Menschen mit Alltagsmasken überqueren an einer Ampel die Kurt-Schumacher-Straߟe in Hannover | dpa

Ärzte zu pauschalem Lockdown "Weder zielführend noch umsetzbar"

Stand: 28.10.2020 14:17 Uhr

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Gassen, hat vor einem bundesweiten Lockdown gewarnt. Wichtig sei eine starke Akzeptanz für Corona-Maßnahmen. Der Virologe Streeck forderte zudem einen besseren Schutz der Risikogruppen.

Ein Zusammenschluss von Ärzten und Wissenschaftlern hat sich gegen bundesweite Einschränkungen des Alltagslebens zur Eindämmung der Corona-Pandemie ausgesprochen. "Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen.

"Gebote statt Verbote"

Man könne nicht das ganze Land "Wochen und Monate in eine Art künstliches Koma" versetzen, auch angesichts bleibender Schäden für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Nötig seien zielgerichtete Maßnahmen zur Eindämmung, so Gassen. Essentiell für ein Gelingen sei die Kooperation der Bevölkerung etwa bei Regeln zu Abstand und Masken.

Der KBV-Vorsitzende sagte, es sei falsch, "nur mit düsterer Miene apokalyptische Bedrohungsszenarien aufzuzeichnen". Die Kunst sei aber, keinesfalls zu verharmlosen. Um die Bevölkerung zur Mitarbeit anzuhalten, sollte man "auf Gebote setzen und nicht überwiegend auf Verbote".

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten beraten am Mittwoch über neue Corona-Maßnahmen. Mit drastischen Kontaktbeschränkungen will die Bundesregierung die Infektionszahlen in den Griff bekommen. Laut einer Beschlussvorlage sollen bundesweit Gastronomie- und Freizeiteinrichtungen geschlossen, Unterhaltungsveranstaltungen verboten und Kontakte in der Öffentlichkeit sowie Feiern auf Plätzen und in Wohnungen massiv eingeschränkt werden.

Ampelsystem und Ende der Kontaktnachverfolgung

In einem Positionspapier, das nach KBV-Angaben mehrere weitere Ärzteverbände unterstützen, wird auch ein bundeseinheitliches Ampelsystem für eine transparente Darstellung des Infektionsgeschehens angeregt. Sie sollte nicht nur auf der Zahl der Corona-Neuinfektionen beruhen.

Gefordert wird zudem eine Abkehr von der umfassenden individuellen Nachverfolgung persönlicher Kontakte von Infizierten, die in vielen Gesundheitsämtern ohnehin nicht mehr gelinge. Vielmehr solle eine Priorität auf Fälle mit Bezug zu medizinischen und pflegerischen Einrichtungen oder Veranstaltungen mit vielen Infizierten liegen.

Risikogrupen in den Blick nehmen

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck kritisierte zudem, "dass der Schutz der Risikogruppe zu kurz kommt". Vorkehrungen und Tests in Pflegeheimen und Kliniken seien nicht systematisch genug. Zudem müsse auch für Menschen der Risikogruppen, die zu Hause leben, Schutz etabliert werden - etwa Masken und Tests, um Besuch bekommen zu können.

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit betonte, die Schutzregeln mit Abstand, Hygiene, Masken und Corona-Warn-App seien eigentlich ausreichend - müssten aber konsequent umgesetzt werden. Darüber müsse besser aufgeklärt werden, etwa auch bei Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen. Es sei richtig, Risikokontakte zu reduzieren. Viele fänden aber zu Hause statt, weniger etwa in Hotels.

"Dringend Maßnahmen ergreifen"

Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Dienstes zeigte sich angesichts der gestiegenen Infektionszahlen alarmierter: Es sei wichtig, dass es bundesweit einheitliche Regelungen gebe, sagte Verbandsvorsitzende Ute Teichert im rbb. Die Zahlen der positiv Getesteten steige im Moment rasant an. "Wenn wir dem Einhalt gebieten wollen, müssen wir dringend Maßnahmen ergreifen", so Teichert.

Kontaktbeschränkungen finde sie zwar schade und schwierig: "Aber wenn man sich vor Augen hält, was im Moment passiert, führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei." Die Politik müsse nun entscheiden, an welchen Stellen die Kontaktbeschränkungen am sinnvollsten seien. "Wir haben keine Medikamente, wir haben keinen Impfstoff. Die einzige Möglichkeit, die Virusausbreitung zu verhindern ist, die Kontakte zu reduzieren", betonte Teichert. Dabei seien regional unterschiedliche Beschlüsse sowohl für die Bürger schwer nachvollziehbar als auch für die Gesundheitsämter unübersichtlich.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 28. Oktober 2020 um 15:02 Uhr.