Finanzminister Scholz und Bundeskanzlerin Merkel auf der Regierungsbank. | Bildquelle: dpa

Vor Reise nach China Kanzleramt wusste von Wirecard-Problemen

Stand: 21.07.2020 10:22 Uhr

Wieviel wusste die Kanzlerin über die Ermittlungen bei Wirecard, bevor sie nach China reiste? Medienberichten zufolge möglicherweise mehr als bisher angenommen. Das wurde bisher bestritten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einer China-Reise im September 2019 für den deutschen Finanzdienstleister Wirecard geworben. Das wurde bereits von einer Regierungssprecherin bestätigt. Zunächst hieß es aber, Merkel habe damals noch nichts von den Ungereimtheiten bei Wirecard gewusst. Nach Berichten von "Süddeutscher Zeitung" und "Spiegel" stimmt das so nicht, denn das Bundesfinanzministerium habe bereits Ende August verschiedene Informationen zu dem Fall an das Kanzleramt weitergegeben - rund zwei Wochen vor Merkels Reiseantritt.

Demnach sei in einer E-Mail mitgeteilt worden, dass der Finanzdienstleister in den Fokus diverser Aufsichtsbehörden gerückt war. Auch Bundestagsdrucksachen mit Parlamentsanfragen zu den Anschuldigungen gegen Wirecard seien übermittelt worden.

Auch Finanzministerium warb für Wirecard

Das Finanzministerium steht ebenfalls in der Kritik, sich in China für das Unternehmen eingesetzt zu haben - trotz der laufenden Untersuchungen. Denn dort wusste man wohl seit Februar 2019 über die Sonderermittlungen der Bankenaufsicht BaFin Bescheid.

Ende Juni 2020 meldete Wirecard dann Insolvenz an, nachdem bekannt wurde, dass in den Büchern 1,9 Milliarden Euro fehlen und die Börsenkurse daraufhin in den Keller rutschten. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft München I wegen Betruges, Bilanzfälschung und Marktmanipulation. Der ehemalige Wirecard-Finanzvorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht. Er soll sich derzeit in Russland aufhalten.

Wirecard-Pleite könnte teuer für den Staat werden

Der Fall könnte demnächst auch den Fiskus beschäftigen und nicht nur die Justiz. Da die Bilanzen des Finanzdienstleisters durch den Vorstand künstlich aufgebläht wurden und die Umsätze und Gewinne tatsächlich viel niedriger ausfielen, hat das Unternehmen zu hohe Steuern gezahlt - zwischen 2015 und 2018 allein knapp 160 Millionen Euro an Ertragssteuern. Das würde bedeuten, dass der Insolvenzverwalter Steuerrückforderungen in Millionenhöhe stellen könnte, bzw. er wäre sogar dazu verpflichtet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Juli 2020 um 20:00 Uhr.

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