Unwetter in Berlin | dpa

Prognosen der Meteorologen Mehr Starkregen und Hagel in Sicht?

Stand: 30.06.2021 15:51 Uhr

Überflutete Straßen, Autos, die im Hagel versinken - bei den Unwetterbildern der vergangenen Tage drängt sich die Frage auf: Sind Starkregen und heftige Gewitter Folgen des Klimawandels?

Von Tim Staeger, HR

Heftige Gewitter mit Starkregen und Hagelschlag sind im Sommer im Prinzip nicht ungewöhnlich. Wenn sich jedoch Bilder von überfluteten Straßenzügen und in Hagelansammlungen versinkenden Pkw innerhalb weniger Tage wiederholen, kann das schon stutzig machen. Und manche werden sich fragen, ob das noch normal ist oder ob diese Ereignisse bereits Folgen des Klimawandels sind.

Wetter und Klima sind ja bekanntlich zwei Paar Stiefel, da hier Vorgänge auf unterschiedlichen Zeitskalen betrachtet werden. Wetterphänomene spielen sich mitunter innerhalb von Sekunden ab, wie beispielsweise bei einem Staubteufel.

Langlebige Hochdruckgebiete können aber schon mal zwei Wochen durchhalten. Alles, was sich in der Atmosphäre jedoch innerhalb von Monaten bis hin zu Jahrmillionen abspielt, wird dagegen als Klimaphänomen aufgefasst. Dabei beeinflussen langsame Veränderungen, wie beispielsweise die globale Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte, aber durchaus auch kurzzeitige Vorgänge wie sommerliche Gewittergüsse.

Tiefdrucksumpf XERO: Kräftig und langsam

Bleiben wir aber zunächst einmal beim Wetter in dieser Woche. Wie kam es zu den extremen Regenfällen? Der Schuldige hat einen Namen: XERO heißt ein Tiefdruckgebiet, welches sich in den vergangenen Tagen von Frankreich nach Deutschland verlagert hat.

Das Besondere: Es handelt sich hier nicht um ein kräftiges Sturmtief - schwach ausgeprägt und sich nur langsam verlagernd. In der Meteorologie hat sich hierfür auch der Begriff eines "Tiefdrucksumpfs" eingebürgert.

Durch die schwachen Luftdruckgegensätze gibt es auch nur wenig Strömung, so dass einmal entstandene Gewitterzellen nur langsam über Land ziehen und dadurch an einem Ort für langanhaltende Regenfälle sorgen.

Wasser ist in der schwül-warmen Luftmasse reichlich vorhanden, die sich ursprünglich aus der Mittelmeerregion auf den Weg gemacht hatte. Da das Tief nicht nur am Erdboden, sondern auch in höheren Atmosphärenschichten in Form kalter Luft ausgeprägt ist, werden durch nachmittäglich erwärmte Luft ausgelöste Gewitter zum weiteren Aufstieg genötigt. Zusätzliche Kondensation der mächtigen Gewittertürme setzt hierbei sehr viel Energie frei und verstärkt den Prozess zusätzlich.

Cluster wachsen durch Feuchtigkeit

So konnten sich am Montag und Dienstag große Gewitterkomplexe bilden, sogenannte Cluster, die Feuchtigkeit aus der Umgebung mit einbeziehen und dadurch weiter anwachsen und länger leben als normal dimensionierte Sommergewitter. Besonders getroffen hat es dabei den Südwesten sowie das Ruhrgebiet.

In Essen fielen beispielsweise am Dienstag 63 Liter pro Quadratmeter innerhalb weniger Stunden. Heute haben sich das Tief XERO und die damit verbundenen Gewitter in den Nordosten verlagert. Vor allem im Norden Brandenburgs und im südlichen Mecklenburg dürften die Einsatzkräfte alle Hände voll zu tun haben. Dürreperioden wechseln mit Starkregen.

Folgen des Temperaturanstiegs

Doch jetzt zum Klima: Muss hierzulande im Zuge des Klimawandels häufiger mit Starkregen gerechnet werden? Eine Zunahme der Weltmitteltemperatur aufgrund der steigenden Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre ist sehr wahrscheinlich und auch gut nachvollziehbar. Jedoch zieht diese Erwärmung weitere Veränderungen nach sich, wie beispielsweise die räumliche und zeitliche Umverteilung des Niederschlages.

So werden in Deutschland die Winter feuchter, die Sommerniederschläge aber insgesamt extremer, d.h. es werden künftig sowohl längere Dürrephasen als auch ergiebigere Starkniederschläge erwartet.

Aber diese beobachteten und zu erwartenden systematischen Veränderungen sind meistens von natürlichen Schwankungen überdeckt, treten somit nicht immer deutlich zu Tage. Aus diesem Grund ist es von Vorteil, möglichst lang zurückreichende Daten aus unterschiedlichsten Regionen zu betrachten. Einzelne Wetterkapriolen, mögen diese auch noch so extrem sein, sagen uns nichts über klimatische Entwicklungen.

Verstärkt Hitzewellen in den letzten 50 Jahren

Seit etwa 1980 ist eine weltweite Zunahme der Luftfeuchtigkeit beobachtet worden. Das ist naheliegend, da die durch den Treibhauseffekt erwärmte Luft der unteren Atmosphärenschichten aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten mehr Wasser speichern kann.

Zudem haben in Mitteleuropa sommerliche Hitzewellen innerhalb der letzten etwa 50 Jahre systematisch zugenommen. Der Hitzesommer 2003 sowie der Dürresommer 2018 sind zwei extreme Beispiele hierfür.

Somit ist es durchaus plausibel, dass es in Deutschland im Zuge der globalen Erwärmung vermehrt zu heftigen Gewittern und Starkregen kommen kann.

Extremwert-statistische Untersuchungen von Radardaten des Deutschen Wetterdienstes deuten tatsächlich eine Zunahme kleinräumiger Gewitter seit 2001 an. Weiter zurückreichende Analysen wären wünschenswert, sind mangels hochaufgelöster Messungen leider noch nicht möglich.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Juni 2021 um 17:00 Uhr.