FDP-Chef Christian Lindner stellt den neuen Generalsekretär seiner Partei, Volker Wissing, vor. | Bildquelle: dpa

Künftiger FDP-Generalsekretär Wissing Der Mann, der Lindner größer machen soll

Stand: 22.08.2020 13:58 Uhr

Manchmal wirkt er vielleicht etwas spröde, doch auf dem designierten Generalsekretär Wissing ruhen viele Hoffnungen in der FDP - auch mit Blick auf Parteichef Lindner.

Von Georg Link, ARD-Hauptstadtstudio

"Allein, dass Volker Wissing manche Verirrungen von Christian Lindner nicht mitmacht, bringt uns ein bis zwei Prozent mehr bei den Wahlen." Diese Aussage eines nicht unbedeutenden Freien Demokraten, der nicht genannt werden will, bringt auf den Punkt, wie wichtig der designierte Generalsekretär Wissing parteiintern eingeschätzt wird - und wie sehr der Vorsitzende selbst unter Druck steht. An der Seite von Wissing soll Lindner wachsen. Normalerweise wäre es umgekehrt.

Um mehr Unterstützung und Hilfe hat Lindner gebeten, als er den Wechsel von Linda Teuteberg zu Wissing vorstellte. Lindner sei gottfroh, wenn sich andere um Inhalte kümmerten, heißt es etwas spitz in der Partei, und er müsse sich jetzt "neu erfinden". Ein Teamplayer sei er noch nie gewesen.

Das neue Motto Lindners: Statt dem "Besser nicht als schlecht regieren", mit dem er dereinst die Verhandlungen mit Union und Grünen beendete, heißt es nun ganz offiziell von ihm: "Besser regieren als nicht regieren."

FDP-Chef Christian Lindner auf einer Pressekonferenz Ende Juni 2020. | Bildquelle: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstoc
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Er bat um mehr Unterstützung, als er den Wechsel von Teuteberg zu Wissing vorstellte: FDP-Chef Lindner steht unter Druck.

Integrative Fähigkeiten

Und kein anderer verkörpert dieses Motto besser als Wissing: Der 50-jährige Pfälzer hat die FDP Rheinland-Pfalz aus der außerparlamentarischen Opposition 2016 in eine überraschend gut funktionierende Ampelkoalition mit SPD und Grünen geführt. Das war damals beileibe kein Selbstläufer, es gab starke Widerstände in einer Partei, die unter Wissings Vorgänger Rainer Brüderle auf einem strikt Anti-Grünen-Kurs war - frei nach einem seiner geliebten Sprüche wie: "Lieber ein Haus im Grünen als einen Grünen im Haus." Oder, wie es der rheinland-pfälzische Ex-Wirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage passend zu den damaligen Koalitionsverhandlungen Wissing ins Stammbuch schrieb: Die FDP und die Grünen verbinde "nichts!"

Wissing aber verfolgt seine Ziele beharrlich. Er ließ seine guten Kontakte zur Grünen-Politikerin Ulrike Höfken aus der gemeinsamen Zeit im Deutschen Bundestag spielen und war bereit, auch die migrationspolitischen Anschauungen in einem Koalitionsvertrag mitzutragen, die er im Wahlkampf noch bekämpft hatte. Vor der Wahl ein abgrenzendes Angebot, hinterher aber sind die integrativen Fähigkeiten gefragt. So ist mit den Grünen und mit SPD-Regierungschefin Malu Dreyer ein Vertrauensverhältnis entstanden - ganz im Gegensatz zur CDU und ihrer Landesvorsitzenden Julia Klöckner, mit der Wissing als Landwirtschaftsminister besonders gerne Fehden austrägt.

Wissings Ampel als Signal auch für Berliner Farbenspiele kommt den Liberalen durchaus zu Pass. Denn nur wenn es eine Regierungsoption gibt, sind sie für Wählerinnen und Wähler interessant, das haben sie nach der Jamaika-Pleite schmerzlich verinnerlicht.

Die wiedergewählte rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gratuliert Volker Wissing (FDP) am 18.05.2016 bei der konstituierenden Sitzung des Landtags in Mainz nach dessen Wahl zu ihrem Stellvertreter. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Gewachsenes Vertrauensverhältnis: Die wiedergewählte rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gratuliert Wissing im Mai 2016 nach dessen Wahl zu ihrem Stellvertreter.

Keine Fragen

Beim Interesse an der FDP ist noch deutlich Luft nach oben - selbst auf ihrem ureigenen Spielfeld der Wirtschaftspolitik: Gerade einmal vier Journalisten verlieren sich am Freitagmorgen im großen Saal der Berliner Bundespressekonferenz, als der designierte FDP-Generalsekretär Wissing zusammen mit dem in der Bundestagsfraktion für Wirtschaftsthemen zuständigen Michael Theurer seine Schlussfolgerungen aus einem "digitalen Jobgipfel" vorstellt. Natürlich ist Corona-Zeit, vielleicht sitzen noch ein paar Medienvertreter an den Bildschirmen, aber auch online kommen keine Fragen. "Hoffentlich liegt es nicht daran, dass irgendetwas an der Technik nicht stimmt", meint die Moderatorin.

Vom "Aufbruch vom Jahr der Krisen ins Jahrzehnt des Aufstiegs" spricht der Leitantrag zum kommenden Bundesparteitag im September, auf dem Wissing bestätigt werden muss. Fast scheint es so, als spreche die FDP bei der in dem Leitantrag von ihr beschriebenen vierfachen Corona-Krise von sich selbst: Erstens das immer noch nicht verdaute Jamaika-Aus. Zweitens die Aussage Lindners, Klimapolitik sei nichts für die Schülerinnen und Schüler, sondern Profis. Drittens die Wahl des FDP-Mannes Thomas Kemmerich mit AfD-Stimmen zum Thüringer Ministerpräsidenten und viertens das Wegmobben von Teuteberg.

Einige Liberale mögen darauf hoffen, dass es wirtschaftlich richtig den Bach runtergeht. Dann wären die liberalen Konzepte für die Wirtschaft wieder nachgefragt.

Wirtschaftsnah, männlich, westdeutsch

Eigentlich wollten sich die Liberalen öffnen, attraktiver werden für Frauen, andere Themen aufgreifen. Linda Teuteberg sollte dieses Signal sein, auch an Ostdeutschland. Jetzt konzentriert sich die FDP wohl wieder auf ihren Markenkern: wirtschaftsnah, männlich, westdeutsch.

Ein erster Gradmesser, ob Wissing erfolgreich ist, werden die kommenden Landtagswahlen sein: am 14. März 2021 zeitgleich im liberalen Stammland Baden-Württemberg, dem einzigen Bundesland, in dem die FDP immer im Parlament saß - und in Wissings Heimatland Rheinland-Pfalz.

Typisch für ihn: Wissing hat brüsk zurückgewiesen, sein Amt als stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister vorzeitig zur Verfügung zu stellen - um seiner Wirtschafts-Staatssekretärin Daniela Schmitt, die gerade vom Landesvorstand zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl nominiert wurde, einen Startvorteil zu geben. Er sei für fünf Jahre gewählt und halte von solchen parteitaktischen Spielchen überhaupt nichts.

Reisen zwischen Pfalz und Berlin - ohne Tasche

Ob das geht, gleichzeitig FDP-General und FDP-Eckstein in Mainz zu sein? Er sei bisher schon jede Woche in Berlin gewesen, koordiniere schon jetzt die Politik der FDP-geführten Bundesländer. Seit 2007 ist die Stadt sein Zweitwohnsitz, er reist ohne Tasche und nur mit Wohnungsschlüssel zwischen der Pfalz und Berlin hin und her.

In der Pfalz ist er tief verwurzelt, lebt in Landau mit Frau und Tochter, frankophil aufgewachsen auf einem Bauernhof in Niederhorbach bei Bad Bergzabern. Im Nebenerwerb bauten die Eltern Wein an, er kennt die harte Arbeit in der Landwirtschaft. Parallel zum Schulbesuch am französischsprachigen Zweig des Gymnasiums Bad Bergzabern machte er eine Ausbildung zum Organisten und Kirchenmusiker.

Der neue Generalsekretär der FDP ist ein Mann mit vielen Talenten, die er aber nicht offen zur Schau stellt auf dem politischen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Manchmal wirkt er etwas spröde und unnahbar, zuletzt wurde ihm vorgeworfen, ohne viel Herzblut sein Amt in Mainz zu versehen.

Zu Hause, so hat er es in einem Interview verraten, steht er meist in der Küche und backt sein Brot gerne selbst. Nun muss er seiner Partei die richtigen Rezepte verraten, um wieder an die Macht zu kommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2020 um 20:00 Uhr.

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