Wahlanalyse

Analyse Wer wählte was warum?

Stand: 04.09.2016 23:20 Uhr

Die SPD verdankt ihren Sieg Ministerpräsident Sellering. Der Koalitionspartner CDU profitiert dagegen nicht vom Lob vieler Bürger für die Regierungsarbeit. Die AfD verdankt ihren Aufstieg vor allem einem Thema. Eine Analyse des Wahlergebnisses auf Basis der Zahlen von Infratest dimap.

Von David Rose, tagesschau.de

Dass die SPD zum fünften Mal in Serie stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern geworden ist, hat sie vor allem Erwin Sellering zu verdanken. Der Ministerpräsident erreichte nicht nur die mit Abstand höchsten Zustimmungswerte aller Spitzenkandidaten, sondern mobilisierte auch am stärksten die eigene Anhängerschaft: 39 Prozent der SPD-Wähler entschieden sich vor allem seinetwegen für die Sozialdemokraten. Zum Vergleich: CDU-Spitzenkandidat Lorenz Caffier war nur für 20 Prozent der Unionsanhänger der wichtigste Grund für ihre Wahlentscheidung.

Hätten die Bürger den Regierungschef direkt wählen können, hätten sich 65 Prozent für Sellering und nur 20 Prozent für Caffier entschieden. Der SPD-Politiker stach seinen Kontrahenten in allen Bereichen aus: Die Wähler hielten ihn für glaubwürdiger, sympathischer und selbst in der traditionellen CDU-Domäne Wirtschaftspolitik für kompetenter. Sogar 44 Prozent der CDU-Wähler zogen Sellering als Ministerpräsidenten dem eigenen Spitzenkandidaten vor. Auch im Vergleich der Kompetenzen der verschiedenen Politikbereiche lag die SPD fast überall vor der CDU.

Positive Bewertung der Regierung

Die Bilanz der von Sellering geführten Landesregierung fiel aus Sicht der Wähler sehr positiv aus. 61 Prozent waren mit der Arbeit der Regierung zufrieden - mehr als je zuvor in Mecklenburg-Vorpommern. Eine deutliche Mehrheit bewertete die Arbeit der SPD in der Koalition positiv, dagegen zeigte sich eine klare Mehrheit mit dem Beitrag der CDU zur Regierungsarbeit unzufrieden.

Folgerichtig war von Wechselstimmung im Land nichts zu spüren: 58 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die SPD die künftige Regierung führen solle. Dabei stieß eine Fortsetzung des rot-schwarzen Bündnisses mit einer Unterstützung von 60 Prozent auf weitaus größere Zustimmung als die mögliche Alternative Rot-Rot-Grün, die nur 42 Prozent befürworteten.

Die guten Imagewerte der regierenden SPD und des Ministerpräsidenten korrespondieren mit der positiven Grundstimmung im Land: Erstmals bewertete eine Mehrheit der Bürger die wirtschaftliche Lage in Mecklenburg-Vorpommern vor einer Landtagswahl positiv. 64 Prozent gaben an, sich als Gewinner der gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen und sogar 80 Prozent stuften die eigene wirtschaftliche Situation als gut ein.

Flüchtlingspolitik spielte wichtige Rolle

Dass trotzdem beide Regierungsparteien zusammen knapp zehn Prozentpunkte einbüßten, hatte vor allem mit der Bundespolitik zu tun, die für 36 Prozent die wichtigste Rolle bei der Stimmabgabe spielte. Das Thema Flüchtlingspolitik stand dabei im Vordergrund, auch wenn nur 21 Prozent angaben, dass das für sie das wichtigste Thema bei der Wahlentscheidung gewesen sei. Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge sind in Mecklenburg-Vorpommern weit verbreitet. Davon profitierte besonders die AfD. Dagegen litt besonders die CDU unter der Dominanz dieses Themas: 78 Prozent der Wahlberechtigten teilten die Ansicht, dass die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel der CDU geschadet habe.

85 Prozent der Wahlberechtigten sprachen sich für eine dauerhafte Begrenzung der Flüchtlingszahlen aus, fast jeder Zweite zeigte sich in Angst angesichts der Flüchtlingszahlen. Fast die Hälfte der Befragten fand zudem, dass für Flüchtlinge mehr getan werde als für die einheimische Bevölkerung. Zwei Drittel vertraten die Ansicht, dass infolge des Flüchtlingszuzugs die Sozialausgaben zu stark stiegen und auch der Einfluss des Islam in Deutschland zu stark zunehmen werde.

Ängste und Sorgen bei AfD-Anhängern am größten

Unter den AfD-Anhängern waren diese Sichtweisen noch weitaus stärker ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung. Mehr als jeder zweite AfD-Wähler stufte die Flüchtlingspolitik als wahlentscheidendes Thema ein - bei den Wechselwählern, die sich von anderen Parteien abwandten und diesmal der AfD ihre Stimme gaben, lag dieser Anteil noch höher. Und nur unter AfD-Wählern spielte die Bundespolitik eine größere Rolle für ihr Votum als die Landespolitik.

Die AfD-Anhänger lobten vor allem Forderungen ihrer Partei nach einer Begrenzung der Flüchtlingszahlen und jene Positionen, die sich gegen eine Ausbreitung des Islam in Deutschland richten. Sie bescheinigten ihr aber auch das beste Verständnis für das wachsende Unsicherheitsgefühl der Bürger.

Mit ihren Positionen erreichte die AfD breite Bevölkerungsschichten. Unter Arbeitern und Arbeitslosen wurde sie ebenso wie unter Selbstständigen stärkste Kraft im Land. Die SPD blieb dagegen Nummer eins unter Angestellten, Beamten und Rentnern. Die höchsten Stimmanteile erreichte die AfD bei Wählern mit niedrigem Bildungsgrad (28 Prozent), während sie bei den höher Gebildeten mit 15 Prozent deutlich hinter SPD und CDU und nur knapp vor der Linkspartei landete. Jeder vierte Mann setzte sein Kreuz bei der AfD, aber nur jede sechste Frau.

AfD-Erfolg und Wählerwanderung
Morgenmagazin, 05.09.2016, Jörg Schönenborn, ARD-Wahlexperte

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CDU punktet bei Beamten und Selbstständigen

Dagegen wählten Frauen deutlich häufiger die SPD als Männer - und ihren größten Rückhalt hatten die Sozialdemokraten mit 39 Prozent in der Altersgruppe der Über-60-Jährigen. Die stärksten Einbußen musste die SPD bei niedrige Gebildeten, bei Arbeitslosen und Beamten hinnehmen. Die CDU erreichte ihre höchsten Stimmanteile - trotz hoher Verluste - erneut bei Beamten und Selbstständigen. Am schlechtesten schnitt sie bei Arbeitslosen und Arbeitern ab.

Linkspartei verliert Protestwähler

Die Linkspartei, die ihr bislang schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern verzeichnete, verlor am stärksten bei Männern über 45 Jahre, bei Arbeitern und Rentnern. Sie stärkte zwar im Vergleich zur Wahl 2011 weiter ihr Profil bei wichtigen Landesthemen wie der sozialen Gerechtigkeit, blieb aber auch in dieser Frage weit hinter der SPD zurück. Die Partei verlor aber vor allem an die AfD-Wähler. Denn das Motiv des Protests gegen soziale Ungerechtigkeiten verlor auch durch die wirtschaftliche Entwicklung im Land an Bedeutung - wodurch dieses Protestwählerpotenzial für die Linkspartei schwand. Die AfD profitierte dagegen vom Protest gegen gesellschaftspolitische Entwicklungen.

Gespaltene Sicht auf die Grünen

Die Grünen werden im Land einerseits positiv gesehen - zwei Drittel sprachen sich vor der Wahl für einen erneuten Einzug der Partei in den Landtag aus, fast jeder zweite hätte sogar eine Regierungsbeteiligung der Grünen gerne gesehen. Andererseits werfen ebenfalls zwei Drittel der Befragten der Partei vor, sich zu wenig um Wirtschaft und Arbeitsplätze zu kümmern und zu wenig auf die Bürger zu achten. Ihr zentrales Kompetenzfeld Energiepolitik hat fünf Jahre nach der Wahl unter dem Eindruck von Fukushima an Bedeutung verloren - in anderen Bereichen gelang es der Partei aber nicht, ihr Profil zu verbreitern. Letztlich erreichte die Partei nur bei den Unter-25-Jährigen mit einem Anteil von zwölf Prozent ein zweistelliges Ergebnis. In der wichtigen Wählergruppe der Über-60-Jährigen fanden sie dagegen nur eine Unterstützung von drei Prozent.

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