Wahlanalysen

Wahlergebnisse in der Analyse Wer wählte was warum?

Stand: 18.09.2016 23:10 Uhr

Die Linke profitiert in Berlin vom Top-Thema soziale Gerechtigkeit, die Grünen sollen als Innovationskraft in den Senat, und die FDP punktet beim Thema Flughafen. Die Verluste von CDU und SPD haben viele Gründe. Eine Analyse auf Basis der Zahlen von Infratest dimap.

Von David Rose, tagesschau.de, zzt. Berlin

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist in vielerlei Hinsicht historisch: Noch nie war die stärkste Partei bei einer Landtagswahl in Deutschland so schwach wie die SPD diesmal. Noch nie erreichten fünf Parteien bei derselben Wahl auf Landesebene mehr als zehn Prozent der Stimmen und nie kamen SPD und CDU in Berlin auf geringere Stimmanteile als diesmal.

Nur jeder dritte Wahlberechtigte zeigt sich zufrieden mit der Arbeit des rot-schwarzen Senats - ein im Bundesvergleich sehr schwacher Wert. Das führt zu deutlichen Verlusten für beide Koalitionspartner. Der SPD bescheinigen immerhin 58 Prozent der Befragten, Berlin in schwierigen Zeiten vorangebracht zu haben. Aber drei von fünf Wählern werfen der Partei zugleich vor, dass ihre inhaltlichen Positionen derzeit nicht erkennbar seien.

Müller ist populärster Politiker

Bei der Frage nach den besten Konzepten für die einzelnen Politikfelder sinken die SPD-Werte im Vergleich zur Wahl 2011 fast durchgängig - besonders stark in ihrem Kernkompetenzfeld der sozialen Gerechtigkeit, das für eine Mehrheit das wichtigste Thema dieser Wahl ist. Zudem machen die Berliner vor allem die SPD für das Desaster um den Hauptstadtflughafen BER verantwortlich. Trotzdem wünschen sich 57 Prozent der Wahlberechtigten, dass die Sozialdemokraten auch den künftigen Senat führen - nur 23 Prozent sprechen sich für einen Wechsel zu einer CDU-geführten Regierung aus.

Das hat viel mit den Spitzenkandidaten zu tun. Allgemein verzeichnet das politische Personal nur mäßige Zufriedenheitswerte. Amtsinhaber Michael Müller ist dabei noch der populärste Berliner Politiker. Er sticht CDU-Herausforderer Frank Henkel nicht nur bei der Frage nach der Direktwahl, sondern auch beim persönlichen Profil aus: Müller wird von einer klaren Mehrheit als sympathischer, glaubwürdiger und kompetenter angesehen.

Allerdings sind selbst Müllers Werte im Vergleich mit anderen Bundesländern bescheiden. Nur jeder siebte SPD-Wähler gibt an, seine Wahlentscheidung in erster Linie aufgrund des Spitzenkandidaten getroffen zu haben. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg war Winfried Kretschmann im März dieses Jahres für jeden zweiten Grünen-Wähler der Hauptgrund für die eigene Wahlentscheidung, vor zwei Wochen erreichte Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern bei dieser Frage einen Wert von 39 Prozent.

CDU: Schwacher Kandidat, Merkel und andere Probleme

Die CDU leidet ihrerseits bei dieser Wahl nicht nur unter einem schwachen Spitzenkandidaten. Auch die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel im Bund hat der Partei nach Einschätzung von zwei Dritteln der Wähler geschadet. Viele Probleme resultieren aber auch aus der Landespolitik. Eine deutliche Mehrheit unterstützt die Ansicht, dass die Partei kein Gespür für die Sorgen der einfachen Leute habe und dass sie zudem viele ihrer früheren Positionen aufgegeben habe. Nur noch bei der Kriminalitätsbekämpfung und der Wirtschaftspolitik schreiben ihr die Berliner die höchste Kompetenz aller Parteien zu.

Linke profiliert sich als Partei der sozialen Gerechtigkeit

Dagegen hat die Partei Die Linke ihr Profil in der Opposition deutlich ausgebaut. Vor allem bei Kernthemen wie sozialer Gerechtigkeit und bezahlbarem Wohnraum erreicht sie inzwischen ähnlich hohe Kompetenzwerte wie die SPD. Die Linkspartei, die im Ostteil der Stadt diesmal klar zur stärksten politischen Kraft aufsteigt, stößt auch jenseits der eigenen Anhängerschaft auf Sympathien. 58 Prozent fänden es nach eigener Aussage gut, wenn die Partei der nächsten Regierung angehören würde. Ein Dreierbündnis mit SPD und Grünen hätte mit Abstand die größte Unterstützung von allen rechnerisch möglichen Koalitionen.

Grüne als Innovationskraft

Die Grünen werden in der Stadt als Innovationskraft wahrgenommen. Sie sind die Partei, die bei der Frage nach den besten Zukunftsideen für die Stadt den Spitzenplatz erobert. Im Vergleich zur Wahl 2011, bei der die Partei unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe ihr bisheriges Rekordergebnis verbuchte, verlieren die Grünen zwar an Kompetenzzuschreibungen. Trotzdem wird ihnen in Berlin weiter ein vergleichsweise breites inhaltliches Profil zugeschrieben. Nummer eins sind die Grünen aus Sicht der Berliner nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch in der Verkehrspolitik. Mehr als 25 Jahre nach der bisher einzigen Regierungsbeteiligung in Berlin fänden es diesmal 70 Prozent der Wähler gut, wenn die Grünen im neuen Senat vertreten wären.

Die AfD-Hochburgen Berlins
tagesschau 16:00 Uhr, 19.09.2016, Kristin Joachim, RBB

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Flüchtlingspolitik nur für AfD-Anhänger zentrales Thema

Die AfD schafft auch in Berlin auf Anhieb ein zweistelliges Ergebnis. Die Flüchtlingspolitik, das wichtigste Argument der AfD-Anhänger für die eigene Wahlentscheidung, spielt bei dieser Wahl allerdings eine geringere Rolle als bei anderen Landtagswahlen in diesem Jahr. Zwar ist eine Mehrheit der Berliner für eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen, zugleich empfinden 55 Prozent der Befragten Flüchtlinge aber auch als Bereicherung für das Leben in Deutschland. Aussagen, wonach für Flüchtlinge mehr getan werde als für Einheimische und wonach der Zuzug von Flüchtlingen den Menschen Angst mache, bejahen zwar die allermeisten AfD-Wähler, aber nur ein Drittel aller Wahlberechtigten.

Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass 84 Prozent der Berliner der Meinung sind, die AfD grenze sich nicht genug von rechtsextremen Positionen ab. Diese Sicht teilt sogar jeder zweite AfD-Anhänger. Insgesamt wird die Partei in erster Linie als Protestpartei gesehen – mehr als zwei Drittel entschieden sich nach eigenen Angaben aus Enttäuschung über andere Parteien für die AfD.

FDP punktet mit Flughafen Tegel

Die FDP, die nach ihrem Rekordtief von 2011 in das Abgeordnetenhaus zurückkehrt, profitiert in hohem Maße von ihrer Forderung nach einer Beibehaltung des Flugbetriebs am Airport in Tegel. Fast zwei Drittel der Berliner finden diese FDP-Position gut. Zumindest 40 Prozent bescheinigen der Partei auch, eine gute Alternative für Wähler zu sein, die sich bei der CDU nicht mehr aufgehoben fühlen. Inhaltlich überzeugen die Liberalen in erster Linie mit ihrer Wirtschaftspolitik. Fünf Prozent der Wähler trauen ihr aber auch von allen Parteien am ehesten zu, die öffentliche Verwaltung besser zu organisieren - ein aktuell viel beachtetes Thema in der Hauptstadt.

SPD-Verluste bei Arbeitern und Arbeitslosen

Bei den teilweise deutlichen Verschiebungen zwischen den politischen Lagern fallen mehrere Entwicklungen auf: Die SPD verliert am stärksten bei Arbeitern und Arbeitslosen sowie in der Altersgruppe über 60 Jahre, wenngleich sie dort mit 28 Prozent immer noch ihr bestes Ergebnis einfährt. Die CDU verzeichnet bei den Wählern über 60 Jahren sogar noch deutlichere Verluste - und dort wiederum bei Männern stärker als bei Frauen.

Linke mit großen Gewinnen bei jungen Wählern

Dagegen ist Die Linke diesmal in allen Altersgruppen ähnlich erfolgreich - starke Zuwächse gelingen ihr bei den jungen Wählern unter 35 Jahren, bei denen sie ihr Ergebnis von 2011 mehr als verdoppelt. Bei einer Kernzielgruppe, den Arbeitslosen, verliert die Partei gegen den Trend, verbucht dafür aber starke Zuwächse bei Beamten und Angestellten.

Die Grünen finden den größten Rückhalt in den Altersgruppen unter 45 Jahren und bei den Wählern mit hohen Bildungsabschlüssen. Für die AfD entscheiden sich Männer deutlich häufiger als Frauen. Die besten Ergebnisse erzielt die Partei bei Männern über 45 Jahre, bei Arbeitern und Arbeitslosen. Die FDP wird in Berlin ebenfalls von Männern häufiger gewählt als von Frauen. Die größten Zuwachsraten schafft die Partei diesmal bei der Stammklientel der Selbstständigen sowie bei Rentnern.

Jeder dritte traf Wahlentscheidung spät

Insgesamt fällt auf, dass mehr als ein Drittel der Berliner erst am Wahltag oder in den Tagen davor seine Wahlentscheidung getroffen hat. Mehr als jeder dritte Wähler gibt Enttäuschung über andere Parteien als vorrangiges Motiv für das eigene Abstimmungsverhalten an. Trotzdem liegt die Wahlbeteiligung diesmal deutlich höher als 2011 - und das, obwohl 61 Prozent aller Berliner der Aussage zustimmen: "Egal wer regiert - keine Partei kriegt die Probleme Berlins in den Griff."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. September 2016 um 20:00 Uhr.

Darstellung: