigend. Etwa die Hälfte von ihnen kommen demnach aus Osteuropa, sie leben vor allem in großen Städten wie Bremen, Leipzig oder Berlin. Das zentrale Problem: Billigen Wohnraum gibt es kaum. "Die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sind voll", sagt Werena Rosenke von der Wohnungslosenhilfe. "Die Leute sitzen da fest, weil es den preiswerten Wohnraum eben nicht gibt. Und wenn Menschen noch enger zusammenrücken müssen, kann eine neue Spannung entstehen."

Verdrängungswettbewerb ganz unten. Obdachlose, vor allem Zuwanderer aus Osteuropa, bauen inzwischen Zeltstätten in öffentlichen Parks, um zu überleben - wie vor Kurzem im Berliner Tiergarten. Der Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, Thomas Specht, sieht das nur als logische Folge einer schlechten Wohnungspolitik. "Wenn man die räumt, dann mag das ordnungspolitisch vielleicht sogar verständlich sein", sagt er. "Aber es ist natürlich eine Reaktion auf fehlende Unterkünfte. Deshalb ist diese Politik insgesamt so zu bewerten, dass sie das Problem verschiebt, nicht löst und unangemessen ist - und in großen Teilen rechtswidrig."

Obdachlose haben in Berlin unter der Oberbaumbrücke bei eisiger Kälte ihr Zeltlager errichtet. | Bildquelle: dpa
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Unter den eisigen Temperaturen haben besonders obdachlose Menschen zu leiden. In einigen Bundesländern können sich Wohnungslose in Bussen der Verkehrsbetriebe aufwärmen.

Keine offiziellen Zahlen - politisch gewollt?

Mehr als eine Million Menschen, schätzt die Wohnungslosenhilfe, werden im kommenden Jahr ohne eigene Wohnung sein. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl um 150 Prozent gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass weiterhin viele geflüchtete Menschen keine eigene Wohnung abbekommen, obwohl sie als Flüchtlinge anerkannt sind. Die meisten werden weiterhin in Flüchtlingsheimen geduldet.

Offizielle Zahlen zu Wohnungslosigkeit gibt es keine, auch nicht für einzelne Bundesländer, abgesehen von Nordrhein-Westfalen. Specht erkennt darin durchaus Absicht. 2011 habe man mit der damaligen Regierung darüber gesprochen, warum es eine solche Wohnungslosenstatistik in Deutschland nicht gebe. "Da hieß es: Wenn der Bund die veröffentlicht, dann würden die Leute ja denken, dass der Bund auch dafür zuständig wäre, die Wohnungslosigkeit zu beseitigen."

Aktuell schiebe die Bundesregierung die Verantwortung ab auf die Kommunen. Eigentlich sei das Thema aber eine Gemeinschaftsaufgabe. "Es ist schon ein Interesse bei der Politik, die Augen zu verschließen vor dem Ausmaß der Problematik." Die Wohnungslosenhilfe fordert deshalb einen nationalen Aktionsplan, mehr sozialen Wohnungsbau und mehr Hilfe für Menschen, die kurz davor sind, ihre Wohnung zu verlieren.

Mehr Schlafsäcke, mehr warmes Essen

Mehr Hilfe wünscht sich auch Geronimo. Mehr Sozialarbeiter fände er wichtig, obwohl er bisher mit keinem länger gearbeitet hat. Dazu mehr Schlafsäcke. Und mehr warmes Essen auf der Straße. "Da wird zu wenig angeboten", sagt er. "Gerade an Bahnhöfen. Viele Obdachlose sind an Bahnhöfen. Die haben gar keinen Bock, irgendwo hinzufahren, oder können gar nicht, weil sie kaputt sind. Kaputte Füße, kaputte Beine, stinkende Beine, da gibt es ja viele. Die können einfach nicht. Die können nicht irgendwo hin."

Wohnungslosigkeit in Deutschland
M. Heberlein, ARD Berlin
14.11.2017 15:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 14. November 2017 Inforadio um 16:05 Uhr und Deutschlandfunk um 19:00 Uhr.

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