Biene | Bildquelle: dpa

Windkraft und Insektensterben Riskante Höhe?

Stand: 20.05.2019 14:05 Uhr

Die Insektenbestände gehen seit Jahrzehnten dramatisch zurück. Nun sorgt eine Studie für Debatten unter Experten. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Ausbau der Windkraft?

Von Sandra Scheuring, HR

Es ist eine Untersuchung, die seit Monaten von Fachleuten kontrovers diskutiert wird. Mindestens 1200 Tonnen Insekten kommen jährlich in den Rotoren der Windräder zu Tode, hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in einer Modellanalyse errechnet. In der warmen Jahreszeit könnte es demnach fünf bis sechs Milliarden Insekten täglich erwischen.

Die Ergebnisse der DLR-Forscher klingen besorgniserregend und treffen auf Widerspruch. Die Windbranche ist entsetzt und will den Verdacht nicht auf sich sitzen lassen. "Total absurd" findet Alexander Koffka, Sprecher des Windparkbetreiber ABO Wind, die Studienergebnisse des DLR. Wieder einmal werde die Windkraft in Verruf gebracht, was sehr ärgerlich sei, denn Windräder seien ganz sicher nicht die Hauptschuldigen am dramatischen Insektensterben. "Da kleben auch nicht massenhaft tote Insekten an den Rotorenblättern."

Erhöhtes Insektensterben durch Windräder?
Mittagsmagazin, 20.05.2019, Sandra Scheuring, HR

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Ausbau mit Folgen?

Tatsächlich dachte man jahrelang gar nicht daran, dass sich Windparks und Insekten überhaupt in die Quere kommen könnten. Liefert nun die Modellrechnung des DLR erstmals Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem massiven Ausbau der Windenergie und dem Insektenschwund?

Franz Trieb vom DLR und sein Team kommen auf rund eine Billion getöteter Insekten jährlich, ausgehend von der durchschnittlichen Dichte von Insekten in Höhen bis 200 Metern, der addierten Rotorfläche aller rund 30.000 Windräder in Deutschland und eingerechneten Windgeschwindigkeiten. In seinen Berechnungen nahm Trieb an, dass nur fünf Prozent aller vorbeifliegenden Insekten durch die Rotoren erwischt werden.

Windpark von Weilrod im Taunus
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Die AWO Wind betreibt im Taunus einen Windpark - und kritisiert die DLR-Studie.

Die Forscher sind vorsichtig

In der Bewertung ihrer Studie sind die Forscher vorsichtig. Weder ziehen sie den Schluss, dass die Windenergie Hauptverursacher des Insektenschwunds ist, noch, dass sie daran unbeteiligt ist. Aber, so Trieb: "Diese Größenordnung könnte relevant für die Stabilität der Fluginsektenpopulation sein und damit den Artenschutz und die Nahrungskette beeinflussen."

Und sie stießen auf einen weiteren merkwürdigen Zusammenhang. Ungefähr seit 15 Jahren gehen die Bestände der Insekten doppelt so schnell zurück wie zuvor. Ziemlich genau in diesem Zeitraum ist die Windkraft rapide ausgebaut worden - auch, indem die Branche verstärkt auf die effizienteren, bis zu 200 Meter hohen Anlagen setzte. Ein Hinweis, kein Beweis.

In diesen Höhen herrschen zuverlässige, stete Windströme, die sich Insekten und die Windindustrie gleichermaßen zunutze machen. Insekten lassen sich vor der Eiablage in großen Schwärmen in entfernte Brutgebiete davon tragen. Auf diesen Pfaden, so der Verdacht der Forscher, könnten sie dann mit den hohen Windrädern kollidieren.

Wie groß allerdings der Anteil der so getöteten Insekten am Gesamtbestand ist, weiß man nicht. Ein Schwachpunkt. Es gibt einfach keine Zahlen darüber, wie viele Insekten es in Deutschland gibt und auch nicht darüber, welchen Anteil Pestizide, Klimawandel oder zerstörte Lebensräume am Insektensterben haben. Das macht die Bewertung schwierig.

NABU verweist auf Pestizide

Für den Naturschutzbund (NABU) ist als erstes die intensive Landwirtschaft mit ihrem Pestizideinsatz verantwortlich für den Insektenschwund. Das Bundesamt für Naturschutz verweist darauf, dass das Artensterben schon vor dem massiven Ausbau der Winenergie eingesetzt habe, auch in Gegenden, in denen es gar keine Windkraft gebe.

Der NABU rechnet außerdem vor, dass allein 400.000 Tonnen Insekten jährlich von Vögeln gefressen werden. Die Gefahr durch Windräder sei daher zu vernachlässigen.

Ein Trugschluss, warnt dagegen Fritz Vahrenholt, Vorstand der Deutschen Wildtierstiftung. Unter den 1200 Tonnen seien überwiegend Weibchen, jedes hätte bis zu 1000 Eier legen können. "Die Windräder können so durchaus die nächste Generation erheblich dezimieren."

Windräder in Alzey | Bildquelle: dpa
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Windräder werden effizienter und höher - gefährdet das den Insektenbestand?

Der Streit ist entbrannt

Das Thema ist heikel. Die Forscher beklagen sich über massiven politischen Druck. Die Windkraftbranche sieht sich klar als Problemlöser, nicht als Problemursache. Der DLR-Studie wirft sie methodische Schwächen vor. Es seien lediglich Hochrechnungen vorgenommen worden, das tatsächliche Artenaufkommen bliebe unberücksichtigt.

Viele unbekannte Einflussfaktoren erkennt auch die altehrwürdige Frankfurter Senckenberg Gesellschaft an, aber das DLR habe absolut wissenschaftlich sauber gearbeitet: "Die Kollegen vom DLR sind Profis und ihre Ergebnisse wirklich aufregend. Wir wissen durch diese Studie nun, dass wir wirklich mehr Forschung brauchen um die Zusammenhänge zwischen dem Verlust von biologischer Vielfalt und Windparks nachweisen zu können", so Generaldirektor Prof. Volker Mosbrugger.

Das zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil. Umweltministerin Svenja Schulze sieht keine Notwendigkeit für weitere Forschungen - das Angebot der Wildtierstiftung, die Kosten  zur Hälfte zu übernehmen, hat sie abgelehnt.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Maischberger am 27. Mai 2019 um 22:45 Uhr und NDR 1 Radio MV am 19. März 2019 um 17:10 Uhr.

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