Flüchtlinge in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamm.
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Merkels Worte im Wirklichkeitstest Schaffen wir das?

Stand: 26.02.2016 13:46 Uhr

Ein halbes Jahr ist es her, dass Bundeskanzlerin Merkel mit Blick auf die vielen Flüchtlinge sagte: "Wir schaffen das." Ob wir das wirklich schaffen - bezweifeln oder fragen sich inzwischen viele. Unsere Korrespondenten berichten, was nach einem halben Jahr geschafft ist.

Doppelt-Registrierungen, Flüchtlinge, die seit 18 Monaten auf ihre Anhörung warten: Auch sechs Monate nach Merkels "Wir schaffen das" holpert das System, mit dem Flüchtlinge registriert und Asylverfahren eingeleitet werden. Die Stadt Paderborn wird nun selbst aktiv.

Philipp Glitz

Philipp Glitz

Von Philipp Glitz, WDR

"Zehn Flüchtlinge sitzen im hellen Flur des Jobcenters Paderborn. Sie lachen, sie machen mit der Hand das Peace-Zeichen und schauen gebannt auf eine Tür. Wer sie durchschreitet, ist dem Asylantrag plötzlich ganz nah. Denn was im Jobcenter in Paderborn passiert, ist kein beschwerlicher Behördenalltag. Es ist ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt. Mitarbeiter des Kreises Paderborn erfassen an sieben improvisierten Arbeitsplätzen Flüchtlinge. In einem Raum machen sie selbst Fotos und nehmen Fingerabdrücke, nebenan erfasst ein Mitarbeiter mit einem Dolmetscher die Personalien und den Fluchtgrund. Das Ganze führen sie zu einer Akte zusammen und übermitteln die dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Manfred Müller

Landrat Manfred Müller

"Diese Vor-Ort-Bearbeitung durch die Kommune klappt sehr gut", sagt Landrat Manfred Müller. "Wir sind als dezentrale Registrierungsstelle einfach viel effektiver." Von der Idee bis zur Eröffnung der Arbeitsplätze in Paderborn hat es vier Wochen gedauert. Sie nutzen noch immer langsame Mobilfunkverbindungen, um die Akten für den Asylantrag zu verschicken. Es soll bald für alle schneller gehen, hoffen sie hier. Für die wartenden Flüchtlinge und die Kommunen. "Wir haben 3.500 unbearbeitete Asylverfahren hier im Kreis, teilweise bis zu anderthalb Jahre alt", betont Landrat Müller. "Deswegen haben wir einfach gesagt: Gebt uns die technischen Möglichkeiten, wir stellen das Personal."

Monatelanges Warten auf einen Termin für den Asylantrag

Tausende Flüchtlinge warten teils monatelang auf einen Termin in den Außenstellen des BAMF. Waren es im Januar 2015 noch 600 Asyl-Entscheidungen pro Tag, so konnte die Behörde die Zahl der Entscheidungen im Dezember 2015 auf gut 2000 erhöhen. Ziel sind 6000 pro Tag. Ist das genug? Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW bemängelt den "Wahnsinn der Behörden": die Doppelt-Registrierung durch Bund und Land, der fehlende Austausch bei den Systemen.

Selbst wenn ab sofort kein Flüchtling mehr nach Deutschland kommen würde, wäre die Arbeit nicht vorbei: Das BAMF schiebt noch immer etwa 770.000 offene Asylfälle vor sich her. "Der Stau ist nicht erst letztes Jahr entstanden, sondern es ist ein Problem, das schon über Jahre besteht", sagt Birgit Naujoks. "Das ist ein System voller Unsinn, bei dem die Energien falsch eingesetzt werden."

Birgit Naujoks

Birgit Naujoks, Flüchtlingsrat NRW

Die Arbeit wird doppelt gemacht

In NRW gibt es drei zentrale Registrierungsstellen. Am Flughafen Münster-Osnabrück arbeitet in einer Halle das Land und nimmt die Daten in ihr System auf, in der Nachbarhalle wird für das BAMF registriert und es werden Fingerabdrücke genommen. Zwei separate Prozesse, zwei Mal Warten für die Flüchtlinge. Bislang wird die Arbeit doppelt gemacht. Die Computer von Bund und Land sind nicht vernetzt. Die Fingerabdrücke werden nur bei der Registrierung durch das BAMF erfasst. Es soll besser werden, sagt die Landesregierung NRW, mit einem einheitlichen PC-System und einem Flüchtlingsausweis mit Fingerabdruck. Das wird bereits in Pilotprojekten getestet, wie im bayrischen Zirndorf, und soll flächendeckend eingeführt werden. "Wenn man im Moment ankommt, kriegt man für Juli oder August einen Termin zur Asylantragsstellung", sagt Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW. "Das will keiner. Weder der Flüchtling, der schnell eine Entscheidung braucht. Noch die Behörde, die schnell den Flüchtling integrieren oder abschieben will."

Überfüllte Zelte, volle Turnhallen: Sechs Monate nach dem "Wir schaffen das" von Kanzlerin Merkel stehen Bund, Länder und Kommunen weiter vor großen Problemen, was die Unterbringung der Flüchtlinge betrifft. In Düsseldorf hat sich ein Projekt besonders bewährt.

Von Antraud Cordes-Strehle, WDR

Antraud Cordes-Strehle

Antraud Cordes-Strehle

"Immerhin, es gibt ein wenig Privatsphäre", meint Miriam Koch. Die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Düsseldorf präsentiert, wie Flüchtlinge nach dem "Düsseldorfer Modell" wohnen: in Wohnmodulen, also Containern. Das Besondere aber ist der Innenausbau. Die einzelnen Zimmer beherbergen beispielsweise zwei Einzelpersonen, oder mehrere untereinander verbundene Räume eine Familie.

Jeweils 20 Flüchtlinge auf einem Flur bilden so etwas wie eine kleine Wohneinheit, nutzen jeweils eine Gemeinschaftsküche, einen Waschraum, sanitäre Anlagen. "Das Wichtige ist, dass die Menschen die Möglichkeit haben, auch mal eine Tür hinter sich zuzumachen", meint Koch. "Da, wo wir kleinteilig sind bei der Unterbringung, in kleinen Fluren, da läuft die soziale Kontrolle untereinander auch gut, da haben wir weniger Reinigungsdienste und da ist es sehr, sehr friedlich."

In den Monaten des höchsten Ansturms war die Situation eine ganz andere. Im Oktober 2015 lebten in Düsseldorf mehr als 1300 Flüchtlinge in Notlösungen wie Zeltanlagen oder Turnhallen, im November noch über 1200, im Dezember nur noch 620 und im Januar waren es dann nur noch 263.

Wohnprojekt für Flüchtlinge

Wohnprojekt für Flüchtlinge

Insgesamt hatte die Stadt Anfang 2016 etwa 5000 Flüchtlinge untergebracht. Zusätzlich dazu lebten rund 1600 Flüchtlinge in Einrichtungen des Landes, doch niemand mehr in einer Zeltanlage - und in Notlösungen wie Turnhallen oder Schulen nur noch 263. In zwei Traglufthallen - etwa 600, in Hotels 520, in Sammelunterkünften und Apartments fast 2900 Flüchtlinge und in Wohnmodulen etwa 1700.

Obdachlosigkeit vermieden

So viele finanzielle Mittel, um zu bauen, hat aber längst nicht jede Kommune. Und so sehen die Lösungen für die Flüchtlingsunterbringung überall unterschiedlich aus: je nach den Gegebenheiten, je nach Finanzlage und der Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Vielerorts werden derzeit sogar weitere Turn- und Sporthallen zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert, beispielsweise in Köln. Von insgesamt 7000 Schul- und Vereinssporthallen in Nordrhein-Westfalen mussten Anfang Dezember 270 als Notlösung herhalten, wie eine Erhebung des WDR ergeben hatte. Nun ist die Zahl sogar noch gestiegen. Derzeit, so hat der Landessportbund NRW hochgerechnet, gehen etwa 400 Hallen dem Sport verloren.

"Wir kommen ohne die Turnhallen nach wie vor nicht aus. Vor allem nicht in den Städten und Gemeinden, in denen es ohnehin auf dem Wohnungsmarkt sehr eng ist“, räumt Andreas Wohland vom Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen ein. Dennoch findet er, die Kommunen hätten Enormes geleistet: "Die Kommunen haben es geschafft, Obdachlosigkeit zu vermeiden. Das heißt allen Flüchtlingen konnte ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit zur Verfügung gestellt werden."

Entspannt hat sich die Lage in den Erstaufnahme- und Zentralen Unterbringungseinrichtungen des Landes, weil im Moment weniger neue Flüchtlinge ankommen und weil das Land diese schneller an die Kommunen weiter verweist. Die Folge: Anfang Februar waren in den Landeseinrichtungen sogar Plätze frei. Von insgesamt fast 82.000 Plätzen waren rund 30.000 belegt. Deshalb sollen nun etwa 10.000 Plätze zurückgebaut werden.

Qualität vor Geschwindigkeit

"Einiges ist geschafft, allerdings muss auch noch ganz viel passieren“, meint Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Er sieht die Integration neuer Mitbürger als eine der dringlichen Aufgaben der Stadtentwicklung. Wie sollen und können Flüchtlinge integriert werden, wie auf lange Sicht wohnen? "Wir sollten auf keinen Fall Fehler der 1950er-, 60er- und 70er-Jahre wiederholen. Wir sollten Ghettoisierung vermeiden. Und wir sollten Standards beim Bauen jetzt nicht herabsetzen. Qualität geht vor Geschwindigkeit."

Monatelang müssen manche Flüchtlingskinder auf ihre Einschulung warten, es fehlen Tausende Lehrer. Ein halbes Jahr nach dem "Wir schaffen das" der Bundeskanzlerin stehen viele Schulen noch immer vor riesigen Herausforderungen.

Von Jan Philipp Burgard, WDR

Jan Philipp Burgard

Jan Philipp Burgard

Zwischen den vorlauten Jungs in der ersten Reihe fällt das ruhige Mädchen mit den dunklen Augen auf. Für eine Elfjährige strahlt sie eine erstaunliche Ernsthaftigkeit aus. Aber wen wundert das, Yamama hat schließlich einen weiten Weg hinter sich. Von Syrien ins Sauerland.

Mehr als zwei Jahre ohne Unterricht

Heute ist ihr erster Schultag am Gymnasium an der Stenner in Iserlohn. "Ich bin sehr glücklich", sagt sie. "Hier finde ich neue Freunde. Alles ist neu." Yamama hat lange auf diesen Tag gewartet. Zwei Jahre konnte sie wegen des Krieges in Syrien nicht zur Schule gehen, vier Monate hat sie seit ihrer Ankunft in Deutschland auf ihre Einschulung gewartet.

Währenddessen hat sie mit ihren Eltern Deutsch gelernt, mit beeindruckendem Ergebnis. In ihrer internationalen Klasse für Flüchtlinge kann sie schon richtig mitmachen. "Husten" antwortet sie fast ein wenig feierlich, als die Lehrerin spielerisch keucht und fragt, wie diese Krankheit heißt.

Monatelange Wartezeit ist der Regelfall

Dass es so lange gedauert hat, bis Yamama endlich zur Schule gehen konnte, ist aus Sicht des Kölner Bildungsforschers Michael Becker-Mrotzek kein bedauerlicher Einzelfall, sondern eher die Regel. "Hier muss noch viel geleistet werden, um die Kinder und Jugendlichen schneller in die Schulen zu bringen", sagt er. Becker-Mrotzek hat gerade im Auftrag des Mercator Instituts eine umfassende Bestandsaufnahme über neu zugewanderte Jugendliche im deutschen Schulsystem vorgelegt. Doch warum hängen so viele Kinder und Jugendliche bis zur Einschulung so lange in der Luft?

In der Iserlohner Stadtverwaltung ist die Erste Beigeordnete Katrin Brenner für die Bildung zuständig. "Die Wege sind viel zu lang, bis die Kinder endlich in die Klassen kommen. Bis die ganzen Genehmigungen erteilt sind. Diese Wege müssen kürzer und die Abstimmungen besser werden. Das geschieht am besten vor Ort innerhalb der Kommunen", sagt Brenner.

Von Null auf Hundert in einem halben Jahr

Auch wenn noch nicht alles rund läuft, bietet die Integration der Flüchtlingskinder an dem Iserlohner Gymnasium auch viel Anlass zu Optimismus. Von 18 Flüchtlingskindern aus der internationalen Klasse nehmen bereits acht auch am Regelunterricht teil. Einer davon ist der dreizehnjährige Albert. Nur ein halbes Jahr, nachdem er ohne ein Wort Deutsch aus dem Kosovo nach Iserlohn kam, hat er den Sprung geschafft.

"Ich bin stolz weil ich hier in der 7c bin", sagt der Junge mit dem verschmitzten Lächeln. "Alle spielen mit mir und helfen mir". Für Erfolgsgeschichten wie die von Albert war am Gymnasium an der Stenner viel Improvisationstalent gefragt. Das sehr engagierte Kollegium entwickelte zum Beispiel eigene Unterrichtsmaterialen. Außerdem konnte eine zusätzliche Lehrkraft angeheuert werden.

Flüchtlingskinder in der Schule

Die Flüchtlingskinder Jacob (links) aus Ägypten und Tala aus Pakistan lernen Deutsch in einer Klasse des Auguste-Viktoria-Gymnasiums (AVG) in Trier.

Tränen bei den Eltern

"Man muss sich immer wieder klar machen, was für eine Riesenaufgabe das ist. Dafür läuft es auf vielen Ebenen schon sehr gut", sagt Schulleiter Stefan Schmoldt. Berührt hat ihn der Vater eines syrischen Schülers, der ihm mit Tränen in den Augen dankte, weil sein Sohn endlich in Sicherheit zur Schule gehen könne.

Allerdings kann nicht überall in Deutschland mit wenig Mitteln so viel erreicht werden. Rund 325.000 Kinder und Jugendliche kamen seit 2014 nach Deutschland und die Tendenz ist weiter steigend. Dafür würden 20.000 neue Lehrer gebraucht, rechnet die Ständige Konferenz der Kultusminister vor.

Integration als nationale Aufgabe

Die Kosten würden sich auf 2,3 Milliarden Euro belaufen. "Die Zuweisungen, die der Bund zur Verfügung stellt, reichen gerade mal für Unterbringung, Kost und Logis der Flüchtlinge", sagt Claudia Bogedan, Präsidentin der Ständigen Konferenz der Kultusminister. "Ich fordere seit Wochen, dass der Bund sich stärker an Integrationsleistungen beteiligen muss. Wir stehen vor einer nationalen Aufgabe. Und die kann auch nur mit einer gemeinschaftlichen Verantwortung gemeistert werden."

Teamarbeit mit Sozialarbeitern und Psychologen

Bogedan beobachte vielerorts einen großen Lehrermangel. In verschiedenen Bundesländern werden deshalb Pensionäre oder andere Lehrerinnen und Lehrer mit sprachvermittelnden Kompetenzen eingesetzt.

Auch der Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek zieht eine durchwachsene Zwischenbilanz. "Zusätzliche Lehrer allein reichen nicht aus, es müssten Teams mit Sozialarbeitern und Psychologen gebildet werden. Hierfür müssen dauerhafte Strukturen geschaffen werden."

Dauerhafte Strukturen möchte auch die glückliche Neu-Gymnasiastin Yamama später schaffen. Sie will Architektin werden und vielleicht sogar dazu beitragen, ihr Heimatland Syrien wieder aufzubauen. 

100.000 Jobs will Ministerin Nahles für Flüchtlinge schaffen. Doch ein halbes Jahr nach Merkels "Wir schaffen das" sind die meisten Flüchtlinge noch immer ohne Arbeit, genaue Zahlen gibt es aber noch nicht. Klar ist, die Hürden für Flüchtlinge sind hoch.

Von Jan Koch

"Langeweile habe ich selten", erzählt Salah Hajji Mustafa. "Ich lebe in Köln, arbeite vormittags in Bonn und mache nachmittags einen Aufbaukurs in Leverkusen." Mustafa sitzt in seinem WG-Zimmer, mitten in Köln. Auf seinem PC beantwortet er E-Mails: Homeoffice. Vor anderthalb Jahren ist der Syrer über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland geflüchtet. Jetzt hat der 30-Jährige nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch einen Mini-Job bei einem Bonner Sozialträger, der in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Mustafas Aufgaben: vermitteln, übersetzen, telefonieren. Zwei Mal die Woche arbeitet er in Bonn vor Ort und wenn was anfällt auch von zu Hause. Über eine Kölner Flüchtlingsorganisation ist er an den Job bekommen. Sein Arbeitgeber ist zufrieden: "Er ist ein toller Kollege. Ohne ihn würde einiges schwieriger sein."

Salah

Vielen Syrern, die nach Deutschland gekommen sind, geht es anders. Nur neun Prozent aller Syrer, die in Deutschland leben, hatten Ende 2015 einen Job. Ende 2014 waren es noch 16 Prozent. Allerdings gelten diese Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für alle Syrer, die in Deutschland registriert sind - egal ob Flüchtling oder nicht.

Infografik: Beschäftigungsquote Migranten in Deutschland

Genaue Zahlen im Sommer

Noch gibt es keine Zahlen, die genau beschreiben, wie viele Flüchtlinge Arbeit haben oder auf der Suche sind. "Erst neulich hat die Bundesagentur für Arbeit angefangen zu erfassen, ob es sich bei dem Arbeitslosen um einen Flüchtling handelt oder nicht", erklärt Frauke Wille, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit. Im Sommer sollen genaue Zahlen vorliegen. Solange wird geschätzt oder sich an anderen Zahlen orientiert.

Zum Beispiel an dieser: Mehr als die Hälfte aller Migranten, die in Deutschland leben, sind ohne Arbeit. Die Zahl der Migranten aus Kriegs- und Krisenländern wie Syrien, dem Irak oder Eritrea ist von Januar 2015 bis Januar 2016 bundesweit von 63.163 auf 101.326 gestiegen. 40 Prozent dieser Migranten sind arbeitslos. Auch viele Flüchtlinge werden betroffen sein. Allerdings erst, wenn sie offiziell registriert sind und bleiben dürfen, bekommen sie auch Hartz-IV. Mehr als 270.000 Migranten aus Kriegs- und Krisenländern haben im Oktober 2015 Leistungen erhalten. Gut 80.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Auch Mustafa bekommt neben seinem Mini-Job Geld vom Amt. Vorher hat er in Köln bereits ein Praktikum bei einem Kölner Elektriker gemacht, nachher in einem Kölner Imbiss Falafel und Humus zubereitet. "Ich hatte Glück", meint Mustafa, der im Libanon Jura studierte. "Mit meinem Studium werde ich hier aber nichts anfangen können."

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD)

Gemeinsam mit acht anderen Flüchtlingen macht er deshalb bei Bayer in Leverkusen seit Anfang Februar einen sprachlichen Aufbaukurs. Jeden Nachmittag, nach seinem Job in Bonn. Jeder, der diesen Kurs macht, muss mehr können als 'Hallo' und 'Tschüss'. Denn im Anschluss an den viermonatigen Kurs gibt es ein einmonatiges Praktikum und vielleicht sogar eine Ausbildung.

Aus Salahs Vorgängerkurs haben fünf von 13 Bewerbern zwar keine klassische Ausbildung, können aber eine Einstiegsqualifizierung machen: Berufsschule, Praxis und am Ende des Monats ein festes Gehalt. "Entweder versuche ich es bei Bayer oder ich bewerbe mich bei meinem Arbeitgeber in Bonn für einen Teilzeitjob", erzählt Mustafa, der sich nicht mehr vorstellen kann, nach Syrien zurückzukehren.

Welche Qualifikationen haben die Flüchtlinge?

"Wir müssen generell über neue Aus- und Nachbildungswege nachdenken", erklärt Herbert Brücker, Volkswirt am IAB in Nürnberg. Ein Hauptproblem: Wie qualifiziert sind Flüchtlinge überhaupt? Aktuelle Zahlen des BAMF zeigen, dass 38,2 Prozent der 222.000 befragten Asylsuchenden über 18 Jahren einen gymnasialen oder universitären Abschluss haben. 29,6 Prozent waren nur auf einer Grundschule oder gar keiner Schule. Viele Flüchtlinge sind daher nur für Helfertätigkeiten geeignet. Trotzdem fordert der Arbeitgeberverband: "Hürden für den Einstieg in den Arbeitsmarkt - etwa im Bereich der Zeitarbeit - müssen abgebaut werden." Egal, wen man fragt, die größte Hürde ist die Sprache: ohne Deutsch geht es nicht"."

"Es muss aber auch schneller klar sein, ob ein Flüchtling bleiben darf oder nicht", betont Brücker vom IAB. "Solange ein Flüchtling kein Aufenthaltsrecht von zum Beispiel drei Jahren hat, wird niemand groß in ihn investieren." Daran soll sich aber ja nun aber laut Bundesregierung was ändern. Innerhalb weniger Wochen will man Entscheidungen fällen können.

Infografik: Bildungsstand Asylsuchende

Nahles macht Tempo

Bundearbeitsministerin Andrea Nahles will trotz alledem schnell handeln. Neben 100.000 neuen Jobs, die sie für Flüchtlinge schaffen will, fordert die SPD-Politikerin auch mehr Geld: mehr als 450 Millionen. Aber: "Einfach wird das nicht", sagte sie vor kurzem der "Zeit". "Im Finanzministerium ist der Ehrgeiz groß, die schwarze Null wieder zu erreichen. Klar ist doch: Wenn die Integration scheitert, wird es noch teurer." Eine Entscheidung gibt es bisher nicht.

Für Salah Hajji Mustafa spielt das im Moment keine Rolle: "Ich bin glücklich, so wie es gerade ist. Aber ein festes Gehalt, ein Leben auf eigenen Beinen ist wichtig. Das wäre schön."

Jeder zehnte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Wo sind die Helfer immer noch so enthusiastisch, wo stoßen sie an Grenzen - und wo helfen sie dennoch weiterhin?

Von Jan Koch, WDR

"Davon lassen wir uns nicht unterkriegen. Wir machen weiter, jetzt erst recht", erklärt Monika Blumenthal. Gemeinsam mit drei Flüchtlingen sitzt sie am Tisch, lernt mit ihnen Deutsch. Jede Woche kommt sie ins Café Grenzenlos, einem Treff im Dormagener Bürgerhaus. Es ist eines von sechs Flüchtlingscafés im nordrhein-westfälischen Dormagen.

Monika Blumenthal: "Wir machen weiter, jetzt erst recht"

Monika Blumenthal: "Wir machen weiter, jetzt erst recht"

Klar reden sie untereinander über Clausnitz, Bautzen oder Heidenau, unterhalten sich über die Kölner Silvesternacht oder auch den Erfolg der AfD. "Das interessiert alle Flüchtlinge genauso wie uns", erzählt Blumenthal. "Aber das schreckt uns nicht ab."

Jeder zehnte Deutsche engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Das ergab eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands. Tendenz steigend. Jörn Schneider ist diese Woche zum ersten Mal zum Dormagener Treff gekommen. Er schaut in die Runde, eine kurdische Familie lernt erste Worte. Schneider setzt sich daneben und hilft bei der Aussprache. "Ich will einen Deutschkurs anbieten", sagt er, "mal sehen wie viele kommen."

Ehrenamtler wie Schneider oder Blumenthal sehen keinen Grund, ihr Engagement infrage zu stellen. 47 Prozent der Befragten in der Studie gaben an, lieber Geld oder Sachen zu spenden. Zehn Prozent sind aktiver: lernen mit Flüchtlingen Deutsch, begleiten sie zu Behörden oder betreuen Kinder.

"Nicht nur auf der Couch sitzen"

Auch Marcus Valder gehört zu diesen zehn Prozent. Im Herbst 2014 ging es los: "Es war mir einfach klar - ich muss was tun und nicht nur auf der Couch sitzen", erzählt der Kölner Schreinermeister. "Aber irgendwann kommt man einfach an seine Grenzen." Valder hat sein Engagement heruntergefahren. Der Familienvater hat Flüchtlingsunterkünfte betreut oder an einem Kölner Gymnasium den Kontakt zwischen Schülerschaft und Flüchtlingskindern hergestellt. Er kümmert sich auch heute noch um einzelne Familien, aber: "Man stößt an vielen Stellen einfach nur auf Probleme. Schnell und spontan zu helfen, ist schwer möglich. Über viele nötige Anschaffungen muss man lange und ausgiebig diskutieren." Er erzählt von einer Anzeige gegen ihn, weil kiloweise Kleidung in Turnhallen falsch gelagert worden sei; von städtischen Mitarbeitern, die sich mit Flüchtlingen partout nur auf Deutsch unterhalten würden. "Manches will mir nicht in den Kopf."

Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend"

Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend"

Rotes Kreuz: Engagement überwältigend

An die eigene Grenze kommen und trotzdem: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend", sagt Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), einer der großen Sozialträger in Deutschland, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Von den rund 25.000 DRK-Helfern engagieren sich 20.000 ehrenamtlich. Die Diakonie geht im kirchlich-diakonischen Bereich bundesweit von 120.000 Menschen aus, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Flüchtlinge in der Uni-Sporthalle - die Studenten helfen

So wie auch der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) in Düsseldorf. Als im Oktober die Uni-Sporthalle bis zum Jahresende zur Flüchtlingsunterkunft wurde, bot der Asta Stadt und DRK Hilfe an. "Es war zwar erst unklar, wie die Studenten darauf reagieren, dass sie in diesem Semester erstmal auf einige Hochschulsportaktivitäten verzichten müssen", erzählt Michael Swoboda aus dem Asta-Team, "als dann so viele Studenten helfen wollten, war klar, dass das kein Problem ist." Auch nächste Woche nicht, wenn wieder Flüchtlinge in die Sporthallen ziehen - und das obwohl die Stadt Düsseldorf eigentlich darauf verzichten wollte, wieder die Uni-Anlagen zu nutzen. "Wenn es nicht anders geht, dann geht es nicht anders", sagt Swoboda.

Johanniter fordern Geld für Koordination der Helfer

"Viele arbeiten jedoch auch an der Grenze ihrer Belastbarkeit", meint Seiters vom DRK. "Sollte die jetzige Entwicklung andauern, müssen die Bundesländer prüfen, wieweit sie für die ehrenamtlichen Helfer eine ähnliche Regelung wie bei den Freiwilligen Feuerwehren und beim Technischen Hilfswerk schaffen können." Also die Möglichkeit eines Freistellungsanspruchs gegenüber dem Arbeitgeber und einen Anspruch auf Lohnfortzahlung. Die Johanniter-Unfall-Hilfe fordert: "Sinnvoll wäre eine stärkere staatliche Finanzierung der Ehrenamtskoordination." Alle sind sich aber einig: "Staat und Zivilgesellschaft arbeiten gut zusammen", schreibt zum Beispiel Caritas Deutschland. "Eine so große Aufgabe kann der Staat allein nicht bewältigen."

Engagement bei der Flüchtlingshilfe.

"Zeigen, dass wir das sehr wohl schaffen können"

Dass die vielen ungezählten Helfer notwendig sind, betonte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ich bin davon überzeugt, dass wir die Herausforderungen ohne Freiwillige nicht stemmen können. Deshalb sind wir auch den vielen Helfern dankbar." Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen Flüchtlingen helfen, hat aber auch das Ministerium nicht.

Wie viele Menschen nicht helfen, steht allerdings in der EKD-Studie: 53 Prozent können sich nicht vorstellen, Geld zu spenden. Für 39 Prozent kommt nicht infrage, eine Flüchtlingsunterkunft zu unterstützen.

"Wir Ehrenamtler müssen dafür sorgen, dass sich genau diese passive Mehrheit engagiert", ist der Kölner Helfer Marcus Valder überzeugt. "Dann können wir dem Teil unserer Gesellschaft, der hetzt und wahrscheinlich noch nie im Leben etwas mit Flüchtlingen zu tun hatte, zeigen, dass wir das sehr wohl schaffen können."