Janine Wissler | dpa

Nach Hennig-Wellsow-Rücktritt Wissler will Linke alleine weiterführen

Stand: 21.04.2022 03:52 Uhr

Die Linke steht nach dem Rücktritt von Hennig-Wellsow vor einem Scherbenhaufen. Co-Chefin Wissler will vorerst im Amt bleiben. Doch auch sie steht unter großem Druck. Der Vorstand entschuldigte sich bei Opfern sexualisierter Gewalt.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Co-Chefin Susanne Hennig-Wellsow will die Linken-Vorsitzende Janine Wissler die Partei bis auf Weiteres alleine weiterführen. Das teilte ein Parteisprecher nach den Krisenberatungen des Bundesvorstands am späten Abend mit. Wissler sei einer entsprechenden Bitte des Bundesvorstands am Abend nachgekommen.

Der Parteivorstand dankte Hennig-Wellsow für ihre Arbeit, wie der Sprecher erklärte. Sie hatte am Mittwoch nur ein Jahr und zwei Monate nach dem gemeinsamen Amtsantritt ihren sofortigen Rücktritt erklärt. Sie begründete ihren Schritt mit unerfüllten Erwartungen bei der Erneuerung der Partei, dem Umgang ihrer Partei mit Sexismus in den eigenen Reihen, aber auch mit persönlichen Anliegen. Ob die Parteispitze eventuell vorzeitig neu gewählt werden soll, blieb zunächst offen.

Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler hatte am Nachmittag getwittert, er wolle vorschagen, dass die Linke auf ihrem Parteitag im Juni einen neuen Vorstand wähle. Diese Frage wolle die Partei in den kommenden Tagen klären, sagte der Parteisprecher am späten Abend.

Entschuldigung bei Opfern sexueller Übergriffe

Der Bundesvorstand der Partei hatte am Abend lange über den für viele unerwarteten Rücktritt Hennig-Wellsows beraten. Im Fokus der digitalen Krisenschalte, die bereits vor dem Rücktritt der Co-Chefin angesetzt worden war, stand auch der Umgang mit Verdachtsfällen zu sexuellen Übergriffen innerhalb der Partei. Zur Aufarbeitung der bislang bekannt gewordenen Verdachtsfälle wolle die Partei externe Berater einsetzen, teilte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur mit.

Gleichzeitig entschuldige sich der Bundesvorstand der Linken für sexualisierte Übergriffe in der Partei. Die Partei müsse ein Raum sein, in dem sich alle Mitglieder "ohne Angst, sexistisch behandelt, beleidigt oder gar mit Gewalt bedroht zu werden", engagieren können, teilte der Vorstand am Abend mit. Er beschloss zudem "einstimmig" eine Handlungsstrategie.

Die Partei sieht sich derzeit mit Vorwürfen konfrontiert, die die hessische Linke betreffen. Der "Spiegel" hatte berichtet, dort sei es über Jahre hinweg zu sexualisierten Übergriffen gekommen. Zu den Beschuldigten soll demnach auch der ehemalige Lebensgefährte von Co-Parteichefin Janine Wissler gehört haben.

Vorwürfe auch gegen Wissler

Der Parteivorstand habe in seiner knapp dreistündigen digitalen Sitzung einstimmig einen entsprechenden Antrag mit dem Titel "Solidarität mit Betroffenen und konsequentes Handeln gegen Sexismus, Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt" verabschiedet. Der Parteivorstand hoffe, Betroffenen auf diese Weise künftig eine sichere Anlaufstelle bieten zu können, hieß es.

Parteichefin Wissler war im Zusammenhang mit den Verdachtsfällen vorgeworfen worden, als ehemalige Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag nicht rechtzeitig genug zur Aufarbeitung unternommen zu haben. Nach dem Rückzug Hennig-Wellsows und der Kritik am Umgang mit Sexismus war zunächst unklar geblieben, ob Wissler im Amt bleiben würde. Hennig-Wellsow und Wissler hatten am 27. Februar 2021 das langjährige Führungsduo Katja Kipping und Bernd Riexinger abgelöst, die auf eine weitere Amtszeit als Parteivorsitzende verzichtet hatten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. April 2022 um 08:00 Uhr.